Botschaften aus einer magischen Zeit

Die sechziger Jahre waren für den Jazz eine magische Zeit! Abseits des Rock-Booms wurde ein kreatives Konzept nach dem anderen entwickelt, was zu einer enormen stilistischen Ausdifferenzierung führte: Ornette Colemans bluesig-folkloristische Harmolodik kontrastierte mit Jimmy Giuffres filigranem Kammer-Jazz, Cecil Taylor setzte Bill Evans' sensibler Interplay-Kunst expressionistische Cluster entgegen, der Melodiker Stan Getz spielte Bossa Nova, und der zornige Archie Shepp tat dies gelegentlich auch. Der am 12. April 1940 in Chicago geborene Herbie Hancock schuf in den sechziger Jahren ebenfalls Jazz-Meilensteine.


Tom Gsteiger

Herbert Jeffrey Hancock war in den sechziger Jahren omnipräsent. Als er im Mai 1963 zum ersten Mal mit Miles Davis ins Studio ging, hatte er bereits zwei eigene Alben eingespielt: «Takin' Off» (28. Mai 1962) und «My Point of View» (19. März 1963). Dazu kam eine rege Tätigkeit als Freelancer auf der New Yorker Jazzszene, in die ihn der Trompeter Donald Byrd eingeführt hatte. Es war auch Byrd, der Hancock die Türen zum Label Blue Note öffnete, für das Hancock sieben eigene Alben und zahlreiche weitere als Sideman aufnahm, erinnert sei hier nur an Kenny Dorhams «Una Mas», Freddie Hubbards «Hub-Tones», Bobby Hutchersons «Oblique», Lee Morgans «Cornbread», Sam Rivers' «Contours» und Wayne Shorters «Speak No Evil».

Nach Bill Evans, einem seiner Vorgänger bei Davis, und zusammen mit McCoy Tyner, der zu Coltranes Quartett gehörte, entwickelte sich Hancock zu einem der einflussreichsten Klavierstilisten des modernen Jazz (Chick Corea und Keith Jarrett erreichten später eine ähnliche Bedeutung). In seinem Spiel gelang Hancock eine Art Quadratur des Kreises, er verband Horace Silvers «Funkiness» und Wynton Kellys swingenden Optimismus mit dem romantischen Lyrismus und der subtilen Anschlagskultur von Bill Evans. Gelegentlich liess sich Hancock auch von Bud Powells Drive bzw. Ahmad Jamals Ökonomie der Mittel leiten.

Die 6-CD-Box «The Complete Blue Note Sixties Sessions» (EMI) enthält die Musik zu allen sieben Alben in streng chronologischer Reihenfolge inklusive ein paar Alternativ-Takes, dazu kommt ein Stück von einer bisher unveröffentlichten, weil problematischen «R & B»-Session sowie fünf Hancock-Kompositionen, die dieser als Sideman aufgenommen hat. Für seine Blue-Note-Alben nahm Hancock 34 Eigenkompositionen plus je ein Stück der Bassisten Ron Carter und Buster Williams auf - das Miles Davis Quintet nahm nur gerade vier Hancock-Stücke auf, zwei weitere blieben im Probestadium stecken; zu hören auf der 6-CD-Box «Miles Davis Quintet. 1965-1968» (Columbia) .

Dabei bewies er von Anfang eine grosse Souveränität im Umgang mit verschiedenen Stilmitteln. So finden wir auf dem Debüt-Album «Takin' Off» mit «Alone And I» eine harmonisch raffinierte Ballade, die bereits Hancocks grosses Interesse an Klangfarben verrät, mit «Three Bags Full» einen beschwingten Jazz-Walzer und mit «Watermelon Man» eine tolle Soul-Jazz-Nummer. Mit «My Point of View» knüpfte Hancock an seinen Erstling an und lieferte erneut ein vielseitiges Postbop-Album ab. Beide Alben profitierten von einer hochkarätigen Besetzung: Auf «Takin' Off» sind ein bereits brillanter Freddie Hubbard und ein Dexter Gordon in Topform zu hören, und der Schlagzeuger Billy Higgins sorgt wie immer für gute Laune, auf «My Point of View» heissen die Solisten Donald Byrd, Hank Mobley, Grachan Moncur und Grant Green, und am Schlagzeug sitzt der damals 17jährige Tony Williams, der ja mit Hancock und Ron Carter ab Mai 1963 die phänomenal interaktive Rhythmusgruppe des Miles Davis Quintet bildete.

