Vom Umgang mit Freiheit
Der Begriff Free Jazz wird oft mit organisiertem Lärm assoziiert. Eine Auswahl von Neuerscheinungen und Wiederveröffentlichungen widerlegt dieses Vorurteil.
Free Jazz ist kein Stil wie etwa Dixieland oder Bebop. Free Jazz ist vielmehr ein verwirrend unübersichtliches Stilkonglomerat. Der Begriff geht zurück aufs Jahr 1960: damals gab Ornette Coleman einer vierzigminütigen Kollektivimprovisation seines Doppelquartetts den Titel «Free Jazz». Dieser Begriff schien perfekt zu der neuen Musik, die damals entstand, zu passen; er setzte sich jedenfalls schnell durch und verdrängte andere Namen - New Thing, New Jazz, Avantgarde Jazz . . . - fast gänzlich.
Um 1960 war die Jazzszene in Aufruhr: einige Musiker begannen, den bisher sakrosankten Bezugsrahmen der Jazzimprovisation aufzulösen und zu überwinden. Sie gingen den Weg von der Tonalität zur Modalität bzw. Atonalität, sie ersetzten den Beat, also den durchgehend akzentuierten Fundamentalrhythmus, durch Puls oder Rubato oder die totale Arhythmik usw. Free-Musiker suchten Inspiration in anderen Musikkulturen. Darüber hinaus fand im Free Jazz eine Ausweitung des Klanges in den Bereich des Geräuschs statt. Alles in allem ist Free Jazz, weitaus stärker als alle anderen Jazzstile vor 1960, durch eine enorme Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten gekennzeichnet. Davon hat später auch der Mainstream-Jazz profitiert, hat er doch gewisse Free-Elemente in sein Vokabular übernommen.
Wichtige Varianten und nach wie vor gültige Bezugspunkte des Free Jazz sind Ornette Colemans bluesig-folkloristische Assoziationsmotivik, John Coltranes ekstatische Spiritualität (dessen Meisterwerk Ascension erfuhr eine Neuinterpretation durch ein Ensemble um das Rova-Sax-Quartett, die nun auf Black Saint vorliegt), Albert Aylers naive Ästhetik des Schreis, Cecil Taylors konstruktiver Expressionismus. Beim intergalaktischen Sun Ra dreht sich die Diskussion immer noch um die Frage «Schamane oder Scharlatan?» Die vor allem von Jimmy Giuffre überzeugend vertretene «weisse Linie» ist ein bis heute zu wenig beachtetes Nebengleis des Free Jazz geblieben.
Unübersichtlichkeit
Nach den Grosstaten der Pioniere der ersten Generation schritt die Ausdifferenzierung des Free Jazz munter voran. Die Chicagoer AACM-Avantgarde (Muhal Richard Abrams, Lester Bowie, Art Ensemble of Chicago . . .) entdeckte die kleinen Instrumente und forcierte den eklektischen Pluralismus der «Great Black Music (Ancient to Future)». Anthony Braxton brachte Free-Elemente mit höchst komplexen, auch an Schönberg und Stockhausen orientierten Kompositionsmethoden zusammen. In Europa löste der Free Jazz eine Emanzipation von den amerikanischen Vorbildern aus: in Deutschland tobte das Kaputtspiel, in England knispelte die non-idiomatische Sprödheit, in Holland durfte gelacht werden, in Frankreich begab man sich auf die Suche nach einer «folklore imaginaire», in Polen machte Tomasz Stanko düster-melancholischen Kafka-Jazz, und in der Schweiz stiessen sich Irène Schweizer, Pierre Favre, Werner Lüdi die Hörner ab.
Später kamen die Noise-Music, John Zorns Sado-Maso-Sound-Orgien, der bruitistische Japan-Underground . . . Heutzutage ist die Unübersichtlichkeit riesengross. Obwohl der Free Jazz mit seinen 1001 Spielarten eine höchst minoritäre Angelegenheit ist, haben selbst Experten längst den Überblick verloren - und so schreitet denn die Spezialisierung und Segmentierung zügig voran: Coltrane-Exegeten stehen neben Sun-Ra-Anbetern und Japan-Freaks, die Koglmänner kaprizieren sich auf die «weisse Linie» usw. Eine Auswahl an Neuerscheinungen und Re-Issues im Bereich des Free Jazz kann nicht repräsentativ sein, vielmehr spiegelt sie die Vorlieben und Abneigungen des Autors, aber auch dessen beschränkte Kapazität in der Auseinandersetzung mit der Materie. Freiheit ist eben etwas Schönes, aber auch etwas Schwieriges.
Coleman, Taylor, Giuffre
Der Saxophonist Ornette Coleman hat mit seinem neuen akustischen Quartett «Sound Museum» die CDs «Hidden Man» und «Three Women» eingespielt: da werden in komischer Aufnahmequalität dieselben 13 Titel in zwei unterschiedlichen Versionen präsentiert. Mit «Sound Museum» überträgt Coleman die harmolodischen Ideen - Colemans Verlautbarungen zu seiner harmolodischen Methode sind recht verquast - seiner elektrischen Band «Prime Time» in einen akustischen Rahmen; kein sehr geglücktes Unterfangen.
