Gentleman und Genie

Der Jazzgitarrist Jim Hall ist ein Meister der diskreten Durchtriebenheit. Im letzten Teil dieses Artikels äussern sich Gitarristen aus der Schweiz und aus Deutschland zu Hall.

Tom Gsteiger

Nicht nur in der Musik, auch im Gespräch bevorzugt Jim Hall das Understatement. Zuweilen beschleicht einem das Gefühl, am anderen Ende der Leitung sitze nicht einer der hinreissendsten und einflussreichsten Jazzgitarristen aller Zeiten (zu Halls grössten Bewunderern zählen Pat Metheny, John Scofield, Bill Frisell und John Abercrombie!), sondern ein gutmütiger Märchenonkel. Nur einmal, als es um die gegenwärtige politische Lage in seiner Heimat geht, werden Halls Worte von leisem Zorn durchzittert: «Wenn ich an diese Regierung denke, muss ich fast kotzen. Ich kann das Gesicht des Präsidenten nicht mehr sehen. Ich bin mit diesem religiösen Fanatismus aufgewachsen und habs überlebt. Jetzt kommt das alles wieder zurück. Es ist wie ein schlechter Traum.» Grosse Skrupel hatte Hall zu überwinden, als er von Richard Nixon ins Weisse Haus eingeladen wurde: «Es ging um einen Empfang für Duke Ellington. Weil ich ihn nicht enttäuschen wollte, bin ich hingegangen, aber dem Präsidenten habe ich nicht die Hand geschüttelt. Später habe ich dann erfahren, dass Ellington an diesem Abend ein Engagement für seine Band gebucht hatte, um nicht lange im Weissen Haus bleiben zu müssen.»

Zum Glück besteht das Leben nicht nur aus politischen Ränkespielen. Geborgenheit findet Hall in seiner Familie – er ist seit 1965 mit einer Psychoanalytikerin verheiratet und hat eine Stieftochter – und in der «jazz family». Zu dieser zählt Hall auch den Pianisten Enrico Pieranunzi, mit dem er vor rund anderthalb Jahrzehnten ein längeres Gastspiel in einem Club in Rom absolvierte und mit dem er nun für zwei Duo-Konzerte in die Schweiz kommt. Nicht nur bei Hall dürften diese Konzerte Erinnerungen an die telepathischen musikalischen Dialoge auslösen, die er mit Bill Evans auf den Alben «Undercurrent» (1962) und «Intermodulation» (1966) führte. Bereits vor diesen Aufnahmen wurde Hall von Evans beeinflusst; am tiefsten beeindruckt war er von der Sensibilität sowie der lyrischen und vielschichtigen Harmonik des Pianisten. Wie Evans, so fühlt sich auch Hall zu den leisen Zwischentönen hingezogen, vom Dezibelterror anderer Gitarristen ist sein Spiel meilenweit entfernt: «Den Verstärker benutze ich, damit ich leise spielen kann, ohne dass dabei die Nuancen des Tons verloren gehen.» Was die fliessende, entspannt swingende Phrasierung und den warmen Sound anbetrifft, nennt Hall Tenorsaxofonisten wie Lester Young und Ben Webster als wichtige Vorbilder.

Verstärker und Verführer

Wie für fast alle Gitarristen seiner Generation, so war auch für den 1930 geborenen Hall die Musik Charlie Christians eine Offenbarung. Christian beförderte die Gitarre vom Begleit- zum Soloinstrument, indem er sie elektrisch verstärkte und ein an der rhythmischen Beweglichkeit von Bläserlinien orientiertes Vokabular auf sie übertrug. Die meisten Aufnahmen machte Christian an der Seite von Benny Goodman. Hall erinnert sich an seine Epiphanie: «Mein Onkel Ed sang und spielte ein bisschen Gitarre. Er war oft betrunken und hatte viele Frauen um sich. Also nahm ich auch Gitarrenstunden. In der Schule stiess ich zu einer Gruppe, die von einem Klarinettisten geleitet wurde. Eines Tages gingen wir in einen Plattenladen, um uns Aufnahmen von Goodman anzuhören. Als ich Christian hörte, veränderte dies mein Leben. Ich war etwa 13 Jahre alt.»

