Die seltsamen Hüte des Herrn Uehlinger
1975 hat Werner X. Uehlinger das Label Hat Hut gegründet. Die Geschichte dieser «Huthütte» liest sich wie ein hartnäckiges Plädoyer für unbequeme Musik.
Die Globalisierung hat auch im Musiksektor zu erheblichen Umwälzungen geführt. Die aus Fusionen hervorgegangenen Megakonzerne behandeln Musik mit Vorliebe als «Lifestyle-Accessoire»: Sie liefern weichgespülte Soundtracks für ein schmerzfreies Leben zwischen «Schöner Wohnen» und «Fleissiger Arbeiten». In einem solchen Umfeld wirkt ein Produzent wie Werner Xaver Uehlinger wie ein irritierender Fremdkörper. Das meiste, was seit 1975 auf Uehlingers Independentlabel Hat Hut erschienen ist, dürfte beim Gros der Musikkonsumenten Kopfschütteln auslösen; bei einem kleinen Test im Bekanntenkreis brachte eine Zuhörerin mit gequältem Gesichtsausdruck die Vokabel «Magenverstimmungsmusik» über ihre Lippen.
Uehlinger lässt sich von solchen Voten nicht beeindrucken, er weiss, dass der Haufen unbeirrbarer Aficionados, die seine Tonträger zu schätzen wissen, nicht sonderlich gross ist. Es wäre aber falsch, in Uehlinger einen modernen Sisyphus zu sehen. Sein unermüdlicher Einsatz für randständige Musik hat durchaus zu vorzeigbaren Resultaten geführt. Er hat die Aufmerksamkeit für Jazzavantgardisten wie Cecil Taylor, Anthony Braxton und Steve Lacy geschärft. Zahlreiche wichtige Alben von Formationen wie dem Vienna Art Orchestra oder dem Saxofonquartett Rova sind auf Hat Hut erschienen.
Mit der Neuedition längst vergriffener, ursprünglich auf obskuren Kleinstlabels herausgebrachten Alben und dem Aufspüren historischer Radiomitschnitte trägt Uehlinger mit schöner Regelmässigkeit dazu bei, Lücken in der Jazzgeschichte zu schliessen. Genannt seien hier nur «Ne Plus Ultra» des sowieso sträflich vernachlässigten Tenoristen Warne Marsh aus dem Tristano-Zirkel, zwei Livealben des Jimmy-Giuffre-Trios mit Paul Bley und Steve Swallow von 1961 («Flight» und «Emphasis») und «Seeking» von John Carter und Bobby Bradford - drei sehr unterschiedliche Beispiele für die frühe Emanzipation vom Bop-Mainstream. Damit ist noch gar nichts gesagt zu Uehlingers Interesse für Werke der E-Avantgarde - ein Interesse, das übrigens durch die Erzählungen von Jazzmusikern ausgelöst wurde, unter ihnen ein gewisser Joe McPhee.
Und mit Joe McPhee fing alles an. 1974 reiste Uehlinger in die USA, damals noch in seiner Funktion als Marketingfachmann von Sandoz. Dabei machte er auch einen Abstecher zum im Poughskeepie lebenden Eigenbrötler McPhee. Ein Jahr später erschien das erste Opus auf Hat Hut Records, das noch mit recht hemdsärmligen Methoden unter die Leute gebracht wurde: Der frischgebackene Firmenboss nahm stets ein paar Exemplare mit auf Geschäftsreise, besuchte einschlägige Geschäfte und tauschte dort seine Produkte gegen andere Obskuritäten. Heute unterhält Hat Hut in neun Ländern, darunter die USA und Japan, einen Postvertrieb, und selbstverständlich gibts auch eine Internetadresse.
Bis heute sind über 300 Alben erschienen, wobei viele nicht mehr erhältlich sind. Das Label hat sein Erscheinungsbild mehrmals geändert. In der LP-Ära war die Covergestaltung meistens bunt und verspielt, und es gab aufwändige Kartonverpackungen. Die CDs erschienen zuerst in den normierten Plastikboxen, seit Herbst 1997 in extra für Hat Hut entwickelten Kar- tonverpackungen, die ein spezielles Lob verdienen: Sie sind platzsparend, umweltfreundlich, benutzerfreundlich und gehen nicht kaputt, wenn man sie fallen lässt - das grafische Einheitskonzept korrespondiert in seiner Sprödheit gut mit Uehlingers musikalischen Vorlieben.
