Eine Passion


Billie Holiday - bedeutendste Jazz sängerin aller Zeiten und Ikone des tragischen Untergangs. Heuer (1995) wäre sie achtzig Jahre alt geworden. Um ihr Leben wabert immer noch der Nebel des Mythischen. Nun sind zwei Biographien in deutscher Übersetzung erschienen, die versuchen, durch diese Nebel hindurchzustossen.

Tom Gsteiger

Billie Holiday, die vom deutschen Musikpublizisten Werner Burkhardt zur «Identifikationsfigur für Desperados und Depressionen, für die echte Verzweiflung und die schicke Melancholie» erklärt wurde, war bereits zu Lebzeiten eine Kultfigur. Ihr exzessiver und selbstzerstörerischer Lebenswandel verlieh ihr eine Aura des Tragischen, die genährt wurde von zahlreichen Legenden, an deren Fabrikation Billie Holiday massgeblich mitbeteiligt war. In der vom Ghostwriter William Dufty verfassten «Auto»biographie «Lady sings the Blues» erfand Billie Holiday ihr Leben neu, wobei sie - ihrem masochistischen Charakter gemäss - nicht zu Verklärung, sondern zu Verdüsterung neigte.

Das 1956, drei Jahre vor ihrem Tod, erschienene Buch beginnt mit einem veritablen Faustschlag: «Mam und Dad waren noch Kinder, als sie heirateten. Er war achtzehn, sie war sechzehn, und ich war drei.» In Tat und Wahrheit war Billies Mutter Sadie bei der Geburt ihrer Tochter im Jahre 1915 bereits neunzehn. Und mit dem Vater ihres Kindes, dem Banjospieler Clarence Holiday, war sie nie verheiratet. Überhaupt hatte Sadie nie Glück mit den Männern, ihrer Tochter sollte es nicht anders ergehen.

Zwischen Himmel und Hölle

Die Beziehungsdebakel der von «einer unerlösbaren Lebens- und Sexgier und einem panischen Bedürfnis nach Anerkennung» getriebenen Holiday - so Peter Rüedi - ziehen sich wie ein roter Faden durch die faktenreiche Holiday-Biographie «Wishing on the Moon» von Donald Clarke. In dem leider ziemlich schlampig übersetzten Buch wird Holidays Leben zwischen Himmel und Hölle akribisch nachgezeichnet. Dabei stützt sich Clarke auf die Abschriften von Interviews, welche Linda Lipnack Kuehl Anfang der siebziger Jahre mit beinahe 150 Zeitzeugen (Freunde, Partner, Bekannte, Mitmusiker Holidays) geführt hat. Clarke lässt diese Zeitzeugen sehr ausführlich zu Wort kommen, das verleiht seinem Buch einen lebendigen Charakter (der zuweilen recht deftige «slang» kommt allerdings nur im Original so richtig rüber). Clarke entwirft ein packendes und facettenreiches Bild von Holidays Leben und Leiden. Allerdings wird aus dem Facettenreichtum zuweilen unnötig-nervende Faktenhuberei; da bewahrheitet sich dann einmal mehr das Diktum der Krimi-Tante Dorothy Sayers: «Fakten sind wie Kühe. Schaut man ihnen zu lange in die Augen, so laufen sie davon.» D. h.: Der Leser verheddert sich ab und zu in einem Dickicht von widersprüchlichen Zeitzeugenaussagen - und manchmal schüttelt er den Kopf, weil Clarke langweilige Anekdoten, die zum Verständnis von Holidays Leben nichts beitragen, in epischer Breite auswalzt.

Doch die starke Passagen in «Wishing on the Moon» machen die gelegentlichen Ausflüge in unergiebigen Faktenfetischismus mehr als wett. Clarke hat einen spannenden Lebensbericht verfasst, der den Menschen Holiday aus dem Schatten des Mythos hervortreten lässt. Aus vielen Perspektiven verfolgt Clarke Holidays Aufstieg und Fall - ohne falsche Sentimentalität.

Erschütternde Präzision


Er hält sich an die Zeitzeugen, mit eigenen Wertungen geht er zum Glück sparsam um, hat er doch selbst nicht gerade viel Schlaues zu sagen: Clarke ist ein gewissenhafter Berichterstatter, aber kein begabter Musikessayist, in seine ästhetischen Urteilen hat er einen Hang zu nichtssagender Hemdsärmligkeit. Über das musikalische Genie Holidays erfahren wir in Clarkes Buch nicht viel Neues, dafür sehr viel über das Leben hinter der Kunst. Mit erschütternder Präzision schildert «Wishing on the Moon» die zerrüttete Kindheit Holidays als einziges Kind einer alleinerziehenden Mutter. Eleanora - so hiess Holiday als Kind - wächst im Getto von Baltimore auf, verbringt eine Zeit in der Erziehungsanstalt, macht Erfahrungen mit Drogen und Kinderprostitution. Sie beginnt aber auch schon mit dem Singen.

Zeit ihres Lebens war die Musik für Holiday ein rettender Fluchtpunkt: wohl nur während sie sang, konnte Billie Holiday sich selbst ohne Schrecken inne werden (diesen Zustand bezeichnete Walter Benjamin als das wahre Glück). Nach dem Umzug nach New York tritt Holiday in Nachtklubs auf - und wird gleich mehrmals entdeckt. Der wichtigste Holiday-Entdecker ist wohl John Hammond, der sie unter seine Fittiche nimmt und eine erste Aufnahmesession organisiert: Am 27. November 1933 singt Billie Holiday die Eintagsfliege «Your Mother's Son-in-Law».

