Die Lady, die fast nie den Blues sang

Die luxuriöse 10-CD-Edition «Lady Day: The Complete Billie Holiday on Columbia 1933-1944» enthält das bahnbrechende Frühwerk der Jazzsängerin.

Tom Gsteiger

Billie Holidays «Autobiografie», 1956 erschienen und verfasst vom auf spektakuläre Zuspitzungen spezialisierten Boulevardjournalisten William Dufty, geht nicht sehr sorgfältig mit der Wahrheit um. Das fängt bereits beim Titel, «Lady Sings the Blues», an. Das Feeling des Blues war Holiday zwar wohl vertraut, doch Bluesnummern spielten in ihrem Repertoire nur eine marginale Rolle. Holidays Spezialität waren einerseits die Eintagsfliegen der Schlagerindustrie, also harmlose Liedchen wie «What a Little Moonlight Can Do» oder «Eeny Meeny Meiny Mo», andererseits grosse Standards wie Gershwins «Summertime» oder Kerns «The Way You Look Tonight». Diese Songs, ob trivial oder genial, interpretierte die Autodidaktin Holiday auf ihre eigene, unverwechselbare Art. Sie war eine auf ihre Intuition vertrauende Magierin, die mit einem Minimum an Mitteln - auch zu ihren besten Zeiten war ihr Stimmumfang nicht grösser als anderthalb Oktaven - ein Maximum an Wirkung erzeugte.

Vergleich mit Ella

Holiday war keine Scat-Virtuosin wie Ella Fitzgerald, sondern eine Song-Stilistin, die die Stücke nicht notengetreu, sondern nach ihrem Gusto sang. Sie selbst sagte es so: «I hate straight singing. I have to change a tune to my own way of doing it.» Ihre Stärken waren ein Rhythmusgefühl, das sie kaum je im Stich liess und das ihr eine unheimlich swingende und doch stets entspannte Phrasierung ermöglichte, sowie eine Palette höchst subtiler und ungewöhnlicher vokaler Timbres, die ihrem Gesang eine aufwühlende emotionale Authentizität verleihen. Dem Klarinettisten Tony Scott verdanken wir einen erhellenden Vergleich: «Wenn Ella singt, ihr Mann habe sie verlassen, denkt man, der Typ sei schnell raus gegangen, um ein Brot zu kaufen. Aber wenn Billie das singt, weiss man genau, dass es vorbei ist.» Holiday wurde in ihrem dramatischen, anfänglich von Hedonismus, später von Selbstzerstörung geprägten Leben oft von Männern verlassen - in der Regel handelte es sich dabei um ausbeuterische und brutale Tunichtgute. Begleitet wurde Holidays Masochismus von einer eskalierenden Drogensucht, die sie von Alkohol und Niktoin über Marihuana und Opium zu Heroin führte und die ihr in der Nachkriegszeit mehrere Verhaftungen, eine Gefängnisstrafe und den Entzug der für den Auftritt in New Yorker Nachtclubs unerlässlichen «cabaret card» einbrachte. Letztmals wurde sie auf ihrem Totenbett verhaftet. Als sie am 17. Juli 1959 im Alter von 44 Jahren starb lagen 70 Cents auf ihrem Bankkonto, dazu kamen fünfzehn 50-Dollar-Noten, die sie sich auf ihren Körper geklebt hatte.

Gewissenhafte Rechercheure wie John Chilton, Donald Clarke oder Stuart Nicholson haben Holidays Leben bis in die entlegensten Winkel ausgeleuchtet und dabei auch die Eröffnungspointe ihrer Autobiografie - «Mam und Dad waren noch Kinder, als sie heirateten. Er war achtzehn, sie war sechzehn, und ich war drei.» - ins Reich der Fabel verwiesen. Doch die Essenz von Holidays einmaliger Gesangskunst können auch sie uns nicht erklären - Ella Fitzgerald und Sarah Vaughan hatten schliesslich auch eine unglückliche und unbehütete Kindheit und verliessen die Schule vorzeitig -, sie lässt sich nach wie vor nur hörenderweise erleben.

