Der Dissonanzenliebhaber


Köln scheint ein guter Ort für Querköpfe zu sein. Prominentestes Mitglied der Kölner Ikonoklasten-Fraktion ist zweifellos Karlheinz Stockhausen. Dessen Musik spielte auch in der «éducation sentimentale» des 1963 geborenen Saxofonisten und Klarinettisten Frank Gratkowski eine Zeit lang eine wichtige Rolle: «Geweckt wurde mein Interesse an der Neuen Musik durch die Langeweile des Jazz, der ja in klanglicher Hinsicht nicht viel zu bieten hat.» Also tauchte Gratkowski in die Klangwelten von Berio und Stockhausen ein, ohne daneben die theoretische Auseinandersetzung mit den Ideen der Avantgarde zu vernachlässigen. Wenn er dabei den Boden unter den Füssen zu verlieren drohte, legte er eine Platte von John Lee Hooker auf.

Tom Gsteiger

Frank Gratkowski ist kein Purist, was er in der Musik sucht, ist Ehrlichkeit und ein Geheimnis, das sich nicht verbalisieren lässt. Glatter Perfektionismus ist dem Dissonanzenliebhaber ein Gräuel, er braucht Ecken und Kanten. «Als Pat Metheny mit seiner Band „80/81“ in Deutschland aufgetreten ist, haben alle meine Kollegen vom Supervirtuosen Michael Brecker geschwärmt. Aber mir hat Dewey Redman, der zweite Saxofonist in der Band, viel besser gefallen, weil er so unnachahmlich nuscheln kann», erzählt Gratkowski, der von 1985 bis 1990 ein Studium an der Kölner Musikhochschule absolvierte. Er erinnert sich: «Ich war ein Exot. Es hat mich nie interessiert, ein Idiom perfekt zu erfüllen, ich bin nicht Charlie Parker. Bei Jams mit Rockmusikern habe ich mehr gelernt als an der Hochschule. Die haben keine Angst vor falschen Tönen.»

Komplexe Mischformen

Der einzige Musiker in Gratkowskis Quartett, der ebenfalls aus Köln kommt, ist der Bassist Dieter Manderscheid; dazu kommen der holländische Posaunist Walter Wierbos und der amerikanische Schlagzeuger Gerry Hemingway. «Je eigenwilliger der Stil, desto schwieriger ist es, die geeigneten Musiker zu finden», führt der Leader aus und er fügt hinzu: «Ich bin kein Gruppenmensch, ich sehe mich nicht als Teil der Kölner Szene.» Als Komponist ist Gratkowski stark von der Neuen Musik inspiriert, deren Techniken er für eine Jazz-Besetzung nutzbar zu machen versucht. Sein Ziel sind komplexe Mischformen aus komponierten und improvisierten Teilen. Gratkowski arbeitet also in eine ähnliche Richtung wie der aus der Chicagoer AACM hervorgegangene Anthony Braxton. Gratkowskis Affinität fürs Komplizierte ist gepaart mit einer gesunden Portion Pragmatismus, so stimmt er zum Beispiel den Schwierigkeitsgrad der Partituren aufs Probenpensum ab. Zuweilen tauchen in Gratkowskis Musik recht undurchschaubare, zugleich pulsierende und holpernde Rhythmusfiguren auf. Diese werden nicht am Computer konstruiert: «Ich singe sie und transkribiere sie dann. Das geht am schnellsten.»