Ironischer Komik-Soundtrack

Bill Frisell hat zwei CDs zu den drei Buster-Keaton-Filmen «The High Sign», «One Week» und «Go Est» eingespielt. Ein Dokument, das den hintersinnigen Charme und die intelligente Stiltranszendenz des Gitarristen offenbart.

Tom Gsteiger

Vor hundert Jahren liessen die Gebrüder Lumière eine Lokomotive auf das Kino-Publikum zurasen, dieses reagierte mit Panik. Damit wurde bereits bei der Geburt des Kinos klar, was für grosse Wirkungen dieses auf die Gefühlswelt der Zuschauer haben kann. Kino: Allein unter vielen sitzt man in einem verdunkelten Raum und verfolgt gebannt die Geschehnisse auf der Leinwand, man wird mitgerissen von der kinetischen Energie, taucht in die filmische Fiktion ein.

Das Kino als grandiose Illusionsmaschinerie, die die Zuschauer zum Lachen, Weinen, Schwitzen bringt. Das Geburtsjahr des Kinos ist auch das Geburtsjahr eines der grössten Filmkomiker aller Zeiten: Buster Keaton, der Mann, der niemals lachte, kam 1895 in Kansas auf die Welt. Keatons einzigartiges Antlitz besetzt eine herausragende Position in der Ikonographie des komischen Films, es ist zu einem Markenzeichen für trockene Slapstick-Komik geworden. Keaton ist der melancholische Dulder unter den Komikern, mit stoischer Miene watet er durch Desaster und Katastrophen, doch am Schluss lacht ihm das Glück.

In seinem Leben lief es gerade umgekehrt: Mit fünf Jahren begann seine Karriere, zusammen mit seinen Eltern trat er als «Three Keatons» in Variétés auf. 1920 drehte er seinen ersten eigenen Film: «One Week». Bis 1928 hatte Keaton die volle Kontrolle über seine Filme, in denen er seine minimalistische Mimik mit chaotisch-absurden Gags kombinierte. Keaton verfügte über ein grosses technisches Wissen, das ihm bei der Ausarbeitung seiner z. T. halsbrecherischen Eskapaden mit Lokomotiven, Dampfschiffen usw. half. Keaton war ein unermüdlicher Tüftler und Bastler, daneben besass er ein sicheres Gespür für die Mise-en-scène: In Keatons Filmen stimmt das Tempo, sitzen die Effekte. 1928 wechselte er zu MGM, diesen Wechsel bezeichnete er im nachhinein als den grössten Fehler seiner Karriere.

Bei MGM wurde er zwar fürstlich bezahlt, doch verlor er die künstlerische Kontrolle über seine Filme. Seinen Frust versuchte er im Alkohol zu ertränken. 1932 ging seine Ehe in die Brüche, ein Jahr darauf wurde er von Louis B. Mayer gefeuert. Ein Comeback gelang ihm nie; vereinzelt trat er noch als Nebendarsteller in Filmen auf, so beispielsweise 1949 in Billy Wilders «Sunset Boulevard» oder 1952 in Chaplins «Limelight». Am 1. Februar 1966 starb Buster Keaton.

Doch seine Filme haben ihre Faszination nicht verloren. Auf Elektra Nonesuch sind zwei CDs mit «Music for the Films of Buster Keaton» erschienen: der Gitarrist Bill Frisell hat Musik zu «The High Sign», «One Week» und «Go Est» geschrieben. Als die Idee dazu an ihn herangetragen wurde, habe er die Filme Keatons nicht gut gekannt, betont Frisell, doch die nähere Auseinandersetzung mit Keatons Komik sei sehr spannend und inspirierend gewesen. Frisell bedauert sehr, dass es aus urheberrechtlichen Gründen nicht möglich sei, die von seiner Musik begleiteten Filme auf Videokassette zu veröffentlichen.

Das ist tatsächlich schade, doch Frisells Musik vermag auch unabhängig von den Filmen zu überzeugen. Zusammen mit seinen langjährigen Partnern Kermit Driscoll (Bass) und Joey Baron (Drums) hat Frisell zwei sehr abwechslungsreiche CDs eingespielt, wobei sich der Einfluss der Filme u. a. in der wiederholten Verwendung gewisser Motive niederschlägt; dabei kann man besonders gut verfolgen, wie sensibel und geschmackssicher Frisell mit dem Mittel der Klangschattierung umgeht. Diese intensive Arbeit am Klang ist es auch, die Frisell von den anderen grossen Gitarristen am meisten unterscheidet.

Dampfwalzen-Swing

Daneben wird Frisells Spiel durch den Hang zu einer Phrasierung, die manchmal geradezu gegen den «beat» anzukämpfen scheint, geprägt. Frisells Kompositionen sind ein ironisch-liebevolles Weitererzählen verschiedener amerikanischer Musiken: Jazz, Country, Blues, Rock, aber auch E-Musik (Ives, Copland) gehören zu Frisells Inspirationsquellen. Aber letztendlich transzendiert Frisell diese Einflüsse zu einer vollkommen eigenständigen Musik. Damit gehört er - zusammen mit Ellington, Monk, Mingus . . . - zu einer Reihe von Jazz-Musikern, die sich einen unverwechselbaren Musik-Kosmos aufgebaut haben.

Kommen auf den Buster-Keaton-Aufnahmen u. a. der hintersinnige Charme und die intelligente Stiltranszendenz Frisells zum Tragen, so ist die unter dem Namen Ginger Bakers eingespielte CD «Going Back Home» (Atlantic) ein wunderbares Forum für Frisells spontane Improvisationskunst. Ohne Proben und grosse Absprachen gingen Frisell, Baker und Charlie Haden ins Studio - und herausgekommen ist eine mächtig «groovende» Sache. Der Brite Ginger Baker war Drummer der legendären Rockgruppe Cream (mit Eric Clapton und Jack Bruce), doch seine Musikerlaufbahn hatte er als Jazzschlagzeuger begonnen. Nach einem längeren Rückzug vom Musik-Business mutet sein heutiges Spiel wie eine durch die Rockerfahrung gefilterte Anknüpfung an seine Anfänge an, es hat etwas fundamental Rudimentäres, swingt aber trotzdem.

Zusammen mit dem erdigen Bassspiel Hadens ergibt sich daraus ein einfahrender Dampfwalzen-Swing. Frisell war davon begeistert - und diese Begeisterung ist seinem Spiel anzuhören: Es wirkt unangestrengt und doch konzentriert, auch in den aggressiven, an Jimi Hendrix erinnernden Teilen verliert sich Frisell nicht in beliebigen Rückkoppelungsorgien, sondern setzt die Sound-Explosionen sehr gezielt ein. So tritt uns Frisell auch auf «Going Back Home» als Meister in der Verbindung von Emotionalität und Intellektualität entgegen: Kopf- und Bauch-Musik vom Allerfeinsten.

29.03.1995