Damit sind die zentralen Eckpfeiler von Halls Stil benannt, der in sich «klassizistische» und progressive Züge vereint. Halls Rolle als behutsamer Innovator zeigt sich etwa in seiner Auseinandersetzung mit der Bluesform: In Nummern wie «Furnished Flats», «Mr. Blues» oder «Big Blues» gelingt es ihm, das typische Blues-Feeling ohne Rückgriff auf die üblichen Blues-Klischees zu evozieren. Auf Klischees reagiert Hall ganz generell allergisch. Das hat einen Grund. Nach seiner Heirat, die auf den definitiven Abschied vom Alkohol folgte, sah sich Hall nach einem sicheren Job um und landete schliesslich im Orchester einer populären TV-Talk-Show: «Ich blieb dreieinhalb Jahre. Die Musik war stupid. Ich habe mir geschworen: Wenn das vorbei ist, werde ich nie mehr eine Note spielen, die mir nicht etwas bedeutet.» Tatsächlich ist Hall das Gegenteil eines übersteuerten Griffbrettakrobaten: Er bombardiert seine Zuhörer nicht mit Tonnen von Noten, sondern weiss um den Wert von Pausen. Er versteht es, seine Soli überaus abwechslungsreich zu gestalten: Da werden zum Beispiel anmutige Melodielinien, wie wir sie sonst nur von dem Altsaxofonisten Paul Desmond kennen (zwischen 1959 und 1965 nahmen Desmond und Hall eine Reihe sublimer Alben auf), von komplexen Akkordpassagen durchbrochen. Hall spielt mit viel Übersicht, bleibt aber stets offen für Impulse seiner Mitmusiker. Für ihn steht nicht die Demonstration individueller Brillanz im Vordergrund, sondern die kreative, spontane Kommunikation mit Gleichgesinnten. Dass diese nur gelingen kann, wenn sie in einem mehr oder weniger klar definierten Rahmen sattfindet, davon ist der Tennis-Fan Hall überzeugt: «Wenn es im Tennis keine Regeln gäbe, könnte jeder den Ball nach Belieben übers Netz dreschen und die ganze Spannung wäre weg. In der Musik ist es ähnlich.»

Im Gegensatz zum Tennis werden allerdings im Jazz die Regeln immer wieder neu festgelegt. Und so wurde Hall im Laufe seiner ein halbes Jahrhundert umfassenden Karriere mit ganz unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert. Da war zum Beispiel das Trio des Holzbläsers Jimmy Giuffre, das durch den Posaunisten Bob Brookmeyer vervollständigt wurde. Nicht nur die Besetzung war ungewöhnlich: Giuffre verglich die Beweglichkeit, die sein Konzept von den Musikern forderte, mit einem Mobile. Oder da war die kurze, aber enorm fruchtbare Zusammenarbeit mit dem ikonoklastischen «Saxophone Colossus» Sonny Rollins, die mit einem lakonischen Zettel in Halls Briefkasten begann («Dear Jim, I like to talk about music with you, Sonny») und in dem Album «The Bridge» von 1962 gipfelte. «Ich musste sehr hart üben, um einigermassen mit ihm mithalten zu können. Sonny ist einzigartig», hält Hall fest. Heute stehen die zwei Musiker nur noch brieflich miteinander in Kontakt: Beide haben der Grossstadt-Hektik den Rücken gekehrt und sich in die Wälder zurückgezogen. Hall macht sich allerdings weitaus weniger rar als Rollins. «Ich möchte kein alter, ängstlicher Typ werden und darum umgebe ich mich mit einfallsreichen Musikern», gab Hall vor über einem Jahrzehnt zu Protokoll. Seither sind auf dem Label Telarc eine Reihe vorzüglicher CDs erschienen, die von Halls ungebrochener Neugier und Flexibilität zeugen: Das Spektrum reicht von Solo- und Duo-Einspielungen über Mitschnitte von Clubgigs bis zu aufwändigen Konzeptalben; in den Besetzungslisten stösst man auf so klingende Namen wie Charlie Haden, Art Farmer, Joe Lovano, Tom Harrell oder Greg Osby.

Der inoffizielle Jim-Hall-Fanclub

Dass er nicht so populär ist wie Robbie Williams oder DJ Bobo stört Jim Hall nicht gross. «Ich hätte zwar nichts dagegen, mehr Geld zu verdienen, aber grundsätzlich ist mir Popularität suspekt. Meistens basiert diese ja auf einem Mangel an Qualität. Ab und zu schaue ich mir gerne ein Pop-Video an, aber ich drehe immer den Ton runter. Nach zwei Minuten hat man verstanden, wie diese Art von Musik, die ich eher zur Soziologie als zur Kunst zählen würde, funktioniert. Das ist doch langweilig», sagt der Gitarrist, den man nun allerdings nicht voreilig als Jazz-Snob aburteilen sollte – am liebsten hört Hall nämlich zeitgenössische komponierte Musik.

