Gefährdete Schönheit

Der Trompeter Tom Harrell am Jazzfestival Basel 2005. Man bekam immer wieder Gänsehaut, wenn Tom Harrell solierte: Dieser Magier an der Trompete kann in ein, zwei Takten die Welt aus den Angeln heben.

Tom Gsteiger

Die Musik von Tom Harrell gibt ihr Geheimnis nie ganz preis, es bleibt stets ein unerklärlicher Rest. Auf diesen Rest kommt es an, gäbe es diesen Rest nicht, so könnte man Harrell in der Schublade «Moderner Mainstream» versorgen und zur Tagesordnung übergehen. Es ist diese Differenz zur Normalität, die die Schönheit von Harrells Musik ausmacht. Es handelt sich dabei nicht um eine auf Hochglanz polierte Schönheit, sondern um eine Schönheit, die immer in Gefahr ist und deshalb verteidigt werden muss.

Nun mag man darüber spekulieren, ob Harrells Musik anders tönen würde, wenn da nicht seine Schizophrenie wäre, die ihn in einer eigenen Welt gefangen hält. Das können wir nicht wissen, und wir brauchen es auch nicht zu wissen. Schliesslich ist Harrell kein «Freak», der dem Publikum in voyeuristischer Absicht vorgeführt wird, sondern zählt seit vielen Jahren zu den herausragenden Persönlichkeiten des Jazz, und zwar nicht nur als Trompeter, sondern auch als Komponist.

In seinen Stücken, die von ganz unterschiedlichen Grooves angetrieben werden, dreht und wendet Harrell kurze, eingängige Phrasen, bis sie sich zu einem komplexen Ganzen zusammenfügen; fast immer wartet irgendwo eine überraschende Wendung auf einem, die plötzlich alles in ein neues, ungewohntes Licht taucht. In nicht wenigen Kompositionen entwickelt Harrell Methoden weiter, die der Modern Jazz dem Pianisten Horace Silver verdankt: «Funkiness» gepaart mit formaler Raffinesse. Von Silver, in dessen Band er von 1973 bis 1977 mitwirkte, hat Harrell auch das typische Hardbop-Quintett-Format übernommen.

In Basel präsentierte Harrell eine bestens eingespielte Band mit dem Tenorsaxofonisten Jimmy Greene, dem Pianisten Danny Grisset, dem Bassisten Ugonna Okegwo und dem Schlagzeuger Neal Smith. Diese Musiker setzten die Vorgaben ihres Leaders mit der nötigen Mischung aus Lockerheit und Präzision um. In den Improvisationen ergingen sie sich nicht einfach in virtuoser Phrasendrescherei, sondern schufen sowohl in melodischer als auch in atmosphärischer Hinsicht vielfältige Bezüge zum Ausgangsmaterial. Und wenn Harrell seine Trompete an die Lippen setzte, wurde es nicht selten magisch, besitzt er doch die Fähigkeit, in ein, zwei Takten die Welt aus den Angeln zu heben. Hierfür steht ihm eine breite Palette an Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung: trickreiche Bop-Kürzel tauchen in seinem Spiel ebenso auf wie archaisch anmutende Klangverfremdungen.