Biedermann und Brandstifter
Zwei Telefonaudienzen mit Jim Hall . Mit Understatement und trockenem Humor spricht der Jazzgitarrist über seinen Hund Django, seine ungebrochene Bewunderung für Charlie Christian, die Gemeinsamkeiten zwischen Jazz und Tennis ... Für die amerikanische Politik hat er allerdings gar keine netten Worte parat.
Telefonat II - Montréal, 23. März 2006
Shit, schon wieder der Anrufbeantworter: Zuerst Hundegebell, dann die Märchenonkel-Stimme von Jim Hall, die das übliche Anrufbeantworterblabla zum Besten gibt, abschliessend wieder Hundegebell. Dieses Mal bin ich vorbereitet und will eine Nachricht hinterlassen. Mitten in meinen Ausführungen werde ich unterbrochen ...
Jim Hall: Sorry! Ich bin gerade kurz eingenickt ...
Frage: Was war das für ein Hund auf dem Anrufbeantworter?
Hall: Wir nennen ihn Django. Er wurde ausgesetzt und meine Stieftochter hat ihn gerettet. Es gehört zu meinem Fitnessprogramm, zwei Mal pro Tag mit ihm spazieren zu gehen. Er ist wunderbar.
Frage: Ich rufe aus Montréal an, eine coole Stadt. Sie als Musiker haben ja die halbe Welt bereist. Wo gefällt es ihnen besonders gut?
Hall: Zur Zeit gefällt es mir fast überall besser als in Amerika. Wenn ich an unsere Regierung denke, muss ich fast kotzen. Ich kann das Gesicht des Präsidenten nicht mehr sehen. Ich bin mit diesem religiösen Fanatismus aufgewachsen und habs überlebt. Jetzt kommt das alles wieder zurück. Es ist wie ein schlechter Traum.
Frage: Sie sind auch schon in der Tonhalle in Zürich aufgetreten. Nun werden Sie mit dem Pianisten Geoffrey Keezer in einem kleinen Club in Bern spielen. Welche Art von Auftritten bevorzugen Sie?
Hall: Ich spiele lieber in Clubs, es ist intimer und man findet den Kontakt zum Publikum in der Regel schneller. Das Publikum muss allerdings bereit dazu sein, sich ganz auf die Musik einzulassen.
Frage: Wie ist es zum Duo mit Keezer gekommen?
Hall: Das war eigentlich eine Idee meiner Managerin. Dieses Duo macht uns sehr viel Spass, es ist immer noch ein work in progress. Geoffrey vermag mir überallhin zu folgen. Manchmal improvisieren wir auch vollkommen frei, ohne Vorgaben.
Frage: Aber in unserem ersten Gespräch haben Sie doch gesagt, dass es in der Musik Regeln braucht. Und Sie haben einen interessanten Vergleich gemacht: «Wenn es im Tennis keine Regeln gäbe, könnte jeder den Ball nach Belieben übers Netz dreschen und die ganze Spannung wäre weg. In der Musik ist es ähnlich.»
Hall: Jetzt haben Sie mich erwischt. Natürlich können freie Improvisationen sehr schnell form- und ziellos werden. Um dies zu verhindern, gilt es, einander mit einem Maximum an Aufmerksamkeit zuzuhören und sein Ego zurückzustellen. Man muss die richtigen Musiker dafür finden. Ich habe ja schon früher ab und zu frei improvisiert, etwa mit Jimmy Giuffre, Lee Konitz, Charlie Haden oder Greg Osby.
(Plötzlich meldet sich im Hintergrund Django lautstark zu Wort. Jim Hall bittet um ein Time-Out von fünf Minuten)
Frage: Was Schlimmes?
Hall: Nein, nein. Django hatte Hunger und meine Frau konnte den Dosenöffner für das Hundefutter nicht finden.
Frage: Müssen Sie eigentlich immer noch üben?
Hall: Aber klar, man hat nie ausgelernt. Es gibt Tage, da befasse ich mich nur mit einem einzigen Intervall. Meine Gitarre sitzt jetzt gerade mir gegenüber in einer Ecke und wartet nur darauf, gespielt zu werden. Ich bin kein sehr guter Techniker, eigentlich möchte ich mehr Technik haben, um dann entscheiden zu können, sie nicht zu gebrauchen. Zuweilen ist es ein bisschen deprimierend, wenn ich einen wirklich grossartigen Gitarristen höre. Der Jazz ist nach wie vor ein Geheimnis für mich.
