Das bodenlose Genie der Melodie


Der 1991 verstorbene Tenorsaxophon-Poet Stan Getz kam vor 70 Jahren (1927) auf die Welt.

Tom Gsteiger

Über die Jazzkreise hinaus bekannt wurde Stan Getz in der ersten Hälfte der 60er Jahre mit einer Reihe von Alben, auf denen er den brasilianischen Bossa Nova mit seinem melodiösen Spiel zusammenbrachte. 1965 erhielt Getz gleich zwei Grammies für das Album «Getz/Gilberto» (Verve). 1965 ist aber auch das Jahr, in dem Getz den  zweiten Selbstmordversuch unternahm.

Getz war ein «Dr. Jekyll & Mr. Hyde» des Jazz. Auf der einen Seite stand der geniale Musiker, der Lyriker, der Romantiker mit dem Sound aus Samt, auf der anderen Seite der Desperado, der jähzornige Alkoholiker, der selbstzerstörerische Junkie. In der Musik regierte bei Stan Getz meistens der erfüllte Augenblick, im Privatleben für lange Zeit das Chaos. In der Biographie «Stan Getz. A Life in Jazz» (William Morrow and Company. Inc., New York 1996) schildert Donald L. Maggin den ganzen Getz. Das akribisch recherchierte Buch liest sich wie ein Krimi, souverän verarbeitet Maggin die Fakten, die er und seine Mitarbeiter zusammengetragen haben. Maggin sucht nach Erklärungen für Getz' destruktive Seiten - und er findt sie in dessen Kindheit und Adoleszenz und einer genetischen Prädisposition für Suchtverhalten.

Stanley «Stan» Getz kommt 1927 in Philadelphia auf die Welt. Seine Eltern Al und Goldie stammen aus jüdischen Familien, die 1903 wegen antisemitischen Pogromen aus der Ukraine auswanderten. 1933 ziehen Al und Goldie mit ihren Söhnen Stan und Robert (Jahrgang 1932) in die New Yorker Bronx. Zwischen Al und Goldie bestehen grosse Spannungen, sie sieht in Al einen Versager, der nicht mithalten kann mit dem Erfolg seines Bruders Phil. Goldie ernennt Stan zu ihrem kleinen Prinzen und stattet ihn mit einem Perfektionsdrang aus, der ihm das Leben schwer macht. Noch als einer der angesehensten Jazzmusiker hat Getz ständig das Gefühl, seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Ab seinem 15. Lebensjahr sucht Stan Zuflucht beim Alkohol,
mit 17 hängt er an der Nadel. 1955 überwindet Getz seine Heroinabhängigkeit.

Nach Anfängen bei Jack Teagarden, Stan Kenton, Jimmy Dorsey und Benny Goodman gelang Stan Getz zwischen 1947 und 1949 als einer der «Four Brothers» in Woody Hermans Second Herd der Durchbruch. In den 50er Jahren arbeitete Getz vornehmlich als Freelancer. Aus dieser Zeit stammen Aufnahmen mit dem Gitarristen Jimy Raney dem Posaunisten Bob Brookmeyer, zwei denkwürdige Zusammentreffen mit dem Haudegen Dizzy Gillespie ? Damals entstanden auch vier wunderbar ungekünstelte, entspannte swingende Alben, auf denen sich Getz begleiten lässt vom Pianisten Lou Levey, der mit Souplesse die Eleganz eines Teddy Wilson mit Bop-Quirligkeit zusammenbringt. «Mr. Walking Bass» Leroy Vinnegar, Shelly Manne bzw. Stan Levey (Drums); auf einigen Nummern stösst der Trompeter Conte Candoli dazu. Diese Alben wurden nun auf der 3-CD-Box «East of the Sun. The West Coast Sessions» (Verve), wiederveröffentlicht.

Die Jahre 1958 bis 1960 verbrachte Getz in Kopenhagen. 1962 entstand das Meisterwerk «Focus» (Verve), auf dem Getz in freier Assoziation über eine vielschichtige Streicherpartitur Eddie Sauters improvisiert. 1962 trat Getz die Bossa-Nova-Welle los, auf der er selbst allerdings nur kurze Zeit ritt: mit Musikern wie Gary Burton und Chick Corea, die damals noch kaum bekannt waren, trat er die Rückkehr zum Hardcore-Jazz an. In den 70er und 80er Jahren spielte Getz fast ausschliesslich im Quartett-Format (Sax plus Rhythmusgruppe), liess sich von hervorragenden Musikern wie den Pianisten Richie Beirach, Albert Dailey, Joanne Brackeen, Andy La Verne, den Bassisten Dave Holland, George Mraz, Clint Houston, Mike Richmond und Rufus Reid, den Drummern Jack DeJohnette, Billy Hart und Victor Lewis zu immer neuen Höchstleistungen inspirieren.

Die kürzlich erschienene CD «Live in Paris» (Dreyfus Jazz) präsentiert sein 82er Quartett mit McNeely, Johnson und Lewis: zeitlos schöner Modern-Mainstream-Jazz und so etwas wie eine Zusammenfassung von Getz' fabulöser Karriere. Getz selbst war kein Komponist, interpretierte aber gerne Stücke seiner Mitspieler, denen er immer viel Freiraum einräumte. Noch einmal ist er hier zu erleben, der grosse Getz, den sie auch «The Sound» nannten, der unnachahmliche Meister des Melos und des verhaltenen Pathos, der sensibel registrierten Nuancen. Lester Young sagte einmal zu Getz: «You're my singer.»

21.02.1997