Uehlinger wurde 1935 geboren. Anfang der Fünfzigerjahre entdeckte er den Bebop (seine erste Platte waren die Dial-Sessions Charlie Parkers). Ein Jahrzehnt später führte die Begegnung mit der unberechenbaren Musik von Charles Mingus zu einer Umorientierung in Uehlingers Hörverhalten, er wurde offener. Sehr früh nahm er Ornette Coleman und John Coltrane zur Kenntnis. Zu einem wichtigen Prüfstein wurden die expressionistischen Klangbäder des Tastentitanen Cecil Taylor, mit denen Uehlinger anfänglich grosse Mühe bekundete. Doch er suchte und fand schliesslich den Einstieg, wodurch sich ihm eine ganz neue Welt erschloss. Diese Hartnäckigkeit kennzeichnet auch die Arbeit des Produzenten: Für Uehlinger ist Musik, die keine intellektuelle Herausforderung darstellt, uninteressant. Dazu gehört auch, dass die Musik in einen übergeordneten Bezugsrahmen gestellt wird, Berührungspunkte zu anderen Kunstformen wie Malerei und Lyrik aufgezeigt werden. Diese Aspekte werden oft in den ausführlichen Covertexten, die alle Hat-Hut-Aufnahmen begleiten, zur Sprache gebracht. Dabei wird nicht etwa einer beliebigen Multimediattitüde gefrönt, vielmehr geht es darum, verborgene synästhetische Linien sichtbar zu machen.
Wer Uehlinger gegenübersteht, hat den Eindruck eines asketischen, eher introvertierten, aber eleganten Menschen. Wer mit ihm ins Gespräch kommt, merkt schnell, dass ihn das Abstrakte und das Komplexe mehr interessieren als die banalen Dinge des Alltags. Überbordende Sinnlichkeit kann man ihm sicherlich nicht attestieren, er sagt denn auch von sich selbst, dass er ein schlechter Tänzer war und dass ihn deshalb Musik mit einem festen, durchgehenden Time kaum interessiere.
Groove, Drive, Swing: Davon ist in Besprechungen von Hat-Hut-Alben wahrlich nur selten die Rede. Im Vordergrund stehen: die Herstellung unerhörter Klangfarben, die Auflösung stilistischer Kategorien, neuartige Synthesen und irritierende Brüche. Bei aller Unterschiedlichkeit - und von Franz Koglmanns «White Line» bis zu Horace Tapscotts «Dark Tree» ist es wahrlich ein weiter Weg - zeichnen sich die meisten Hat-Hut-Produktionen durch den Willen der Künstler aus, ihr Material zu durchdringen und sich nicht mit den erst- besten Lösungen zufrieden zu geben. Dazu kommt ein nüchternes, neutrales Klangbild. Seit 1978 arbeitet Uehlinger eng mit dem Toningenieur Peter Pfister zusammen: Dieses Gespann agiert weniger interpretierend als Lion/Van Gelder bei Blue Note, wo die Musik mit knisternder Erotik aufgeladen wurde, oder Eicher/Kongshaug bei ECM, wo man ein Faible für «auratische Hallräume» hat. Auch hier zeigt sich Hat Hut als Label, das vom Zuhörer aktive Mitarbeit erfordert.
Uehlinger betreibt sein Label von Basel aus. Er hat Fäden in alle Himmelsrichtungen gespannt, zu Musikern, zu Kritikern - besonders einflussreiche Bezugspersonen scheinen für ihn der Amerikaner Art Lange und der Deutsche Peter Niklas Wilson zu sein - und zu deutschen Radiostationen, die ihm ihre Archive öffnen und Koproduktionen realisieren. Auf neue Musiker stösst Uehlinger durch Empfehlungen und Konzertbesuche, er erhält zwar zahlreiche Demotapes, doch für deren Auswertung fehlt ihm schlicht die Zeit. Wen wunderts, bei diesem imposanten Output - manchmal stellt man sich die bange Frage, ob es Sinn macht, einen praktisch inexistenten Markt mit derart vielen Veröffentlichungen zu bestürmen. Uehlinger dazu: «Ich könnte das Dreifache produzieren, Ideen sind immer vorhanden.»