Frage: Sie haben einmal gesagt, dass Ihnen Klarheit und Wärme besonders wichtig sind.
Hall: Ich will das Publikum nicht mit superschnellen Läufen oder
Lautstärke beeindrucken. Wenn Musik immer nur schnell und laut ist,
hört man irgendwann gar nicht mehr richtig zu. Wenn ich meine Ideen
klar, unaufgeregt und leise formuliere, kann das die Zuhörer in die
Musik reinziehen. Ich strebe nach einem warmen Sound. Ich liebe
Tenorsaxofonisten wie Ben Webster, Lester Young oder Coleman Hawkins,
sie haben sehr viel Wärme in ihrem Spiel. Ben kannte ich ziemlich gut,
er war ein grosses Baby und weinte sehr viel. Wenn er betrunken war,
konnte er extrem wütend werden. Unter den Gitarristen sind meine
Favoriten immer noch Charlie Christian und Django Reinhardt. Mein Ziel
ist es immer noch, wenigstens einmal ein Solo zu spielen, das so
perfekt ist wie Christians Improvisation über einen Blues in F mit dem
Titel «Grand Slam».
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Genialität hat viele Gesichter. Allzu oft wird Genialität mit
Exzentrik oder Grössenwahn verwechselt. Es verwundert daher kaum, dass
Jim Hall, der seit über vier Jahrzehnten mit einer Psychoanalytikerin
verheiratet ist und ein unauffälliges Leben führt, von vielen für
einen liebenswürdigen und harmlosen Jazz-Opa gehalten wird. Richtig
ist: Hall ist kein Mann der grossen Worte, er hält Bescheidenheit für
eine Zierde und er sieht tatsächlich wie ein Biedermann aus. Richtig
ist aber auch: Hall ist ein Wolf im Schafspelz bzw. ein Brandstifter
im Biedermann-Outfit. Wir haben es hier mit einem Meister der
diskreten Durchtriebenheit zu tun. Hall ist kein Mainstream-Gitarrist,
der sich mit netten Floskeln und x-beliebigen Phrasen zufrieden gibt,
sondern ein wahrer Improvisator, der die Musik im Moment erfindet und
sich dabei nicht selten sehr weit auf die Äste hinauswagt. Sein Spiel
ist weder schrill noch schräg, aber sehr wohl subersiv. Mit seiner
Mischung aus melodiöser Eleganz und harmonischem Abstraktionsvermögen
hat Hall Generationen von Gitarristen nachhaltig beeinflusst. Auch
Hall hatte in seinem Leben mit einem Dämon zu kämpfen: Alkohol.
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Telefonat I - Zürich, 2. September 2004
Hall: Wenn ich mit der Band von Chico Hamilton unterwegs war, hielt
man mich sehr oft für den Tourmanager. Ich sah ja auch am normalsten
aus. Aber eigentlich war ich der unberechenbarste Typ, weil ich sehr
viel Alkohol trank. Das liegt wohl irgendwie in der Familie. Mein
Onkel Ed sang und spielte auch ein bisschen Gitarre. Er war die ganze
Zeit betrunken und hatte trotzdem viele Frauen um sich. Wegen ihm
lernte ich Gitarre.
Frage: Aber inzwischen sind Sie trocken. In einem Aufsatz von Whitney
Balliett las ich, dass Sie am liebsten Grapefruitsaft gemischt mit
Sprite trinken.
Hall: Jetzt trinke ich am liebsten Kaffee. Meine Frau half mir, vom
Alkohol loszukommen. Nach unserer Heirat sah ich mich nach einem
sicheren Job um, ich hatte Angst davor, wieder abzustürzen, wenn ich
mich weiterhin im Jazzmilieu bewegen würde. Schliesslich landete ich
in der Band einer populären TV-Show. Ich blieb dreieinhalb Jahre. Die
Musik war stupid, aber zumindest konnte ich mir neue Kleider kaufen,
die nicht ganz abgewetzt waren von der Gitarre. Ich habe mir
geschworen: Wenn das vorbei ist, werde ich nie mehr eine Note spielen,
die mir nicht etwas bedeutet.
