Ein Genie kehrt aus der Versenkung zurück
In den Sechzigerjahren nahm er magistrale Alben für Blue Note auf, um danach mehr und mehr von der Bildfläche zu verschwinden. Seit Ende der 90er-Jahre erlebt er einen zweiten Frühling: der Pianist und Komponist Andrew Hill. 2003 erhielt er den dänischen Jazzpar-Preis, der als Nobelpreis des Jazz gelten darf. Andrew Hill starb am 20. April 2007.
Was hat die von Mario Botta erbaute UBS-Filiale in Basel mit den Kompositionen Andrew Hills zu tun? Im Sommer eigentlich nichts, im Winter dagegen sehr viel. In dieser Jahreszeit zeigt sich der spiegelglatte Boden in der Eingangshalle von seiner heimtückischen Seite: Es müssen Teppiche verlegt werden, damit die Passanten nicht reihum auf die Nase fallen. In Hills Stücken herrscht ebenfalls ständig Rutschgefahr - für Interpreten und Zuhörer gleichermassen. Der am 30. Juni 1931 in Chicago geborene Hill (und nicht in Haiti, wie oft fälschlicherweise angegeben wird) ging bereits in jungen Jahren auf Kollisionskurs mit althergebrachten Jazzkonventionen. Als Jugendlicher sandte er eine Komposition an den damals in Yale lehrenden Paul Hindemith, der ihn daraufhin unter seine Fittiche nahm. Ein weiterer wichtiger Mentor des frühreifen Hill war der aus Detroit stammende Pianist Barry Harris: Er machte Hill mit den waghalsigen Inventionen der Bop-Ikone Bud Powell bekannt.
In seinem späteren Schaffen sollte es Hill gelingen, diese beiden Pole - avancierte, zum Teil der zeitgenössischen E-Musik abgeschaute Techniken auf der einen, die Tradition des modernen Jazz auf der anderen Seite - auf ingeniöse Weise miteinander zu verbinden. Er schuf keine verkrampfte «Weder-Fisch-noch-Vogel»-Musik, sondern leistete einen bis heute gültigen, in vielerlei Hinsicht vorbildhaften Beitrag zur Erweiterung des Vokabulars des progressiven Postbop. Dass er dafür nie die ihm gebührende Anerkennung erhielt, ist ein Skandal, der sich allerdings leicht erklären lässt. Da ist erstens Hills antikommerzielle Haltung zu nennen. Abstriche an seiner künstlerischen Vision hat er nur gerade zwischen 1967 und 1970 gemacht, ohne das es ihm viel genützt hätte: Wie viele andere Jazzer ging Hill in dieser Zeit im Feedback übersteuerter Elektrogitarren unter.
Quer
Damit ist auch schon ein zweiter Grund für Hills «Unsichtbarkeit» angedeutet: Seine anspruchsvolle Musik konnte nie von irgendwelchen Trends und Moden (Hardbop, Black Power, Fusion, retrospektiver «Marsalismus») profitieren, sie lag und liegt quer in der Landschaft. Kommt hinzu: Hill ist total normal, er nimmt keine Drogen, trägt keine verrückten Hüte, hatte nie eine Begegnung mit Gott, fährt keinen Ferrarri und ist nie durch Publikumsbeschimpfungen aufgefallen - zur Kultfigur taugt er einfach nicht. In einem Loblied auf den ebenfalls krass unterbewerteten Trompeter Kenny Dorham hat Hill 1964 einen Satz untergebracht, der ebenso gut als Selbstdiagnose gelesen werden kann: «Sein Problem ist, dass er so nett ist. Die Leute scheinen Grösse mit Gemeinheit oder Bitterkeit in Verbindung zu bringen.»
Nachdem er Erfahrungen gesammelt hatte als Begleiter von Chicagoer Lokalheroen wie Gene Ammons, Johnny Griffin oder Ira Sullivan und durchreisenden Cracks wie Charlie Parker, Ben Webster oder Miles Davis, gründete Hill um 1957 sein erstes Trio. 1961 kam die Sängerin Dinah Washington nach Chicago und nahm Hill mit auf Tournee, der daraufhin in New York sesshaft wurde. Durch den Tenorsaxofonisten Joe Henderson kam er in Kontakt mit Alfred Lion, dem legendären Produzeten, der bis 1967 die Geschicke des Labels Blue Note leitete. Nach Aufnahmesitzungen mit Henderson («Our Thing», September 1963) und Hank Mobley («No Room For Squares», Oktober 1963) bat Lion Hill, im ein paar seiner Kompositionen vorzuspielen. Jahre später erzählte Lion seinem rührigen «Nachlassverwalter» Michael Cuscuna, in diesem Moment habe er sich wie bei der ersten Begegnung mit der Musik Thelonious Monks und Herbie Nichols' gefühlt.
