Ein grosszügiger Gastgeber

Der grandiose Gitarrist Harald Haerter steht und sitzt seit 25 Jahren auf der Bühne. Eine Begegnung mit einem Getriebenen.

Tom Gsteiger

Wer lieber zuhört als redet, ist bei Harald Haerter an der richtigen Adresse. Ihm braucht man keine langen Fragen zu stellen, damit er in Fahrt kommt. Ein Stichwort genügt und schon wird man mit eloquenten Kaskaden belohnt.

Man nehme zum Beispiel das Stichwort Ekstase. «Das ist nur ein Element. Es wäre falsch, meine Musik darauf reduzieren zu wollen. Ekstatische Momente sind erlösend, befreiend. Man macht einen Abflug und erreicht ein anderes mentales und physisches Level. Der Saal wird gereinigt, die Band wird gereinigt. Das sind die Momente, wo es einem kalte Schauer den Rücken hinunterjagt. Als Zuhörer erlebe ich solche Momente zum Beispiel bei David Liebman, John Scofield oder Keith Jarrett. Man darf Ekstase nicht mit Power verwechseln. An blosser Kraftentfaltung bin ich nicht interessiert», führt Haerter aus. Grössten Wert legt der Gitarrist auf eine subtile Phrasierung, in dieser Hinsicht könne man am meisten von Bläsern und Pianisten lernen. In letzter Zeit stand für Haerter die intensive Auseinandersetzung mit der präzisen Bop-Phrasierung des Pianisten Lennie Tristano und mit grossen Intervallsprüngen, wie man sie zum Beispiel im Spiel von Saxofonisten wie Bennie Wallace oder Michael Brecker findet, im Vordergrund. «Wenn ich nicht übe, bin ich nicht happy. Ich will meine Tonsprache ständig erweitern, ohne an der Oberfläche kleben zu bleiben», sagt Haerter und präzisiert: «Mir geht es nicht darum, 2000 Stücke zu kennen, um dann immer die gleichen siebzehn Phrasen darüber zu spielen. Mir reichen vierzehn Stücke. Dafür sollten es dann nicht siebzehn, sondern vier Millionen Phrasen sein.» Wer aus diesen Statements ableitet, dass es sich bei Haerter um einen neugierigen, vielfältigen, risikofreudigen Improvisator handelt, liegt vollkommen richtig.

Psychedelik und Django

Harald Haerter kam 1958 in Zürich auf die Welt. Als Jugendlicher liess er in der Tonhalle die «bizarre Farbigkeit» auf sich wirken, die von den Werken eines Ives, eines Bartok oder eines Strawinsky ausging. Über die klassische Gitarre kam er zur Stromgitarre und damit zu psychedelischem Rock. Am Gymi öffnete ihm dann ein Lehrer die Ohren für die Musik des legendären Gitarristen Django Reinhardt: «Das hat mich total umgeworfen. Ich habe Tag und Nacht geübt.» Ab 1979 tourte Haerter mit einer Band durch Europa, die sich auf Reinhardts Hot-Club-Repertoire spezialisierte. Es folgte ein Studienaufenthalt in den USA. Danach entstand mit dem Intergalactic Maiden Ballet eine ausserordentlich erfolgreiche Bop-Funk-Combo, mit der Haerter bis 1994 über 700 Konzerte absolvierte. «Irgendwann wurde mir das zu eindimensional. Dazu kam die Erwartungshaltung des Publikums, dass es wahnsinnig abgehen muss.» Daraus zog Haerter die Konsequenzen und wandte sich verstärkt der Ästhetik eines offenen, für ganz unterschiedliche Impulse empfänglichen Jazz zu.

Lebendiger Organismus

Aus dem Quartett Electric Roses, das am Anfang dieser Entwicklung stand, ist schrittweise ein grösserer Pool von Musikern geworden, aus dem Haerter unterschiedliche Besetzungen rekrutieren kann (ein ähnliches Pool-Konzept findet man in den Studioaufnahmen, die Miles Davis um 1970 machte). Eine Konstante ist die Präsenz eines zweiten Gitarristen (Philipp Schaufelberger oder Flo Stoffner). Haerter hat hierfür folgende Erklärung parat: «Zu zweit hat man die orchestralen Möglichkeiten, die ein Pianist hat. Aber die Tongebung ist viel sinnlicher als beim Klavier, man kann flächiger und farbiger spielen.» Weitere Pool-Mitglieder sind die Kontrabassisten Bänz Oester und Patrice Moret, der E-Bassist Florian Goette, als Schlagzeuger ist der Tausendsassa Marcel Papaux gesetzt. Dazu kommen eine Reihe von Bläsern. Den Auftakt machte der unvergleichliche, aus dem Umfeld Ornette Colemans stammende Tenorsaxofonist Dewey Redman. Auf der Jubiläumstournee sind mit Michael Brecker (Tenorsax) und Erik Truffaz (Trompete) zwei veritable Jazz-Stars mit von der Partie, mit denen Haerter bereits früher erfolgreich zusammengearbetet hat (allerdings nie mit beiden gleichzeitig!). An ihrer Kompatibilität besteht für Haerter kein Zweifel: «Das sind nicht nur starke, inspirierende Solisten, sondern auch Strategen, die in architektonischen Bögen denken.» Kommt hinzu, dass Brecker gerne viele und Truffaz eher wenige Töne spielt.

2004

Dewey Redman und Michael Brecker sind inzwischen leider verstorben.