Rassismus und «Strange Fruit»


Billie Holiday feiert Grosserfolge im Apollo-Theater. Ab 1935 kommt es zur legendären Aufnahmeserie unter der Leitung des Pianisten Teddy Wilson, ab 1936 erscheinen auch Aufnahmen unter Holidays Namen, darunter die magischen Zusammentreffen mit ihrem Seelenbruder, dem Tenorsaxophonisten Lester Young. 1937 wird sie von Count Basie engagiert, trennt sich aber 1938 unter auch von Clarke nicht ganz klar aufzuklärenden Umständen von ihm.

Zwischen März und Dezember 1938 singt sie mit der (weissen) Big Band Artie Shaws. Obwohl dieser sie immer wieder in Schutz nimmt, bekommt sie den Rassismus voll zu spüren: Im New Yorker Lincoln Hotel (also in einer liberalen Stadt des Nordens und in einem Hotel, das nach dem Präsidenten benannt ist, der die Sklavenbefreiung durchsetzte) muss sie den Warenlift benutzen und darf während der Live-Radioübertragungen nicht singen! Sie verlässt Shaw und erhält ein neunmonatiges Engagement im Café Society, wo sie zum ersten Mal «Strange Fruit» singt. Mit dieser Anklage gegen die Lynchjustiz beginnt die zweite Phase in Holidays Gesangskarriere. Für Decca macht sie Aufnahmen mit Streicherbegleitung.

Reise ans Ende der Nacht


Holiday ist auf dem Weg zur Popsängerin, doch ihr geringes Selbstvertrauen kommt ihr in die Quere. Peter Rüedi verdanken wir folgende wertvolle Einsicht: «Kein Zufall, dass sie, Zeit ihres Lebens von panischem Lampenfieber gequält, zu dem Zeitpunkt dem Heroin verfiel, da der Durchbruch zum grossen, d. h. die Grenzen des Jazz sprengenden Erfolg zum Greifen nah war, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs.» Die Heroinsucht ist der Kulminationspunkt von Holidays eskalierendem Drogenkonsum, sie beschleunigt ihre Reise ans Ende der Nacht. Ihr Leben wird zur Passionsgeschichte eines berühmt-berüchtigten Junkies. Beschaffungsstress! Gefängnis! Die Männer, mit denen sie sich nun einlässt, werden immer brutaler.

Aber in ihrer Kunst gibt es immer noch grossartige Momente: Die Abnahme ihrer stimmlichen Mittel kompensiert sie mit einer Zunahme der interpretatorischen Fähigkeiten. Die Aufnahmen für Verve ab 1952 - jetzt wieder mit kleinen Jazzcombos - beweisen dies. Doch aus der selbstzerstörerischen Abwärtsspirale gibt es kein Entrinnen. Im Juli 1959 wird Billie Holiday mit einem Leberkoma ins Spital eingeliefert, auf dem Totenbett wird sie nochmals wegen Drogenbesitzes verhaftet, das Spital wird zum Gefängnis. Gegen drei Uhr morgens des 17. Juli stirbt sie.

Scharfsinn und Schwärmerei


Im Gegensatz zu Clarkes Wälzer kommt Robert O'Meallys «Lady Day» sehr schlank daher. In der Einleitung bezeichnet der Autor sein Werk als biographischen Essay. O'Meally strebt also keine umfassende Lebensschau an, vielmehr will er Holidays Karriere «nicht als soziales Phänomen, sondern als die Geschichte einer Künstlerin» zur Darstellung bringen. So bleibt denn O'Meally bei der Schilderung von Holidays Leben sehr knapp, er liefert aber die wichtigsten Fakten.

Dafür widmet er sich ihrer Kunst um so ausführlicher. Bei der «sorgfältigen Erforschung ihrer Rolle als Künstlerin» geht er zuweilen mit grossem Scharfsinn zu Werk, doch zu oft driftet er ab in Sphären schwärmerischer Schwammigkeit. Die Schwammigkeit sei hier nur konstatiert, der Scharfsinn dagegen exemplifiziert. O'Meally schreibt: «Holidays Kunst war eine minimalistische.» Er beschreibt, wie die Mikrofon-Sängerin Holiday auch dürftige Melodien und dümmliche Texte durch distanzierte «coolness» zu emotionalisieren verstand, indem sie sich der Kultivierung der Nuancen widmete. Er geht auf das einzigartige Timbre ihrer Stimme ein, das nicht zuletzt geprägt ist durch das fast vollständige Fehlen von Vibrato. In der Analyse einiger Songs zeigt O'Meally, wie es Billie Holiday schafft, aus banalem Material die Wahrheiten des Lebens herauszufiltern.

Billie Holiday und die Liebe


O'Meally zitiert Amiri Baraka (alias LeRoi Jones): «Manchmal fürchtet man sich, dieser Lady zuzuhören.» In Clarkes Buch meint die Sängerin und Tänzerin Marie Bryant: «Billie Holiday hat es geliebt zu leiden, weil sie nicht wusste, was Liebe ist.» Als ich diesen Satz zum ersten Mal las, sah ich darin den Schlüssel zur Erklärung von Holidays Untergang. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher: Vielleicht litt Billie Holiday ja auch, weil sie zu genau wusste, was Liebe sein sollte. Wollte sie durch ihre Selbstzerstörung jene ins Unrecht setzen, die ihr das Ausleben ihrer Sehnsüchte nicht erlaubten?

11.10.1995

Donald Clarke, «Wishing on the Moon», Piper Verlag; Robert O'Meally, «Lady Day», Hannibal Verlag.