Mag sein, dass Uehlinger seinen Furor in absehbarer Zukunft wohl oder übel etwas bremsen muss, hat er doch dieses Jahr den wichtigsten Geldgeber verloren. Nachdem die UBS bereits dem Jazzfestival Willisau den Laufpass gegeben hat, löst sie nach einer 15-jährigen Zusammenarbeit auch den Vertrag mit Hat Hut auf. Damit versiegt für Uehlinger ein Geldstrom, über dessen Höhe beidseitiges Schweigen herrscht, an den keine Auflagen geknüpft waren und der hie und da auch Neid geweckt hat. Es wird sicherlich nicht einfach werden, einen neuen Grosssponsor zu finden. Uehlinger denkt daher auch schon laut über das Aufhören nach: «Vielleicht muss ich mich nur bei der Förderung unbekannter Künstler einschränken. Aber da mir dieser Aspekt besonders am Herzen liegt, kann es gut sein, dass ich ganz aufhöre. Ich werde sicherlich keine Kompromisse eingehen.»
Doch zuerst gilt es, zahlreiche, bereits realisierte Aufnahmen herauszubringen. Neben aktuellen Neuveröffentlichungen darf man sich dieses Jahr u.a. noch auf drei sehr verschiedene, in ihrer Stilistik für Hat Hut eher untypische Trioeinspielungen freuen. Der von Uehlinger aus der Versenkung geholte Altsaxofonist Anthony Ortega spielt Standards, vom phantastischen Trio des Tenoristen Ellery Eskelin mit Andrea Parker (Akkordeon, Sampler) und Jim Black (Schlagzeug) erscheint bereits die vierte CD, und die Humoristentruppe Clusone gibt ihre Abschiedsvorstellung, womit bewiesen wäre, dass auch Uehlinger ab und zu Spass versteht.
Tage in Chicago und anderswo
Zuerst zur Pianistenfraktion: Es tut gut zu wissen, dass der unbeugsame, hinterlistige Anarchist Misha Mengelberg nun auch in den USA auf immer mehr Resonanz stösst. Vor zwei Jahren verbrachte Mengelberg zwei Tage in Chicago, hatte eine Reihe holländischer Musiker im Schlepptau und traf auf Protagonisten der dortigen Szene. Die Doppel-CD «Two Days In Chicago» dokumentiert einen Konzertauftritt - Mengelberg solo und im Duo mit dem Klarinettisten und Tenorsaxofonisten Ab Baars - und die Resultate einer Studiosession, an der zwei Trios und drei Quartette teilnahmen. Bei der Mehrheit der Stücke handelt es sich um freie Improvisationen, dazu kommen der Song «Body And Soul», Mengelbergs «Rollo 2» und - besonders schön - drei Monk-Nummern. «Eronel» und «Off Minor» werden von einem Trio ohne Bass dargeboten. Der Höhepunkt des Albums ist aber die Soloversion von «Round Midnight»: So heiter wurde dieses Stück noch nie gegen den Strich gebürstet.
Ran Blakes «A Silver Noir» ist eine Hommage für Horace Silver. Blake ist bis heute ein Aussenseiter geblieben, sein auf klare Kontraste und dissonante Reibungen angelegtes Spiel ist erfreulich frei von Mainstream-Floskeln. Was er mit Silvers Hardbop Konzentraten anstellt, hat also nichts mit musealer Rückschau zu tun.
Matthew Shipp interessiert sich fürs Boxen und für die Maler des abstrakten Expressionismus, er sieht sich als Teil einer New Yorker Schule, seine insistente, eruptive, dunkel grundierte Musik trägt Züge eines Rituals. Shipp sagt: «Ich denke in wirbelnden Klangmassen.» Mit «Prism» liegt ein Konzertmitschnitt von 1993 vor, auf dem mit William Parker (Bass) und Whit Dickey (Drums) zwei weitere Mitglieder des «Himmelfahrtsquartetts» des Tenoristen Davis S. Ware zu hören sind.
Eine veritable Entdeckung ist Richard Grossman (1937-1992), der ohne Vorgaben improvisierte und seine Kunst als «Komponieren in Echtzeit» bezeichnete. Tatsächlich sind die «Momentaufnahmen» auf «Where The Syk Ended» von einer verblüffenden strukturellen Klarheit und Stringenz und einem nie versiegenden Ideenreichtum geprägt. Als wichtige Inspirationsquellen nannte Grossman selbst Monk, Paul Bley und die Zweite Wiener Schule (Schönberg, Berg, Webern).
Theo Jörgensmann ist ein enorm versierter, expressiver Klarinettist. Auf «Snijbloemen» präsentiert er sein eingespieltes Quartett. - «N.Y. Capers & Quirks»: Das ist ein Livemitschnitt mit Steve Lacy (Sopransax), Ronnie Boykins (Bass) und Dennis Charles (Drums), 21 Jahre alt, aber immer noch herrlich frisch und frech.
28.10.2000
