Stimmen, Geflüster, Geschrei

Viele Jazzmusiker balancieren auf dem schmalen Grat zwischen Wahn und Sinn. Zu ihnen zählt der schizophrene Trompeter Tom Harrell .

Tom Gsteiger

Als der Trompeter Tom Harrell vor einigen Jahren in Zürich auftrat, verliess er plötzlich die Bühne und stellte sich, mit dem Gesicht zur Wand, in eine Ecke. Während der Saxophonist sich zu ihm gesellte und auf ihn einredete, spielte die Rhythmusgruppe weiter, als wäre nichts geschehen. Schliesslich stand auch Harrell wieder hinter dem Mikrophon und brillierte in seinen Improvisationen mit der für ihn typischen Mischung aus waghalsiger Virtuosität und einem sehnsuchtsvollen Lyrismus. Sobald er allerdings das Instrument von den Lippen absetzte, schien er in sich zusammenzusacken und zu erstarren. (Bei einem Auftritt im September 2006 im Zürcher Jazzclub Moods brach Harrell die meisten seiner Soli vorzeitig ab, zum Teil spielte er nicht einmal die Themen mit; wie man lesen konnte, hört er zuweilen Stimmen, die ihn kritisieren).

Der 1946 geborene Harrell leidet seit über dreissig Jahren an Schizophrenie ­ diagnostiziert wurde die Krankheit nach einem gescheiterten Selbstmordversuch. Harrell schluckt am Laufmeter Psychopharmaka, um seiner künstlerischen Tätigkeit nachgehen zu können; zu den vielen Nebenwirkungen der Medikamente zählt ein ständiges, feines Zittern. Im Gespräch vergleicht Harrell seinen Zustand mit dem indianischen Schamanentum: Die Schamanen seien von Geistern besessen gewesen, sein Geist sei die Musik. Tatsächlich fällt es nicht leicht, Harrells weit verzweigten musikalischen Assoziationen zu folgen. Er scheint alles, was er gehört hat, gespeichert zu haben. Es gäbe sogar Momente, da könne er sich genau an Soli erinnern, die er vor über zwanzig Jahren gespielt habe, meint Harrell, der seine Gedanken in undeutlich artikulierten Schüben äussert, die von langen Pausen begleitet werden. Seine Kompositionen schreibt der in New York ansässige Künstler in einem schalldichten Raum, um nicht von den Geräuschen der Umwelt abgelenkt zu werden: Nicht nur der Gesang der Vögel und das Quaken der Frösche, sondern auch der Lärm des Verkehrs und das Summen des Kühlschranks stellen für Harrell eine Form von Musik dar.

Es gehört zum Wesen der Kunst, dass sie nicht selten nach Dingen und Zuständen strebt, die ausserhalb des Normalen liegen. In ihrem Buch «Touched With Fire: Manic-Depressive Illnes And The Artistic Temperament» (Free Press 1994) zitiert die Psychiatrieprofessorin Kay Redfield Jamison ein paar interessante Studien: Eine besagt, dass psychische Krankheiten unter Künstlern zwei bis fünf Mal stärker verbreitet seien als unter der Gesamtbevölkerung. Eine Erklärung hierfür sieht Jamison in der Bereitschaft der Künstler, sich mit unterdrückten Gefühlen auseinanderzusetzen. Beim Jazz, der ja nicht selten einer verzweifelten Jagd nach dem erfüllten Augenblick gleicht, wird dieser Prozess auf die Spitze getrieben. Sogar ein eher zurückhaltender, kontrollierter Musiker wie der Ventilposaunist Bob Brookmeyer stellt fest: «Man muss in Betracht ziehen, dass der Jazz die ekstatischste Form von Kreativität ist. Keine andere Art von Musik fordert von denen, die sie machen, eine derartige emotionale Intensität. Es ist eine unmittelbare, sinnlich wahrgenommene Emotionalität.» Jazz ist also manchmal ein Tanz auf Messers Schneide. Dabei kann es zu grausamen Verletzungen kommen. Ein besonders tragischer Fall ist der Pianist Bud Powell (1924 bis ­1966): Er verbrachte so viele Jahre in Nervenkliniken und Spitälern wie kaum ein anderer Musiker. Ab 1945 (in diesem Jahr erhielt er in Philadelphia von einem Polizisten einen schweren Schlag auf den Kopf) war Powells Geisteszustand grossen Schwankungen unterworfen. Seine wichtigsten Aufnahmen machte Powell zwischen 1947 und 1951. Am Ende dieser Periode entstand ein visionäres Meisterwerk mit dem Titel «Un Poco Loco». Danach wurde sein Spiel immer unberechenbarer.

