Schräge Musik im Reich der Mitte
Ein Gespräch mit dem fröhlichen Jazz-Ikonoklasten Christoph Gallio über eine aufschlussreiche Tournee durch China, Vorlieben und Vorbilder, die Securitas und das Label Percaso , das er seit zwanzig Jahren als Einmannbetrieb führt.
Wenigstens im Bereich des Jazz dürfte China für den Westen vorderhand keine ernsthafte Bedrohung darstellen: Im riesigen Reich der Mitte gibts nämlich nur eine einzige Jazzschule. Im Laufe einer 3-wöchigen Tournee durch China und Taiwan gab das vom Schweizer Saxofonisten Christoph Gallio geleitete Trio Day & Taxi im Jahr 2005 auch einen Workshop an dieser privaten Schule. Das Niveau der Studierenden sei mehrheitlich kläglich, hält Gallio fest. Auch sonst konnte der in Baden wohnhafte Künstler in China kein überbordendes Interesse am Jazz feststellen: «In den Clubs sassen jeweils ein paar wenige superinteressierte Typen direkt vor der Bühne und haben intensiv zugehört. Die restlichen Besucher haben munter miteinander geplaudert oder mit dem Handy rumhantiert. Natürlich wird in den Clubs auch gegessen. Aber vielleicht ticken die Chinesen ja wirklich anders und können gleichzeitig diskutieren und zuhören.»
An dieser Stelle gilt es darauf hinzuweisen, dass Gallio und seine Mitmusiker – Christian Weber am Kontrabass, Marco Käppeli am Schlagzeug – nicht auf gediegenen Mainstream abonniert sind. Die Musik von Day & Taxi mäandriert lustvoll und risikofreudig zwischen minimalistisch-spröder Hinterlist und expressiven Aufwallungen (sie tönt wie die imaginäre Schnittmenge aus Steve Lacy und Anthony Braxton). Im Gespräch kriegt Gallio, bei dem es sich sowieso um einen überaus munteren Zeitgenossen handelt, einen kurzen Lachanfall, als er darauf hingewiesen wird, dass der Modern Jazz von seinen Gegnern, unter denen sich auch ein gewisser Louis Armstrong befand, ursprünglich als «chinesische Musik» verunglimpft wurde.
Langspielplatte
Gallio wäre nicht Gallio, hätte er seine Fernost-Tournee nicht auf angemessene Weise dokumentiert. «Day & Taxi: Live in Shenzen, Shanghai and Taipei» lautet der schlichte Titel einer LP, deren Cover-Art der berühmte chinesische Künstler Ai Weiwei , der auch als Berater der Architekten Herzog und de Meroun tätig ist, beigesteuert hat: Fotos, die die gesichtslose chinesische Bauwut auf unsentimental distanzierte, beinahe klinische Weise festhalten. Erschienen ist die LP auf dem Label Percaso, das Gallio seit 1986 als Einmannbetrieb führt. Aufgehalst hat er sich dieses Zuschussgeschäft, um die Musik seinen ästhetischen Vorlieben entsprechend verpacken zu können – tatsächlich ragen die Percaso-Covers weit über das Mittelmass hinaus (die China-Platte ist natürlich eine Ausnahme, auch Gallio ist im CD-Zeitalter angelangt).
Der Freundeskreis von Gallio besteht zu einem guten Teil aus bildenden Künstlern. Gallio hat etliche, zum Teil multimediale Performances in Museen und Kunsthallen absolviert (er wollte selbst ursprünglich Maler werden). Des weiteren komponiert der passionerte Synästhet kontinuierlich enigmatisch verknappte Kunstlieder, so studiert er mit seinem Quartett Mösiöblö die Vertonung von 92 Fragen von Robert Filliou ein. Was Gallio über Fillious Kunst sagt, könnte er ebenso gut über seine eigene Musik sagen: «Sie ist menschlich, verspielt, humorvoll und doch auch ernsthaft.»
