«Inner Urge»
Zum Tod des Tenorsaxofonisten Joe Henderson, 2001.
Joe Henderson ist im Alter von 64 Jahren an einem Herzversagen gestorben. Er hinterlässt ein Œuvre, das ihn als Stil bildenden Tenorsaxofonisten des Jazz ausweist. Am innovativsten war Henderson in den Sechzigerjahren, berühmt wurde er aber erst zu Beginn der Neunzigerjahre. Nun könne er wenigstens die Miete immer pünktlich bezahlen: Joe Henderson pflegte den Ruhm, der ihn mit grosser Verspätung eingeholt hatte, mit sanfter Ironie zu kommentieren.
Am Ende seiner Karriere wurde der Tenorsaxofonist Henderson als «elder statesmen» des Jazz gefeiert, für das Label Verve nahm er eine Reihe klug konzipierter Themenalben von allerdings sehr unterschiedlicher Qualität auf - als am gelungensten dürfen die Strayhorn-Hommage «Lush Life» und die Miles Davis gewidmete CD «So Near, So Far» gelten. Auf diesen Aufnahmen besticht Henderson als neugieriger Altmeister, dem es vornehmlich um Vertiefung und Verfeinerung eines unglaublich vielschichtigen Vokabulars geht. Wer zur Essenz dieses Vokabulars vorstossen will, muss eine Reise in die Sechzigerjahre unternehmen. In diesem für den Jazz magischen Dezennium wuchs Henderson regelmässig über sich selbst hinaus. Damals spielte Henderson relaxten «After-Hours»-Jazz, «souligen» Hardbop, modalen Jazz und komplizierten Postbop, ohne je an Qualität und Integrität einzubüssen. Das lag an seinem technisch schier unlimitierten Ressourcenreichtum und seiner undogmatischen Offenheit. Aus unterschiedlichsten Einflüssen entwickelte Henderson eine in sich stimmige Stilistik voller aufregender Kontraste - er erwies sich als Meister der Reflexion und als Enthusiast des Augenblicks, die expressiv-ungefilterte Direktheit des Blues war ihm ebenso wenig fremd wie die verklausulierte Eckigkeit der Avantgarde.
Blue Note-Stammgast
Joe Henderson kam am 24. April 1937 in Lima, Ohio, auf die Welt. Zu Beginn der Sechzigerjahre war er als Armee-Musiker in Europa stationiert, wo er berühmte «expatriatres» wie Bud Powell oder Kenny Clarke kennen lernte. 1962 zog er nach New York. Dort spannte er mit dem Trompeter Kenny Dorham zusammen. 1963 und 1964 nahm dieses wunderbar harmonierende Gespann fünf Alben für das Label Blue Note auf, wovon drei unter Hendersons Namen erschienen. Unter der Ägide des legendären Produzenten Alfred Lion nahm Henderson bis 1966 fünf brillante Alben unter eigenem Namen auf. «Inner Urge» vom November 1964 gilt als der Henderson-Knüller schlechthin. Daneben war Henderson als Sideman Stammgast im Studio von Rudy van Gelder und hatte wesentlichen Anteil am Erfolg von so unterschiedlichen Alben wie Lee Morgans «The Sidewinder», Horace Silvers «Song For My Father», Andrew Hills «Point Of Departure», Larry Youngs «Unity», Pete LaRocas «Basra», McCoy Tyners «The Real McCoy» oder Herbie Hancocks «The Prisoner». Bennie Wallace fühlte sich von Hendersons Umgang mit Obertönen an Elefantenrufe erinnert. Elefanten haben bekanntlich ein gutes Gedächtnis. Bleibt abschliessend die Hoffnung, dass Hendersons Werk den ihm gebührenden Platz in unserem kulturellen Gedächtnis erhält.
