Die verborgenen Seiten des New Yorker Jazz


In New York warten unzählige Jazzmusiker darauf, entdeckt zu werden. Wynton Marsalis, Steve Coleman oder John Zorn braucht man kaum noch vorzustellen. Doch wie steht es mit Reid Anderson, Seamus Blake, Chris Cheek, Ethan Iverson oder Bill McHenry? Sie sind auf CDs des Labels Fresh Sound New Talent zu hören.

Tom Gsteiger

Ob all der berechtigten Begeisterung über einen Ausnahmemusiker wie Brad Mehldau sollten wir nicht vergessen, dass eine Schwalbe noch keinen Frühling macht. Mit anderen Worten: Jazz entsteht nicht im Vakuum, er bezieht seine Vitalität von der Existenz lebendiger Szenen, die den Ideenaustausch unter gleich gesinnten Musikern ermöglichen.

Zum Überleben braucht eine Jazzszene eine funktionstüchtige Infrastruktur. Dazu gehört in erster Linie ein Netz an Begegnungs- und Auftrittsorten. Aber auch das Vorhandensein von spezialisierten Labels - da die Improvisation im Jazz eine zentrale Rolle spielt, sind Tonträger und nicht Partituren das optimale Speichermedium - kann das Wachstum einer Szene erheblich fördern: Die Blüte des Westcoast-Jazz in den Fünfzigerjahren beruhte nicht zuletzt auf den von Lester Koenig und Richard Bock ins Leben gerufenen Plattenfirmen Contemporary und Pacific Jazz (man darf sogar ganz grundsätzlich die Frage stellen, ob der Jazz ohne die Erfindung der Schallplatte über die Runden gekommen wäre).

Frischer Sound neuer Talente


Womit wir bei dem von Jordi Pujol gegründeten spanischen Label Fresh Sound New Talent (Vertrieb Plainisphare) angelangt sind, dessen Gesamtkatalog zurzeit rund siebzig CDs umfasst. Von Beginn an dokumentierte Fresh Sound New Talent (FSNT) nicht nur die einheimische Szene, sondern auch das Schaffen einer neuen Generation New Yorker Jazzmusiker, die den Respekt vor der Tradition nicht auf die Spitze und damit in die Sterilität treiben.

Als Brückenbauer fungierten dabei die dies- und jenseits des Atlantiks tätigen Katalanen Mario und Jorge Rossy. Zusammen mit dem Pianisten Brad Mehldau nahmen sie für FSNT drei Alben auf (007, 031, 037). Inzwischen hat Mehldau den Sprung auf das Majorlabel Warner Bros. geschafft, und 1997 zog er von New York nach Los Angeles. Doch der Kontakt zur jungen New Yorker Szene, die ihm nachhaltige Impulse für sein kreatives Wachstum vermittelte, ist damit nicht abgebrochen, gehören doch zu seinem Trio mit Larry Grenadier (Bass) und Jorge Rossy (Drums) zwei der gefragtesten Exponenten dieser Szene.

Die Saxofonisten


Das inzwischen traumwandlerisch eingespielte Tandem Grenadier / Rossy taucht auch auf dem neuen Album des Tenor- und Sopransaxofonisten Seamus Blake auf; vervollständigt wird das Quartett auf «Stranger Things Have Happened» (FSNT 063) durch den Gitarristen Kurt Rosenwinkel. Das Repertoire auf «Stranger . . .» stammt mit einer Ausnahme aus Blakes Feder und offenbart ein feines Sensorium sowohl für zupackende Grooves als auch für ätherische Stimmungen: Der Spiritus rector der postpubertären Grungejazzband The Bloomdaddies zeigt sich von seiner seriöseren Seite, und sein konzises Spiel, das bereits Musiker wie Victor Lewis, Franco Ambrosetti oder John Scofield zu überzeugen vermochte, besitzt durchaus auch lyrische Qualitäten, auch wenn Blake eher zu den extrovertierten Saxofonisten à la Brecker zählt.