Drei Phasen

Holidays Diskografie weist drei Phasen auf. Zwischen 1933 und 1942 ging sie für Columbia ins Studio. Nach dem Aufnahmeboykott der Musikergewerkschaft wechselte sie 1944 zu Decca, wo sie bis 1950 blieb: In dieser Zeit liess sie sich, den allgemeinen Trends folgend, gerne von grossen Orchestern mit reichlich Streicherschmalz begleiten. Von 1952 bis 1957 entstand das Spätwerk für Verve, das eine Rückkehr zum Jazzcomboformat der Anfangszeit, aber nicht zu deren gesanglicher Originalität und Unbekümmertheit brachte. Den Löwenanteil ihrer Meisterwerke schuf Holiday in der zweiten Hälfte der Dreissigerjahre, begleitet von hochkarätigen Ad-hoc-Combos, deren Mitglieder entweder aus den führenden Swing-Bigbands oder aus den Jazzclubs der 52nd Street stammten (Holiday absolvierte 1937/38 zwei kurze Einsätze in den Orchestern von Count Basie und Artie Shaw). Diese glorreichen Aufnahmen, inklusive Vor- und Abspann, liegen nun auf der luxuriösen und in einem über 100-seitigen Begleitbuch brillant kommentierten 10-CD-Edition «The Complete Billie Holiday on Columbia 1933-1944» (Sony) vor: Sie enthält alle ehemals für den kurzlebigen Jukeboxmarkt produzierten Titel plus eine Unmenge «alternate takes» sowie ein paar weitere Schmankerl (ein Ausschnitt aus einem Ellington-Soundtrack, Radiomitschnitte mit Basie und Benny Goodman sowie zwei Nummern eines Esquire-All-Stars-Konzert von 1944).

Lady Day & Pres

Holidays Gesang befand sich damals im Schnittpunkt von natürlicher Lebensfreude und frühreifer Abgeklärtheit, darum löst er gleichermassen pures Entzücken und existenzielles Schaudern aus. Es fehlt hier der Platz, um alle Höhepunkte der 10 CDs Revue passieren zu lassen. Nicht unerwähnt bleiben darf das Zusammentreffen von Holiday mit dem lyrischen Tenorsaxofonisten Lester Young, mit dem sie zwischen 1937 und 1941 49 Titel aufnahm, was knapp einem Drittel ihres Columbia-Œuvres entspricht - ein Auszug davon ist auf der Einzel-CD «Lady Day & Pres» (F & A) zu hören. Young war damals Holidays platonischer Freund und Seelenbruder - er verpasste ihr den Spitznamen Lady Day, sie nannte ihn Pres (kurz für President) -, gemeinsam begaben sie sich auf die Suche nach dem verlorenen Paradies. Nicht selten erfand er eine spontane Begleitstimme zu ihrem Gesang, dabei entstanden quasi-kontrapunktische Dialoge, die in ihrer Sanftheit und Weltentrückheit einen Kontrapunkt zur vorherrschenden Burschikosität der Swingära bilden. Young ist beileibe nicht der einzige starke Partner von Holiday auf den zehn CDs, für denkwürdige Momente sorgen bspw. auch noch der Pianist Teddy Wilson (er ist auch der nominelle Leader zahlreicher Sessions), die Tenorsaxofonisten Ben Webster und Joe Thomas, der Altsaxofonist Johnny Hodges, die Trompeter Buck Clayton und Roy Eldridge, der Schlagzeuger Cozy Cole oder die Basie-Rhythmusgruppe mit Freddie Green, Walter Page und Jo Jones. Das grösste Verdienst der exemplarischen Columbia-Edition ist es, dass sie uns Billie Holiday als das näher zu bringen vermag, was sie in erster Linie ist: Nicht eine tragische Figur, sondern eine magistrale Jazzimprovisatorin, die keine Vergleiche zu scheuen braucht.