Am 30. August 1963 nahm Hancock sein einziges Blue-Note-Album ohne Bläser auf. «Inventions and Dimensions» ist ein kühnes «Instant-Composing»-Experiment: Nur gerade für das Stück «Mimosa» gab es komponierte Vorgaben (Hancock: «My chords and Paul Chambers' part were sketched out»), die restlichen vier Stücke entstanden aufgrund minimaler mündlicher Abmachungen. Der Bassist Chambers und die Latin-Schlagwerker Willie Bobo und Oswaldo Martinez zeigten sich dieser Herausforderung gewachsen. Auch auf seinen zwei folgenden Alben, den Klassikern «Empyrean Isles» (17. Juni 1964) und «Maiden Voyage» (17. März 1965) schuf Hancock mit «The Egg» respektive «Survival of the Fittest» erstaunlich kohärente Spontan-Kreationen. Auf diesen unverzichtbaren Alben hören wir die reguläre Davis-Rhythmusgruppe, zu ihr stösst auf «Empyrean Isles» Freddie Hubbard, der hier ausnahmsweise Kornett spielt. Auf «Maiden Voyage» kehrt Hubbard zur Trompete zurück, und mit George Coleman ist ein Tenorsaxophonist zu hören, der für eine kurze Übergangszeit (1963/64) bei Davis spielte.

Zwischen «Maiden Voyage» und dem nächsten Album, «Speak Like A Child» (6. und 9. März 1968), liegen beinahe drei Jahre. Während Miles Davis Stücke mit wenigen, nicht allzu komplexen Akkorden favorisierte, dokumentiert «Speak Like A Child» Hancocks zunehmendes Interesse an schillernden Klangtexturen: Auf vier der sechs Stücke interpretiert ein Bläsertrio mit Thad Jones (Flügelhorn), Peter Phillips (Bassposaune) und Jerry Dodgion (Altflöte) raffinierte, unorthodoxe Arrangements. Am 21. Juni 1968 fand die letzte Aufnahmesitzung des zweiten grossen Miles Davis Quintet statt (Hancocks Nachfolger hiess Chick Corea). Im Oktober dieses Jahres stellte Hancock, der bis 1972 für sporadische Spezialprojekte zu Davis zurückkehrte, seine erste «working group» vor, ein Sextett, das mit Johnny Coles (Trompete), Joe Henderson (Tenorsax), Garnett Brown (Posaune), Buster Williams (Bass) und Albert «Tootie» Heath (Drums) hervorragend besetzt war. Mit diesem Sextett plus drei weiteren Bläsern nahm er am 18., 21. und 23. April 1969 sein letztes Blue-Note-Album auf: «The Prisoner» ist klanglich noch reicher nuanciert als «Speak Like A Child» und enthält inspirierte Improvisationen von Hancock, Coles und Henderson (auf «Speak Like A Child» solierten die Bläser nicht).

In den folgenden Jahren formierte Hancock sein Sextett um: Bennie Maupin kam für Joe Henderson, Eddie Henderson für Johnny Coles und Billy Hart für Al Heath. 1973 schuf Hancock mit «Head Hunters» (Columbia) einen künstlerischen und kommerziellen Electric-Funk-Jazz-Hit. - Hancocks Blue-Note-Alben, vor allem diejenigen aus den Jahren 1964/65 und 1968/69, bilden einen Gipfelpunkt im Schaffen dieses vielseitigen Pianisten und Komponisten und einen essentiellen Beitrag zum Jazz schlechthin.

19.12.1998