Frage: Sie sind dann Ende der 60er-Jahre auf die Jazzszene zurückgekehrt. War das nicht eine ausserordentlich schwierige Zeit für den Jazz?
Hall: Ich gebe zu, dass mich hin und wieder das Gefühl beschlich, einer aussterbenden Rasse anzugehören. Aber zum Glück gab es immer noch ein paar Leute, die zu intelligent waren für Rock'n'Roll. So haben wir Jazzmusiker immer unsere Nischen gefunden. Heutzutage kommen auch wieder mehr junge Leute an unsere Konzerte. Und es gibt auch sehr viele talentierte junge Musiker; bei einigen denke ich allerdings: Habe ich das nicht bereits einmal in den 50er-Jahren gehört? Alles in allem ist das gesellschaftliche Ansehen, das der Jazz geniesst, sicherlich gestiegen. Früher gab es Situationen, da musste ich mich tatsächlich für meinen Beruf rechtfertigen: Als ob es eine Schande wäre, denselben Beruf auszuüben, den Duke Ellington und Charlie Parker ausübten!
Frage: Sie sind inzwischen selbst eine Jazz-Ikone ...
Hall: Da bin ich mir nicht so sicher ...
Frage: Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit so legendären Musikern wie dem Pianisten Bill Evans und dem Tenorsaxofonisten Sonny Rollins?
Hall: Evans war ausserordentlich sensibel, das Gegenteil eines Machos. Wie er die Akkorde färbte, war einzigartig und hat mich stark beeinflusst. Als wir die Duo-Aufnahmen machten, wurde jeder von uns zu einem Teil des Gehirns des anderen. Er mochte es auch, wenn ich Rhythmusgitarre spielte, dann verzichtete er ganz instinktiv darauf, seine linke Hand zu benutzen. Um mit Rollins einigermassen mithalten zu können, musste ich hart üben. Er mochte es, wenn ich ihm als Begleiter stets auf den Fersen blieb. Sein Einfallsreichtum schien unbegrenzt zu sein. Er kontaktierte mich, indem er einen Zettel in meinem Briefkasten deponierte auf dem bloss «Dear Jim, letŒs talk about music. Sonny» stand. Heute kriege ich manchmal sehr lange Briefe von ihm. Einmal schickte er mir ein Foto vom Schlagzeuger Billy Higgins nach dessen Tod. Das hat mich sehr berührt.
Frage: Sind Sie grundsätzlich ein sentimentaler Mensch? Ich denke da an alte Standards wie «My Funny Valentine», «Body and Soul» oder «Skylark», die Sie ein Leben lang zu begleiten scheinen.
Hall: Diese Stücke haben durchaus einen sentimentalen Wert für mich. Wenn ich sie spiele, ist dies wie ein Besuch in einer alten Nachbarschaft, wo man sich wohl fühlt. Für mich sind auch die Texte dieser Songs wichtig, ich habe sie im Kopf und sie geben mir eine Stimmung vor. Ich glaube, dass es schwieriger ist, über einen Standard, den alle kennen, zu improvisieren als über ein eine Eigenkomposition.
Frage: Im Gegensatz zu den meisten Ihrer Kollegen drehen Sie den Verstärker nie auf. Warum?
Hall: Den Verstärker benutze ich, damit ich leise spielen kann, ohne dass dabei die Nuancen verloren gehen.
Frage: Stimmt es, dass Sie schon einmal ins Weisse Haus eingeladen wurden?
Hall: Müssen Sie mich daran erinnern? Das war 1969, es ging um einen
Empfang zum 70. Geburtstag von Duke Ellington. Richard Nixon war
damals noch Präsident. Weil ich Duke nicht enttäuschen wollte, bin ich
hingegangen, aber Nixon habe ich nicht die Hand geschüttelt. Später
erfuhr ich dann, dass Ellington an diesem Abend ein Engagement für
seine Band gebucht hatte, um nicht lange im Weissen Haus bleiben zu
müssen.