In eine andere Richtung zielt Chris Cheek auf der vornehmlich mit selten gespielten «Great American Songs» bestückten CD «I Wish I Knew» (FSNT 022). Cheek knüpft einerseits bei Stan Getz, also dem Melodiker par excellence, an, lässt andrerseits auch Anregungen von Warne Marsh, dem Meister logischer Verschlungenheit, einfliessen. Begleitet wird Cheek von Rosenwinkel und Rossy, am Bass: Chris Higgins.

Seine Begeisterung für Warne Marsh, der Ende der Vierzigerjahre zum «Geheimzirkel» um den blinden Pianisten Lennie Tristano stiess, teilt Cheek mit Mark Turner. Die beiden Saxofonisten spielen auf dem Konzertmitschnitt «The Music of Mercedes Rossy» (FSNT 043); komplettiert wird die Band durch den Pianisten George Colligan sowie Mario und Jorge Rossy, deren Schwester 1995 aus dem Leben gerissen wurde. Die Pianistin Mercedes Rossy war eine Kosmopolitin, die ihre Interessen für Jazz, Kammermusik und lateinamerikanische Klänge in ihre zumeist sehr poetischen Kompositionen einfliessen liess.

Eine der grössten Entdeckungen war für mich in jüngster Zeit die CD «Graphic» (FSNT 056) des Tenorsaxofonisten Bill McHenry, der sich durch nichts in dieser Welt stressen lässt. Sein nonchalanter Umgang mit Pausen und sein wunderbar reiner Sound erinnern an Lester Young. McHenry protzt nicht mit Technik, er hängt seinen Gedanken nach und erzählt sanftmütige Geschichten, die er geschickt mit schrägen Akzenten zu spicken versteht. Der stark an Bill Frisell orientierte Gitarrist Ben Monder, der Schlagzeuger Gerald Cleaver, der sich weit hinter den Beat zurückfallen lassen kann, ohne den Faden zu verlieren, und der Bassist Reid Anderson rücken McHenrys wundersame Musik ins rechte Licht.

Der Bassist Reid Anderson


«Dirty Show Tunes» und «Abolish Bad Architecture» (FSNT 030 und 062) heissen die Alben, auf denen der Bassist Reid Anderson grosses kompositorisches Geschick unter Beweis stellt. Anderson arbeitet mit langen, ungewöhnlichen Formen, seine Melodien nehmen immer wieder überraschende Wendungen - kaum glaubt man, ihre Logik entdeckt zu haben, entwischen sie einem -, sein harmonisches Vokabular ist sehr avanciert. Zu Andersons Band gehören Mark Turner, Ethan Iverson (Piano) und die Schlagzeuger Rossy («Dirty . . .») und Jeff Ballard («Abolish . . .»).

Der Pianist Ethan Iverson


Dank der Initiative des in New York lebenden Schweizer Posaunisten Christoph Schweizer konnte man den Pianisten Ethan Iverson schon live in Bern erleben. Iverson ist ein typischer Vertreter der neuen Generation. Er begreift die Musik nicht nur als sinnliches Vergnügen, sondern auch als intellektuelle Herausforderung. Seine kaum stillbare Neugier beschränkt sich nicht nur auf den Jazz. Mit dem Streit zwischen Traditionalisten und Avantgardisten kann er nicht viel anfangen, er widmet seine Zeit lieber einem sorgfältigen Studium seines Instruments. Ihm geht es nicht um Regelverletzungen, wohl aber um das profunde Ausloten von Formen.

«Construction Zone» und «Deconstruction Zone» (FSNT 046 und 047) sind schlaue Konzeptalben, auf denen Iverson einerseits seine zumeist auf höchst dramatischen Szenarien basierenden Stücke und andrerseits lustvoll provokative Interpretationen alter Standards präsentiert: ein Doppelpack mit nicht zu unterschätzender Sprengkraft. Iversons «partners in crime» sind die Herren Anderson und Rossy.

22.01.2000