Magistraler Exponent des europäischen Jazz


Der Jazzgeiger Stéphane Grappelli ist Anfang Dezember 1997 im Alter von 89 Jahren in Paris gestorben.

Tom Gsteiger

Wie kaum ein zweiter verkörperte er die Leichtigkeit des swingenden Seins. Zuletzt trat Stéphane Grappeli zwar im Rollstuhl auf, doch sobald er seine Geige angesetzt hatte, verjüngte sich sein Antlitz, umspielte ein geradezu spitzbübisches Lächeln seine Lippen - und sein nach wie vor virtuoses, elegantes Spiel kündete von der ungebrochenen geistigen Vitalität dieses Grandseigneurs des europäischen Jazz. Sein mit stehenden Ovationen gefeierter Auftritt am letztjährigen Jazzfestival Bern bleibt unvergesslich (er wurde vom Fernsehen aufgezeichnet).

Stéphane Grappelli kam am 26. Januar 1908 in Paris auf die Welt. Er wuchs in einem Waisenhaus auf; später verglich er seine Kindheit mit Charles Dickens' «Oliver Twist». Das Klavier- und Geigenspiel brachte er sich selbst bei. Als Jugendlicher spielte er als Stehgeiger in den Hinterhöfen von Paris, später kamen Engagements in Stummfilmkinos, Theaterensembles und Tanzkapellen hinzu. Früh geriet Grappelli in den Bann der neuartigen Musik, die von den USA nach Europa drang. Der Jazz Louis Armstrongs, Bix Beiderbeckes und Art Tatums liess ihn nicht mehr los.

Aus einer fruchtbaren, wenn auch äusserst konfliktreichen Zusammenarbeit mit dem genialen und unberechenbaren Gitarristen Django Reinhardt (1910-1953) heraus entstand 1934 das legendäre «Quintette du Hot Club de France». Dieser Formation wird völlig zu Recht der erste eigenständige Beitrag Europas zum Vokabular des Jazz zugeschrieben.

Der geschmeidige «Salon-Swing» des «Quintette» stiess auch in Amerika auf Resonanz (Grappelli reiste erst 1969 erstmals ins Mutterland des Jazz). Grappelli war nicht nur ein Pionier des europäischen Jazz, gemeinsam mit Joe Venuti, Eddie South und Stuff Smith etablierte er die Geige als Jazzinstrument; dabei erreichte aber keiner dieser Musiker die Popularität des Charmeurs Grappelli. - Den Zweiten Weltkrieg überstand Grappelli in London, wo er auch mit George Shearing zusammentraf. In den fünfziger Jahren durchlebte Grappelli eine Durststrecke, doch danach erlebte er eine nicht enden wollende Renaissance. Er spielte mit amerikanischen Jazzkoryphäen wie zum Beispiel Duke Ellington, Count Basie, Gary Burton, dem kanadischen Piano-Virtuosen Oscar Peterson sowie europäischen Kollegen, darunter Martial Solal, Nils-Henning Orsted-Pedersen, Philip Catherine und Michel Petrucciani - und auch mit dem klassischen Meistergeiger Yehudi Menuhin, dessen Hang zum Überspringen der Stilgrenzen sein Habitus entgegenkam, kreuzte Grappelli die Bogen.

Im Gegensatz zu seinem ehemaligen Compagnon Reinhardt wird Stéphane Grappelli nicht als radikaler Neuerer in die Annalen des Jazz eingehen, aber sein magistrales Spiel wird weit über die Grenzen der Jazzwelt hinaus als Musterbeispiel für die Unvergänglichkeit musikalischer Eleganz Bestand haben.

03.12.1997