Ein revolutionärer Leisetreter

Nach langer Krankeit ist Jimmy Giuffre am 24. April 2008 zwei Tage vor seinem 87. Geburtstag gestorben. 1947 schrieb Giuffre mit «Four Brothers» einen Hit für die Bigband von Woody Herman, später leitete er unkonventionelle Trio-Formationen, die ihrer Zeit weit voraus waren.

Tom Gsteiger

Mit Jahrgang 1921 zählte Jimmy Giuffre zu einer Generation von Musikern, die sich die Modernisierung des Jazz auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Im Gegensatz zu dem bloss ein Jahr jüngeren Afro-Amerikaner Charlie Parker blieb das aus Dallas, Texas, stammende Bleichgesicht Giuffre zeitlebens eine Aussenseiterfigur. Als spröder Genteleman mit intellektuellem Habitus taugte er nicht zur Mystifizierung - dabei verdankt ihm der Jazz ein einzigartiges Œuvre, das zu grossen Teilen revolutionäre Züge trägt.

Der Holzbläser Giuffre, der insbesondere als Klarinettist als eigenwillger Stilbildner gelten darf, war ein Neuerer mit einem sanften Gemüt und einem breiten Horizont. Nach Kompositionsstudien beim Kontrapunktiker Wesley LaViolette wurde Giuffre in den 50er-Jahren zu einem der interessantesten Konzeptualisten des West Coast Jazz - so schrieb er zum Beispiel für das Album «Tangents in Jazz» (1955) Stücke, in denen das Schlagzeug als Melodieinstrument eingesetzt wird.

Inspiriert von einer Debussy-Sonate für Flöte, Bratsche und Harfe gründete Giuffre 1956 ein Trio, zu dem der Gitarrist Jim Hall und der Bassist Ralph Peña gehörten - als Letzter durch den Ventilposaunisten Bob Brookmeyer ersetzt wurde, war eine der ungewöhnlichsten Jazzformationen aller Zeiten komplett. Mit diesen Trios spielte Giuffre einem mal folkigen, mal wolkigen Kammerjazz voller raffinierter Zwischentöne.

Grosser Sprung nach vorne

Mit seinem nächsten Trio ging Giuffre dann zu Beginn der 60er-Jahre nicht bloss einen Schritt weiter, sondern setzte zum grossen Sprung nach vorne an. In der hellhörigen, teilweise von den Regeln der Tonalität befreiten Kommunikation mit den Erzindividualisten Paul Bley (Piano) und Steve Swallow, der damals noch Kontra- und nicht Elektrobass spielte, setzte Giuffre neue Massstäbe in der Verbindung von formaler Kühnheit und spontaner Expressivität. Dank exemplarischen CD-Editionen der europäischen Independent-Labels ECM («Jimmy Giuffre 3, 1961») und Hat Hut («Emphasis & Flight, 1961») wurde die zugleich subtile und radikale Musik dieses Trios in den letzten Jahren wiederentdeckt und als vielschichtiger Gegenentwurf zum Energy-Free-Jazz bewertet.

Doch Giuffre, der seine Zickzacklaufbahn als Freelance-Arrangeur gestartet hatte - mit «Four Brothers» für die Bigband von Woody Herman gelang ihm 1947 ein veritabler Hit -, musste einsehen, dass er seiner Zeit zu weit voraus war. Er zog sich mehr und mehr ins akademische Milieu zurück und trat nur noch sporadisch auf. Seit langem an Parkinson erkrankt, erlag er am 24. April zwei Tage vor seinem 87. Geburtstag den Folgen einer Lungenentzündung.