Während die Pianistin Geri Allen gute Figur macht, zerstören der Bassist Charnett Moffett und der Holterdipolter-Schlagzeuger Denardo Coleman (Ornettes Sohn) den musikalischen Fluss durch Hyperaktivität; Ornette hat seine Assoziationsketten jedenfalls schon mit mehr Übersicht und grösserem Ideenreichtum entwickelt. Zum Beispiel in den wunderbar schnörkellosen und ungekünstelten Duo-Aufnahmen mit dem seelenverwandten Bassisten Charlie Haden aus dem Jahr 1977, die nun auch auf CD vorliegen.
Mit «Always a Pleasure», einer in Berlin entstandenen Live-Septett-Einspielung von 1993, knüpft der Pianist Cecil Taylor an die Aufnahmen mit seinen Units, wie er seine Gruppen im Combo-Format nennt, an: Ausgehend von minimalen Vorgaben entwickelt sich eine pulsierende Mahlstrom-Musik von grosser Ereignisdichte und mit weitgeschwungenen Spannungsbögen. Typisch Taylor: der lange Atem kommt zusammen mit einem Kult der extremistischen Verdichtung, der schier gnadenlosen Intensivierung des Moments. In solche Musik muss man ganz und gar eintauchen, sich überwältigen lassen - oder man muss die Flucht ergreifen, um nicht verrückt zu werden. Nichts für schwache Nerven!
Nicht minder radikal als die Musik Taylors ist die Musik des Trios Jimmy Giuffre (Klarinette), Paul Bley (Piano) und Steve Swallos (Bass), ist sie auch im Gestus vollkommen konträr: hier wird eine in sich versponnene Kammermusik entwickelt, die einerseits auf den Cool Jazz, andererseits auf die europäische Konzertmusik des 20. Jahrhunderts verweist, immer um die Intensität der Intimität und den Wert der Stille weiss. 1961/62 bahnte sich dieses Triumvirat der revolutionären Leisetreter mit den Platten «Fusion», «Thesis» und «Free Fall» einen ganz und gar eigenständigen, aber kaum beachteten Weg in die Freiheit. Die drei Insider-Scheiben sind nun auch versilbert erhältlich. Giuffre, Bley und Swallow haben sich nie aus den Augen und Ohren verloren, und sind in letzter Zeit wieder vermehrt zusammen ins Studio gegangen. Mit «Conversations with a Goose» (aufgenommen 1993) knüpfen sie erfolgreich an ihre überhörte Musik aus den Sechzigern an. Weis(s)e Musik!
Leidenschafts-Varianten
Die ekstatische Inbrunst des späten John Coltrane entlud sich nicht zuletzt in saxophonistischen Zwiegesprächen mit Pharoah Sanders am Rande der physischen Erschöpfung. An die wahnwitzige Raserei und Weissglut der Coltrane-Zeit knüpfte Sanders in neuerer Zeit auf eigenen Alben nur streckenweise an, daneben versuchte ihn der Produzenten-Guru Bill Laswell mit musikalisch untauglichen Mitteln zur trendigen Kultfigur emporzustilisieren. Das Album «Solomon's Daughter» des bei uns noch weitgehend unbekannten Schlagzeugers Franklin Kiermyer beweist, dass Sanders solche Mätzchen eigentlich nicht nötig hätte. Zusammen mit Kiermyer, John Esposito (Piano) und Drew Gress (Bass) lässt Sanders den Geist des späten Coltrane wiederaufleben, dass einem Hören und Sehen vergeht. Auf diesem «Hammer-Album» stellt sich Sanders selbst in den Schatten; alle anderen neueren Sanders-Alben verblassen neben «Solomon's Daughter».
In der Coltrane-Sanders-Ayler-Linie stehen auch die Tenorsaxophonisten David S. Ware und Glenn Spearman. Während Ware mit «Godspelized» ein recht eindimensionales Album vorlegt, beweist Spearman mit «The Fields», der zweiten Einspielung seines «Double Trio», dass man Leidenschaft auch auf spannende und intelligente Weise zelebrieren kann. Ware vertraut auf einfache Melodien und sein schreiendes und röhrendes Saxophon und lässt sich von einem leider nur halbstarken «Power-Trio» mit Klavier, Bass und Schlagzeug begleiten. Dagegen baut Spearman mit seinem aussergewöhnlichen Doppel-Trio mit zwei Schlagzeugern, Klavier, Bass und dem ROVA-Mann Larry Ochs, von dem auch zwei Stücke auf «The Fields» stammen, als zweiten Saxophonisten weitaus komplexere Strukturen, um sie in energetischer Interaktion aufzuladen, zu erhitzen.