Kulturschock
Nach dem chinesischen Kulturschockprogramm – rasante Verwestlichung, hektischer Brutalkapitalismus, rekordverdächtige Luftverschmutzung – war der Aufenthalt in der Hauptstadt Taiwans geradezu ein Zuckerschlecken; Gallio & Co. traten u.a. an der Musikhochschule Tapeis vor über 500 mucksmäuschenstill lauschenden Zuhörern auf. «Das war ein ganz tolles Konzert, aber leider war die Qualität der Aufnahmen derart schlecht, dass wir für die Platte nur ein Stück retten konnten», erinnert sich Gallio. Die China-Platte ist denn auch eher ein spezielles Sammlerstück. Nicht nur in klangtechnischer Hinsicht kommen die Qualitäten der aktuellen Ausgabe von Day & Taxi auf der Studio-CD «Out» (Nummer 23 im Percaso-Katalog) weitaus besser zum Tragen. Wie bei Gallio üblich besteht das Repertoire aus lauter Eigenkompositionen. Gallio ist ein Meister der Reduktion, der beim Komponieren von einer Grundfrage geleitet zu werden scheint: Wie weit lässt sich eine Melodielinie abmagern, ohne dass sie verhungert? Wo andere nicht genug kriegen, wirft er Ballast über Bord, um in der Improvisation zu kontrollierter Unbeschwertheit und sprödem Humor zu finden, wobei er auf souveräne Weise mit allerlei Allusionen arbeitet, wie der deutsche Musikpublizist Bert Noglik hellhörig erkannt hat: «Die Sopran- und Altsaxophonstimme von Christoph Gallio lässt an Liedhaftes, an Swing und Bebop, zuweilen auch an Neue Musik denken. Doch wahrt er dabei eine Abstraktionsebene, die all das in einer eigenen Sprache erscheinen lässt.»
Unabhängigkeitsdrang
Gallio spürte früh einen unbändigen Unabhängigkeitsdrang. Im zarten Alter von vierzehn Jahren liess er 1971 das Elternhaus in Italien hinter sich, um in der Schweiz eine gymnasiale Ausbildung in Angriff zu nehmen, die kurz vor der Matur abgebrochen wurde. Als Securitas-Wächter verdiente Gallio das Geld für sein erstes Saxofon. Es folgten zahlreiche Besuche in der Werkstatt für Improvisierte Musik (WIM ) in Zürich. Zu einem zentralen Dreh- und Angelpunkt seines damaligen Schaffens wurde das Trio Tiegel, das durch Urs Voerkel (Piano, Schlagzeug) und Peter K Frey (Bass, Posaune) vervollständigt wurde und von 1978 bis 1982 bestand. In der WIM nahm diese Formation ein Jahr vor ihrer Auflösung mehrere, mehrheitlich zur Verknappung tendierende Instant-Kompositionen auf, die nun in der verdienstvollen Unheard Music Series des Labels Atavistic erstmals auf Tonträger vorliegen.
Die manchmal geradezu als traumatisch empfundenen Limitationen der freien Improvisation trieben Gallio ans Konservatorium, wo er es allerdings nicht lange aushielt . Mit der Gründung von Percaso schuf er sich schliesslich sein eigenes subkulturelles Biotop. In seinem kompromisslosen Nonkonformismus bestärkt wurde Gallio vom grossen Sopransaxofon-Stilisten Steve Lacy, den er für zwei Lektionen in Paris aufsuchte und mit dem er privat befreundet blieb: «Für ihn gab es nicht eine richtige Art, Musik zu machen. Man kann ganz unterschiedlich über ein Stück improvisieren, aber es darf nicht beliebig werden. Sein Umgang mit Sound hat mich beeindruckt. Ein Ton, der Power und Charakter hat, ist viel interessanter als Formel 1 auf dem Saxophon.
Die Alben von Day & Taxi vor «Out»
Auf dem 1991 aufgenommenen Erstling «All» wird die Gruppe durch den Schlagzeuger Dieter Ulrich und den schottischen Bassisten Lindsay L. Cooper komplettiert. Letzterer war für Gallio auch eine Art Mentor: «Am Abend spielte er in der Casa Bar Dixieland und am Nachmittag probte er wie vergiftet mit uns. Er hatte die Spielfreude eines typischen Jazzers. Das vermisse ich heute.» Auf Cooper folgte mit Dominque Girod ein Schüler des franzöischen Meisterbassisten Jean-François Jenny-Clark. Sein rundes, sehr distinguiertes Spiel verleiht den Alben «About» und «Less And More» (Unit Records), die beide 1997 entstanden, eine beinahe klassizistisch zu nennende Abgeklärtheit. Mit dieser ist es auf «Private» vorbei. Mit dem Engagement des Bassisten Daniel Studer und des Schlagzeugers Marco Käppeli hat sich Gallio eine Art Frischzellenkultur verordnet, die ihn dazu zwingt, wieder freier und aggressiver zu spielen. Dadurch büsst die Musik etwas von ihrem kargen Charme ein, gewinnt aber an emotionaler Dringlichkeit. Aber hat Gallio nicht irgendwann die Nase voll vom ewiggleichen Trio-Format? Er antwortet mit einem für ihn typischen Vergleich: «Sylvia Bächli malt seit zwanzig Jahren nur Tusche auf Papier, da kommt auch niemand und will ihr Buntstifte in die Hand drücken.»