Alfred Lions Begeisterung für Andrew Hill
Was danach folgte, ist ein kleines Wunder: Unter Lions Ägide nahm zwischen November 1963 und März 1966 Material für acht Alben auf, wovon sechs noch in den Sechzigerjahren erschienen - die zwei restlichen wurden 1975 von Cuscuna ausgegraben. Nicht alle dieser Aufnahmen sind zur Zeit einzeln erhältlich. Dafür findet man im Katalog des von Cuscuna ins Leben gerufenen, nicht zuletzt auf die Rehabilitation verkannter Jazzmusiker spezialisierten Labels Mosaic die 6-CD- bzw. 10-LP-Box «The Complete Blue Note Andrew Hill Sessions (1963-66)»: 47 Werke Hills in insgesamt 62 Versionen, wovon elf bisher noch nie zu hören waren. Für die jeweils an einem einzigen Tag abgehaltenen, aber minuziös vorbereiteten Sessions - Lion war zurecht davon überzeugt, dass Jazzer dann am spontansten improvisieren, wenn sie gut mit dem Material vertraut sind - stellte Hill ganz unterschiedliche Bands zusammen, wobei er nie auf eine Rhythmusgruppe mit Bass und Schlagzeug verzichtete. Nachfolgend eine kurze Typologie.
- Vier Quartette, davon zwei mit Joe Henderson bzw. Sam Rivers am Tenorsax, eines mit zwei Bässen (Richard Davis und Eddie Khan) und eines mit dem Vibraphonisten Bobby Hutcherson.
- Zwei Quintette, das erste mit Hutcherson und John Gilmore (Tenorsax) in der Frontline, das zweite mit Henderson und dem Trompeter Freddie Hubbard.
- Am 21. März 1963 nahm ein magistrales Sextett mit Kenny Dorham (Trompete), Henderson, Eric Dolphy (Altsax, Bassklarinette), Richard Davis und dem achtzehnjährigen Wunderkind Tony Williams am Schlagzeug Hills Opus Magnum auf: «Point Of Departure» (mit einem ähnlich besetzten Sextett meldete sich Hill 1999 mit dem Album «Dusk» auf der Jazzszene zurück).
- Mit einem Septett mit den Bläsern Gilmore und Hubbard und einer um zwei Perkussionisten erweiterten Rhythmusgruppe wagte Hill auf «Compulsion» (Oktober 1965) den Schritt von harmonisch dichten, formal vertrackten Kompositionen zu freieren, offeneren Formen.
Fünf weitere, mehrheitlich bisher unveröffentlichte Blue-Note-Sessions erschienen 2005 auf der 3-CD-Box «Mosaic Select: Andrew Hill», darunter Aufnahmen, die ein Jazzquartett mit einem Streichquartett vereinen.
Zurück in die Zukunft
Obwohl stets sehr viel von der Vergangeheit des Jazz in ihr mitschwingt, tönt die Musik des Pianisten Andrew Hill fast immer wie «Zukunftsmusik». Deswegen haben die von Alfred Lion produzierten Aufnahmen aus den Sechzigerjahren rein gar nichts von ihrer abenteuerlichen Frische eingebüsst. Nach Lions Weggang von Blue Note im Jahre 1967 blieb Hill dem langsam abserbelnden Label noch ein paar Jahre treu. Von 1970 bis 1973 machte Hill gar keine, danach nur noch sporadisch Aufnahmen. Mit einem erarbeiteten Doktorhut dekoriert, bestritt er seinen Lebensunterhalt vornehmlich durch den Unterricht an Universitäten. Um 1990 erschienen zwei neue Alben auf dem revitalisierten Blue-Note-Label. Danach: Sendepause. Hill zog sich zurück, mit dem ganzen «Neotraditonalismuszirkus» à la Wynton Marsalis hatte er nichts am Hut.