Lawrence D. «Butch» Morris' faszinierende Kunst der Conduction, des dirigierenden Improvisierens mit einem Ensemble frei improvisierender Musiker mittels einem eigenwilligen System von Zeichen und Gesten, wurde 1995 mit der monumentalen 10-CD-Box «Testament. A Conduction Collection» eindrücklich gewürdigt. Die zehn CDs, auf denen Beispiele von fünfzehn Conductions aus den Jahren 1988 bis 1995 mit 5- bis 16köpfigen Ensembles zu finden sind, können nun auch einzeln erstanden werden. Morris versteht seine Methode der Conduction als kulturellen Dialog - und so entsteht denn über die Jahre hinweg eine vielschichtige Kartograpie der dirigiert-improvisierten Ensemblemusik, wobei Morris mit Musikern aus verschiedenen Weltgegenden und mit unterschiedlichem Background arbeitet.
Zarter Lyrismus
Mittels grafischer Notation schafft der englische Geröllhalden-Schlagzeuger Tony Oxley, ein Pionier der europäischen Free Music, unerhörte Sound-Texturen für sein «Celebration Orchestra». Am JazzFest Berlin 1994 brachte dieses 14köpfige Orchester zusammen mit dem Gast Bill Dixon (Trompete, Flügelhorn) Oxleys Komposition «The Enchanted Messenger» zur Aufführung. Ein enorm facettenreicher Klangkosmos eröffnet sich dem Hörer; Oxley unterteilt das unorthodox besetzte Orchester (vier Perkussionisten, vier Streicher, drei Bläser, zwei Elektroniker plus der Stimmakrobat Phil Minton) in immer wieder neue Sub-Combos, lässt Solostimmen hervortreten und wieder verschwinden . . . Nach Alexander Schlippenbachs «Globe Unity Orchestra» und Barry Guys «London Jazz Composers Orchestra» wird uns eine weitere gelungene Grossanstrengung aus Europas Free-Küche serviert.
Abschliessend sei noch hingewiesen auf zwei wichtige Wiederveröffentlichungen mit afro-amerikanischem Free Jazz, der sich durch seine leise Poesie, seine Behutsamkeit im Umgang mit Tönen und Geräuschen, seinen zarten Lyrismus vom Hauptstrom abhebt. Marion Browns «Afternoon of a Georgia Faun» - der Titel erinnert wohl nicht von ungefähr an Debussys «Prélude à l'après-midi d'un faune» - und Leo Smiths «Divine Love» sind beschauliche Nebenflüsschen. Wer genug hat vom hektischen Verkehr auf dem Hauptstrom, findet hier Ruhe und Entspannung und wird doch nicht verschont vor Überraschungen.
Diskographie
Marion Brown: Afternoon of a Georgia Faun (ECM/Phonag). Ornette Coleman: Hidden Man, Three Women (zusammen mit Charlie Haden) Soapsuds, Soapsuds (Harmolodic-Verve/Polygram). Jimmy Giuffre, Paul Bley, Steve Swallow, Jimmy Giuffre 3, 1961 (ECM/Phonag; enthält die Platten «Fusion» und «Thesis»), Free Fall (Columbia/Sony), Conversations with a Goose (Soul Note/ Plainisphare). Franklin Kiermyer (mit Pharoah Sanders): Solomon's Daughter (Evidence/Plainisphare). Lawrence D. «Butch» Morris: Conduction #11, Where Music Goes (mit einem Ensemble, in dessen Zentrum das ROVA-Saxophon-Quartett steht), Conduction #15, Where Music Goes II (mit Arthur Blythe als Gastsolist); Conduction #22 (mit einem Electronics-lastigen Quintett), Conduction #23, Quinzaine de Montreal (ein 10köpfiges Ensemble mit fünf Cellisten); Conduction #25, Akbank, Conduction #26, Akbank II (mit dem türkischen Süleyman Erguner Ensemble), Conduction #28, Cherry Blossom (mit traditionellen und avantgardistischen Japanern) und Conduction #31, Angelica Festival of International Music (mit bekannten europäischen Free Jazzern), Conduction #31, Fortsetzung, Conduction #35, und #36, American Connection 4 (mit dem holländischen Maarten Altena Ensemble), Conduction #38, In Freud's Garden (u.a. mit Hans Koch und Martin Schütz), Conduction #39 und #40, Thread Waxing Space (mit der New Yorker Avantgarde); Conduction #41, New World, New World (mit einem spröd-intellektuellen Ensemble aus Florida), Conduction #50, P3 Art and Environment (wiederum mit traditionellen und avantgardistischen Japanern) Documenta: Gloves & Mitts (alle CDs auf New World Records-Counter Currents/Plainisphare). Tony Oxley Celebration Orchestra feat. Bill Dixon: The Enchanted Messenger (Soul Note/Plainisphare). Leo Smith: Divine Love (ECM/Phonag). Glenn Spearman Double Trio: The Fields (Black Saint/Plainisphare). Cecil Taylor: Always a Pleasure (FMP/Plainisphare). David S. Ware Quartet: Godspelized (DIW/ K-tel).
19.07.1997