Nun ist Powell beileibe nicht der einzige Jazzmusiker, der einschlägige Erfahrungen mit der Psychiatrie sammelte. Er gehörte allerdings einer Generation an, bei der psychologische Probleme sehr häufig auftraten, nämlich der Pioniergeneration des modernen Jazz. Andere prominente Beispiele sind der Altsaxofonist Charlie Parker (1920 ­bis 1955) und der Bassist Charles Mingus (1922 ­bis 1979). In musikalischer Hinsicht gibt es kaum Gemeinsamkeiten zwischen Parkers schnellem Blues «Relaxin' At Camarillo» und Charles Mingus' chaotischer Phantasmagorie «Hellview Of Bellevue» (auch bekannt als «Lock'Em Up»). Der gemeinsame Nenner ist anderweitig zu finden: Beide Stücke entstanden nach längeren Aufenthalten in Nervenkliniken. Im Juli 1946 erlitt Parker bei einer Aufnahmesitzung in Los Angeles einen Nervenzusammenbruch. Kurze Zeit darauf steckte er sein Hotelzimmer in Brand und irrte nackt durch die Lobby. Es folgte ein sechsmonatiger Aufenthalt im Camarillo State Hospital. ­ 1958 versuchte sich Mingus mit einer Psychoanalyse von schweren Depressionen zu heilen. Als dies nicht gelang, bat er um Aufnahme ins Bellevue Hospital in New York. Er wurde nicht auf Anhieb als Patient akzeptiert, aber als er dann mal drin war, hatte er grösste Schwierigkeiten, wieder herauszukommen. Um 1945 trat der Jazz in gewisser Weise in seine «romantische» Phase: Die Musiker verstanden sich nicht mehr als Entertainer, sondern als ernstzunehmende Künstler, im Underground entstand ein Geniekult sondergleichen, der insbesondere dem abwechslungsweise als Messias, Märtyrer und Monster dargestellten «Junkie-Genie» Charlie Parker galt. Wer Romantik mit rosa Wölkchen gleichgesetzt, übersieht, dass es auch «les fleurs du mal» gibt. Zur Nachtseite der Romantik gehört das Liebäugeln mit dem Abgründigen, manchmal tut sich dabei ein Abgrund auf, der einem zu verschlucken droht.

Bereits bei den Griechen gab es die Vorstellung, der Wahnsinn sei ein notwendiger Zustand für Priester und Poeten, um mit den Göttern zu kommunizieren. Ein Vertreter der Schweizer Jazzszene meint: «Realität ist das, was man tut. Spinnen ist auch real. Man muss die Leute nicht von jedem Ausflug zurückholen, in der Ent-Rückung und Ver-Rückung entstehen hochinteressante und wertvolle Sachen.» Wohl wahr, doch nicht bei allen verlaufen die «verrückten Ausflüge» so glimpflich wie bei dem Urheber des Zitats, dem Pianisten Hans Feigenwinter. Einige kommen mit Blessuren davon, andere bezahlen mit dem Leben dafür. Bill Evans und Chet Baker versuchten ihrer Melancholie mit Drogen zu entfliehen - letztlich vergeblich. Thelonious Monk trat 1976 zum letzten Mal auf und verbrachte danach die letzten sechs Jahre seines Lebens in einer tiefen Depression. Der manisch-depressive Elektrobass-Innovator Jaco Patorius landete am Schluss seines Lebens auf der Strasse und wurde 1987 von einem Rausschmeisser regelrecht zu Tode geprügelt. Der englische Saxofonist Mike Osborne vegetiert seit Anfang der 80er-Jahre in einer psychiatrischen Anstalt vor sich hin. Die Sängerin Susannah McCorkle stürzte sich im Alter von 55 Jahren in den Tod: Kurz nachdem sie ihre Antidepressia abgesetzt hatte, verlor sie ihren Plattenvertrag.

Im Gegensatz zu diesen tragischen «Untergehern» scheint Harrell in der Musik ein relativ stabiles Paradies ­ («Paradise» ist der Titel eines seiner Alben) ­ gefunden zu haben. Nach der knisternd-intelligenten Postbop-Scheibe «Live At The Village Vanguard» legt der Trompeter mit «Wise Children» (beide BMG) ein multistilistisches Konzeptalbum vor, auf dem zahlreiche Gäste zu seinem regulären Quintett stossen, darunter die Sängerinnen Dianne Reeves, Claudia Acuna, Jane Monheit und Cassandra Wilson. Die Höhepunkte im ausserordentlich abwechslungsreichen Repertoire, das samt und sonders aus Harrells Feder stammt, sind die schwebend-hymnische Titelnummer sowie das Stück «Kalimba»: Ein hypnotischer Groove und ein mysteriöses Strings-Arrangement bilden den Background für drei sich überlappende Trompeten-Soli im Overdub-Verfahren. So transzendiert Harrell seine Schizophrenie.

«Verrückte» Alben
Tom Harrell, «Wise Children» (BMG) ­ - vielschichtig, poetisch und abgründig
Bud Powell, «The Amazing Bud Powell» (Blue Note) ­ - inkl. «Un Poco Loco»
Charles Mingus, «Ah Um» (Columbia) ­ - der feinfühlige Choleriker auf der Höhe seines Könnens
Thelonious Monk, «Monk Alone» (Columbia) ­ - störrische Soloaufnahmen
Charlie Parker, «The Complete Savoy and Dial Studio Recordings» (Savoy) ­ - Höhenflüge eines Absturzgefährdeten
Bill Evans, «Waltz For Debby» (Riverside) ­ - senibles Interplay im Trio-Format
Chet Baker, «Deep in a Dream» (Pacific Jazz) ­ - hervorragend kommentierte Retrospektive