Über Jim Hall kursieren keine wilden Gerüchte im Internet und es gibt auch keinen offiziellen Hall-Fanclub (unter www.stevekhan.com findet man ein paar ausgezeichnete Analysen von Hall-Soli). Nichtsdestotrotz kann sich der liebenswürdige Gentleman der schier grenzenlosen Bewunderung der meisten seiner Kollegen sicher sein. Doch selbst Lobeshymnen von Pat Metheny, John Scofield, John Abercrombie, Bill Frisell oder Nels Cline (Wilco) vermögen Hall nicht aus der Reserve zu locken – er meint bescheiden: «Heutzutage kann ich sehr viel von jüngeren Gitarristen lernen.» Der international renommierte Zürcher Gitarrist Harald Haerter, der flamboyanteste Fan und beste Kenner von Hall hierzulande, hält solche Statements für reine Freundlichkeitsrhetorik, für ihn steht unumstösslich fest: «Hall ist ein Genie, er gehört in eine Reihe mit Ellington, Parker, Monk ... Alle anderen Gitarristen können nur darum beten, dass sie in ihrem Leben wenigstens einmal eine Note so erwischen wie er. Halls Spiel ist zugleich zeitlos und visionär.» Für Haerter hat Hall seinen Zenit zwar überschritten, doch besitze er immer noch den Mut zum Risiko, der ihn zum Beispiel dazu befähige, aus Fehlern neue und vollkommen überraschende musikalische Gedankengänge abzuleiten; nicht zuletzt deswegen hält Haerter hoch gehandelte jüngere Gitarristen wie Kurt Rosenwinkel oder Peter Bernstein im Vergleich zu Hall für «superlangweilig».

Doch was genau fasziniert andere Gitarristen so sehr an Hall? Haerter nennt zum einen das extrem weit entwickelte und komplexe harmonische Vokabular, dass Hall ermögliche, sich innerhalb fester Strukturen sehr weit vom Grundgerüst zu entfernen; zum anderen weist er auf die «grossen Ohren» Halls hin: «Er hört den anderen Musikern immer zu und reagiert, er spielt keine vorgefertigten Patterns, sondern kreiert die Musik im Moment.» Für den deutschen Gitarristen Norbert Scholly ist Hall ein Meister in der Dosierung, der gewissermassen aus der Defensive heraus spiele: «Er spielt die Töne so, dass sie sich quasi kontrapunktisch zum Rest des Hörbaren verhalten.» Hall ist tatsächlich das pure Gegenteil eines überdrehten Griffbrettakrobaten. «Bei ihm ist alles logisch, kein Kraftaufwand, keine Effekthascherei», lautet die Diagnose des jungen Zürcher Gitarristen Michael Bucher.

Nobody is perfect. Auch Jim Hall nicht. So stört sich Scholly an dessen Frisur. Die Vorbehalte, die man im musikalischen Bereich macht, sind nicht gerade zahlreich. So wird etwa ein Fragezeichen hinter den zuweilen doch recht plumpen Einsatz von Effektgeräten, die Hall erst in den letzten Jahren entdeckt zu haben scheint, gesetzt; und manchmal übertreibe es Mister Subtil doch ein bisschen mit der Leisespielerei. Und welche Aufnahmen muss man gehört haben, um Jim Hall in Höchstform erlebt zu haben? Scheinbar weder die ganz frühen noch die ganz neuen, am häufigsten wurden nämlich von den befragten Gitarristen, zu denen neben Haerter, Bucher und Scholly auch noch der Berner Giancarlo Nicolai gehörte, Duo- und Trio-Aufnahmen aus den 70er-Jahren genannt (Rang 1: «Live!», aufgenommen 1975 in Toronto mit den kanadischen Musikern Don Thompson am Bass und Terry Clarke am Schlagzeug), gefolgt von Sonny Rollins‘ «The Bridge» aus dem Jahre 1962. Die jüngste Aufnahme in dieser nicht repräsentativen «Best of»-Liste stammt aus dem Jahre 1988: Auf «These Rooms» trifft Halls damaliges Trio (Steve LaSpina am Bass, Joey Baron am Schlagzeug) auf den grossartigen Flügehornisten Tom Harrell.

2004










2004