«Ich bin nicht Dr. Jekyll & Mr. Hyde

Der Basler Jazzpianist Hans Feigenwinter über sein neues Album «Behind the Bend», seine Liebe zur Popmusik und über das Autoradio als prägende Hörerfahrung. Das Gespräch fand im April 2005 statt.

Tom Gsteiger

Frage: Im Vergleich zum dem Album «Because You Knew» (Universal) des Trios Feigenwinter-Oester-Pfammatter, auf dem es u.a. eine atemberaubende Version von Charlie Parkers «Au Privave» zu hören gibt, tönt die neue Quintett-CD «Behind the Bend» (Universal) für mich wie Patisserie für die Ohren. Wie bringt man das alles unter einen Hut?

Antwort: Vielleicht muss der Hut gross sein ... Spass beiseite: Für mich ist das nicht wie Tag und Nacht, ich bin nicht Dr. Jekyll & Mr. Hyde! Die Patisserie-Metapher ist nicht fair. «Behind the Bend» ist sicherlich homogener als «Because You Knew». Homogenität scheint gewisse Jazzhörer zu verschrecken, dabei ermöglicht sie auch sehr viel Reichtum. Einfache, verständliche Klänge ermöglichen eine grössere Übersicht, dadurch wird das Zeitempfinden geschärft. Der Unterschied zwischen den zwei Alben hat auch mit dem Repertoire zu tun. Während ich mit dem Bassisten Bänz Oester und dem Schlagzeuger Norbert Pfammatter ein gemischtes Programm spiele, das zu einem guten Teil aus Standards besteht, habe ich alle Stücke fürs Quintett selber komponiert.

Frage: Diese Stücke sind für mein Empfinden sehr eng abgezirkelt. Ist daher das Interplay im Quintett weniger abenteuerlich als im Trio?

Antwort: Mir geht es nie darum, mehr oder weniger abenteuerlich zu improvisieren, sondern um tolle Bewegungen innerhalb eines vorgegebenen Rahmens. Die Soli dürfen also nicht aus dem Rahmen fallen. Es gibt auch im Quintett sehr viele interaktive «Ping-Pong-Situationen». Interaktion ist für mich gerade dann interessant, wenn sie einen starken Gegenpart im komponierten Material hat. Kommt hinzu, dass die einzelnen Musiker auch durch den Ensemblesound beeinflusst werden. Der Sound des Quintetts ist von grosser Transparenz geprägt. Daraus resultiert eine Leichtigkeit, die nicht mit Oberflächlichkeit verwechselt werden sollte.

Frage: Wie entstanden die Stücke für das neue Album?

Antwort: Ich phantasiere sehr viel am Klavier und habe Berge von Notizen mit Ideen für Stücke. Manchmal kann es auch vorkommen, dass ich einen alten Zettel hervornehme und merke: Dieses Stück ist ja schon fertig. Ich nehme mir beim Komponieren also nichts Bestimmtes vor, sondern hole die Musik aus mir raus, die in mir drin ist. Das hat natürlich auch mit Hörerfahrungen zu tun, wobei es falsch wäre, diese auf einzelne Figuren reduzieren zu wollen. So sehr ich z.B. Pat Metheny oder Keith Jarrett schätze: Vielleicht hat mich ja das Autoradio, das meine Mutter während unseren Ausflügen immer laufen liess, mehr geprägt ...

Frage: Es gibt Leute, für die ist «Behind the Bend» mehr ein Pop- als ein Jazzalbum.

Antwort: Popmusik ist für mich seit jeher wichtig, ich habe ja früher in einer Popband gesungen und später an einem Album der Lovebugs mitgearbeitet. Dabei habe ich allerdings auch gemerkt, dass man im Pop gewisse Dinge, die mich auch interessieren, immer im Voraus ausschliesst. Was mich am Pop fasziniert, ist die Klarheit. Klarheit ist für mich sowieso enorm wichtig.

Frage: Brad Mehldau hat Stücke von den Beatles und Radiohead aufgenommen. Von Hans Feigenwinter gibt es keine solchen Coverversionen.

Antwort: Zu Hause spiele ich auch ab und zu fremde Popsongs, aber die Dringlichkeit, dies öffentlich zu tun, war bisher nie da. Vieles in diesem Bereich ist ja auch eher Krampf als unmittelbare Aneignung.