Zu Gast bei Greg Osby
«Andrew Hills Musik tönt wie Geometrie für mich. Hill ist ein echter Strukturalist, er baut seine Musik aus kleinen Zellen heraus auf.» Also sprach der aus der New Yorker M-Base-Bewegung hervorgegangene Altsaxofonist Greg Osby, der inzwischen zu einem der wichtigsten Innovatoren des Gegenwartsjazz geworden ist. Einen Teil seiner praktischen Ausbildung absolvierte Osby in einer Band Hills. Auf Osbys Album «The Invisible Hand» (EMI) musiziert Hill mit einem weiteren Altmeister, dem diskret-durchtriebenen Gitarristen Jim Hall, und drei Protagonisten der jüngeren Generation: Scott Colley (Bass), Terri Lyne Carrington (Drums) und Gary Thomas (Sax, Flöte). Entstanden ist ein verhaltenes, zuweilen mysteriös-somnambules Album, auf dem niemand ausrutscht. Nochmals Osby: «Viele Musiker kommen ins Stolpern, wenn sie mit Andrew spielen: Er hat ein vollkommen elastisches Zeitgefühl. Man muss beweglich und schnell sein, um den Beat nicht zu verlieren.»
Ein neuer Meilenstein
Ziemlich genau 35 Jahre nach «Point Of Departure» kehrte Hill 1999 mit «Dusk» (Palmetto) wieder zur Sextettformation zurück. Dabei griff der quicklebendige Veteran auf Musiker zurück, die seine Söhne sein könnten: Der Trompeter Ron Horton ist ein Schlüsselmitglied der Jazz Composer's Alliance, Greg Tardy gehört zu den jungen Tenoristen, die «lovanoesk» loslegen können, der Altist Marty Ehrlich brilliert seit Jahren als «ehrliche Haut», und Scott Colley am Bass sowie Billy Drummond am Schlagzeug wissen, dass der Hase bei Hill anders läuft als sonst. Das breite, emotional dichte Repertoire besteht aus fünf neuen Nummern, dem erstmals 1986 aufgenommenen Stück «Ball Square» und zwei Soloexkursen Hills. Ein Wurf, dem weitere aufregende Alben folgen sollten.
Nobelpreis des Jazz
2003 wurde Hill mit dem dänischen Jazzpar-Preis ausgezeichnet, der als eine Art Nobelpreis des Jazz gelten darf. Vor der Preisverleihung gab Hill ein paar Konzerte mit einem transatlantischen Oktett. Dabei entstand das Live-Album «The Day the World Stood Still» (Stunt Record). Der Bassist Scott Colley und der Schlagzeuger Nasheet Waits gleiten mit Grazie durch die alles andere als stromlinienförmigen Grooves. Dazu kommen fünf hervorragend disponierte Bläser, die insgesamt zehn Instrumente – vom Sopransaxophon bis zur Tuba – spielen: Sie werden von Hill derart variabel eingesetzt, dass daraus ein ungeheuer vielschichtiger Texturenreichtum resultiert. In solistischer Hinsicht lassen insbesondere der Trompeter Staffan Svensson und der Tenorsaxophonist Thomas Agergaard mit markanten Statements aufhorchen. «Zur Umsetzung meiner Kompositionen braucht es Musiker, die aufeinander hören. An Virtuosen, die nur für sich selbst und das Publikum spielen, bin ich nicht interessiert», hält Hill fest.
Das Fluidum der Jazzpar-Aufnahmen lässt sich nicht zuletzt auf die relative Offenheit von Hills Vorgaben zurückführen: Rigidität jedweder Art ist ihm zuwider. Besonders deutlich wird dies auf Hills einzigem Bigband-Album, «A Beautiful Day» (Palmetto), das 2002 bei einem Gastspiel im New Yorker Jazzclub Birdland entstand. Auf zugleich kühne und kunstvolle Weise wirft Hill die Konventionen des Bigband-Genres über den Haufen und nimmt dabei ein gewisses Mass an Chaos bewusst in Kauf: «Das Schreckliche an den meisten Bigbands ist die fehlende Flexibilität: Man spielt jeden Abend dieselben Stücke in derselben Reihenfolge. Das wollte ich nicht. Darum schrieb ich Parts, die man entweder auf verschiedene Weise zusammensetzen kann oder die von den Musikern mit eigenen Ideen ergänzt werden können. Manchmal benutze ich eine Kreidetafel, um die Band zu lenken.»
Mit dem 2005 eingespielten und ein Jahr später veröffentlichten, von Michael Cuscuna (er ist auch für die exemplarischen Hill-Re-Issues auf Mosaic verantwortlich) produzierten Album «Time Lines» kehrte Hill zu Blue Note zurück.
