Ein pragmatischer Nonkonformist
Der Tenorsaxofonist Ellery Eskelin ist ein Meister des Unüblichen.
Man kennt die Klage: Der Jazz sei dabei, sein letztes Quentchen an Kreativität zu verlieren – statt stupender Spontaneität habe er nur noch Mainstream-Klischees und Zeitgeist-Floskeln zu bieten, die Dominanz der Langweiler sei nicht mehr aufzuhalten. Alles Unsinn! Wer seine Ohren spitzt, kann das gewaltige Rumoren, das aus den Schlupflöchern für «subversive Elemente» dringt, nicht überhören. Und damit Vorhang auf für Ellery Eskelin. Diesem gleichermassen unverkrampften und unangepassten Querkopf haben wir ein grandioses Œuvre zu verdanken, das nicht zuletzt durch seine Mischung aus fabulierwütiger Extravaganz und fokussierter Energie beeindruckt.
Eskelin ist zu neugierig, um es sich in einer der herkömmlichen Schubladen bequem zu machen. Früher hat er sein Tenorsaxofon zwar auch durch die harmonischen Hindernis-Parcours des Bebop manövriert, doch irgendwann fasste er den unumkehrbaren Entschluss, nicht mehr ein Papagei sein zu wollen, der bloss den alten Meistern nachplappert. Und so wurde aus Eskelin selbst ein Meister – ein Meister des Unüblichen.
Bei seinen musikalischen Streifzügen lässt sich Eskelin nicht von vorgefassten Ideen, sondern von seinem Instinkt und seiner Intuition leiten. «Für mich ist Originalität keine intellektuelle Übung. Ich versuche das, was an mir und meinem Leben einzigartig sein mag, in Musik zu übersetzen», sagt der abgekämpfte, aber auch sichtlich zufriedene Künstler im Anschluss an eine Aufnahmesitzung in einem provisorisch eingerichteten Studio im aargauischen Berikon. Doch wie geht er genau vor, um dieses Ziel zu erreichen? Er sei ständig auf der Suche nach neuen Methoden und Strategien zur Veränderung musikalischer Paradigmen, so gehe es ihm zum Beispiel beim Improvisieren meistens nicht darum, das komponierte Material fortzuspinnen, sondern einen scharfen Konstrast dazu zu schaffen.
Alles in allem erscheint uns Eskelin als pragmatischer Nonkonformist, als Freigeist mit Bodenhaftung. Den Pragmatismus, zu dem auch die handwerkliche Professionalität gehört, hat er wohl von seiner Mutter geerbt, die als Hammondorgel-Spielerin durch die Clubs von Baltimore und Umgebung tingelte. Seinen Vater, den exzentrischen Singer/Songwriter Rodd Keith, hat der 1959 geborene Eskelin als Kind nie richtig kennengelernt. In den 60er- und 70er-Jahren vertonte Keith Texte, die ihm auf seine Aufforderung hin von wildfremden Menschen zugeschickt wurden. Dabei entstanden seltsame, zwischen Mumpitz und Metaphysik oszillierende Songs, die Eskelin auf der CD «I Died Today» (Tzadik) zusammengetragen hat: «Die Musik meines Vaters hat mir Mut gemacht, mich noch weniger um Konventionen zu kümmern.»
Aussergewöhnliches Trio
Das Zentrum von Eskelins Schaffen bildet seit 1994 ein Trio mit Andrea Parkins an Akkordeon und Sampler und Jim Black am Schlagzeug. Die aussergewöhnliche Besetzung wurde bewusst gewählt, um vom eingeübten Rollendenken wegzukommen. Vor fünf Jahren nahm Werner X. Uehlinger, der Basler Independent-Produzent mit der untrüglichen Spürnase für Massenuntaugliches, das Trio unter seine Fittiche. Seither sind auf dem Label Hatology (Vertrieb Musicora) fünf Alben erschienen – ganz aktuell: «12 (+1) Imaginary Views». Der Titel rührt von der Tatsache her, dass die auf dieser CD versammelten Stücke auf dem Papier kaum existieren: Knappe konzeptionelle Vorgaben dienen dem Trio als Rahmen für ansonsten offene Improvisationen. Dass man dabei nicht in die üblichen Fallen des freien Improvisierens – mäandrierende Formlosigkeit, hysterisches Gefummel, abstrakter Soundfetischismus – tappt, beweist, dass hier drei begnadete «Instant Composers» am Werk sind, die einander quasi blindlings vertrauen können.
Einen Gegenpol zu den «Imaginary Views» bilden die 1998 eingespielten «Five Other Pieces (+2)»: Ausnahmsweise stehen nicht Eskelins eigene Kreationen im Vordergrund, sondern Coverversionen. Die Stückauswahl führt im Zeitraffer durch die Jazzgeschichte – von einem Gershwin-Prelude (Proto-Jazz) über Lennie Tristanos «April» (Cool-Bop) bis zu John McLaughlins «The Dance of Maya» (Fusion) –, doch das Resultat tönt weder nach Mimikry noch nach Geschichtslektion. Hier zeigt sich eine weitere von Eskelins herausragenden Qualitäten: die Fähigkeit, das bereits Dagewesene in überraschend neuartige Zusammenhänge zu stellen.
Röhrender Hirsch
Das gemeinsame beider Alben? Sie tönen nie abgedroschen, erreichen eine geglückte Balance zwischen sinnlicher Experimentierfreude und struktureller Durchtriebenheit und verfügen über eine dramaturgische und klangliche Vielschichtigkeit, die sich auch bei mehrmaligem Anhören nicht erschöpft. Eskelin tritt abwechslungsweise als schräger Vogel, bunter Hund und röhrender Hirsch in Erscheinung, er entlockt seinem Horn saftige Kantilenen, ist aber auch zu zornigen Wutausbrüchen fähig: Sein Spiel sei im Laufe der Zeit mit über zwanzig Saxofonisten – von Ben Webster bis Archie Shepp – verglichen worden, er selbst nennt als wichtige Einflüsse den ekstatischen Hymniker John Coltrane, den kernigen, im Blues verwurzelten Gene Ammons und den flamboyanten Haudegen Sonny Stitt. Parkins, als virtuelle Hammond-Organistin ebenso überzeugend wie als bizarre Soundsurrealistin, und der Groove-Maniak Jim Black folgen ihrem «Chef» in die entlegensten Winkel – und manchmal übernehmen sie selbst das Ruder. Wem dies alles immer noch zu wenig ist, dem kann gehofen werden: Auf dem Album «Ramifications» (Hatology) stossen der Tubist Joe Daley und der Cellis Erik Friedlander zu Eskelins fulminantem Trio hinzu.
2002
