Dokumente einer grossen Nordsehnsucht

Das Münchner CD-Label ECM und seine Ästhetik.

Tom Gsteiger

Selbstverständlich gibt es die oftmals heraufbeschworene ECM-Ästhetik gar nicht. Dafür ist der Output dieses 1969 mit einer Platte des Mal-Waldron-Trio (welch überraschender Beginn!) ins Leben gerufenen Labels viel zu disparat, zu facettenreich. Nur eine sehr eingeschränkte Sicht auf die weit über 500 Titel des ECM-Katalogs könnte zur Behauptung verleiten, es gäbe so etwas wie den ECM-Sound.

Und doch: Die «Edition of Contemporary Music» hat über die Jahre ein unverwechselbares Profil, ja nachgerade eine Aura entwickelt. Dies ist in erster Linie das Verdienst des Produzenten Manfred Eicher, der unbeirrt von Trends und ohne allzu grosse Rücksicht auf kommerzielle Gesichtspunkt nach Musik fahndet, die sein europäisch-empfindsames Gemüt in Schwingungen versetzt.

Eichers Nordsehnsucht hat uns wunderbare Musik mit Künstlern wie Jan Garbarek, Arild Andersen, Sidsel Endresen, Bobo Stenson, Terje Rypdal, Edward Vesala beschert. Auf ECM sind die grossen Lyriker und Melancholiker des Jazz zu Hause (Kenny Wheeler, Tomasz Stanko, Ralph Towner, Gary Burton), ECM-Artisten wie John Abercrombie, Dave Holland, Jack DeJohnette (die drei bilden das Trio «Gateway»), Gary Peacock, Paul Bley sind herausragende Stilisten des modernen Jazz, und der Pianist Keith Jarrett ist wohl der grösste lebende Jazzmusiker überhaupt (dafür ein recht langweiliger Mozart-Interpret).
Mit seinem feinen Sensorium für Nichtalltägliches und seinem gelegentlichen Hang zum Kunstvoll-Geschmäcklerischen hat Eicher darüber hinaus unbewusst Moden (avant la lettre) initiiert: Jarretts «Köln Concert» begleitete in vielen WGs den Rückzug in die Innerlichkeit. In der Begegnung von Musikern aus verschiedenen Kulturkreisen (vor allem Garbarek tat sich hier als Katalysator hervor) entstand eine Art imaginäre Weltmusik; doch was in «New-Age»-Harmlosigkeit und «World-Music-Muzak»-Einheitsbrei mündete, war bei ECM zumeist, so der amerikanische Musikpublizist Roy Parkhurst, «Agitprop, eine Musik, die den Hörer dazu herausfordert, die Schönheit, aber auch Brüche wahrzunehmen».

Brüche, aber auch mehr oder weniger verborgene Zusammenhänge kann man bei ECM auch zwischen der Musik und der von Barbara Wojirsch und Dieter Rehm inszenierten Cover-Gestaltung wahrnehmen - die eindrückliche Kontinuität der ECM-Cover-Kunst lässt sich nun anhand des Buches «Sleeves of Desire. A Cover Story» (Lars Müller Publishers, Baden/CH 1996) nachvollziehen. Manchmal ergänzen die Covers die Musik, zuweilen lösen sie Assoziationen aus, die der Musik zuwiderlaufen. Diese Ambivalenz ist gewollt, mit ihr will Eicher Erwartungen an die Musik neutralisieren. Eicher denkt dialektisch - und plötzlich ste-hen Worte Peter Handkes auf einer Platte des legendären amerikanischen Free-Bop-Quartetts «Old & New Dreams».

Das mag fragwürdig erscheinen, gleichgültig lässt es nicht. Fragwürdig erscheint ab und zu eher der Nachhall-Ästhetizismus des von Eicher favorisierten norwegischen Toningenieurs Jan Eik Kongshaug, der durchaus nicht allen ECM-Aufnahmen zum Vorteil gereicht. Wo etwa spröde Direktheit angesagt wäre, tendiert der hallige Sound zum prätentiösen Gegenteil, zu hymnischer Erhabenheit.

Drei Neuerscheinungen repräsentieren sehr verschiedenartige auf dem Label vertretene Strömungen. «Agram», zweite CD des von der Sängerin Lena Willemark und vom Multiinstrumentalisten Ale Möller initiierten «Nordan Project», entführt uns in die reiche Tradition der schwedischen Volksmusik: Mittelalterliche Balladen werden sorgfältig modernisiert, nachempfindende Eigenkompositionen schaffen eine imaginäre Authentizität; archaisch, verhalten idyllisch, elegisch ist diese Musik, in der volksliedhafte Einfachheit mit geschmackvollen improvisatorischen Einfällen zusammentrifft, für die vor allem der Saxophonist Jonas Knutson und der Bassist Palle Danielsson, der mit Bill Evans, Keith Jarrett, Jan Garbarek, John Taylor etc. spielt, verantwortlich zeichnen. Die breite Palette an Auseinandersetzungen mit nordischer Volksmusik auf ECM wird mit «Agram» durch ein vielschichtiges Album ergänzt.

Der französische Holzbläser Louis Sclavis hat sich auch immer wieder mit Volksmusik auseinandergesetzt, doch ebensosehr sind ihm der Free Jazz - er spielte mit Cecil Taylor und Anthony Braxton - und die E-Musik-Avantgarde von Boulez bis Ferneyhough Inspirationsquellen. Mit seinem neuen Opus, den farbenprächtigen «Violences de Rameau», wagt er eine radikal-imaginative Nach- und Neuschöpfung der gleichermassen erratischen wie frivolen Musik des Barockmeisters Jean-Philippe Rameau. Auf eigenwillige Weise werden expressive Jazzimpros und kammermusikalische Introspektion zusammengeführt.

Das grossartige Interplay-Trio «Gateway» schliesslich präsentiert mit «In the Moment» fünf spontane Ad-hoc-Interaktionen, die im Dezember 1994 bei derselben Studio-Session wie das sensationelle Comeback-Album «Homecoming», auf dem John Abercrombie (Gitarre), Dave Holland (Bass) und Jack DeJohnette (Drums) ungemein kühn und beflügelt über Eigenkompositionen improvisieren, entstanden. Für den Fan dieses Ausnahmetrios, das bereits einmal in den siebziger Jahren für Aufhorchen sorgte (unter anderem mit zwei CDs für ECM), ist «In the Moment» eine Ergänzung zu «Homecoming», doch ist es kein geschlossenes Album, sondern eher ein Sound-Skizzenbuch.

Schade nur, dass der Wunsch der drei Musiker nach einer Konzertaufnahme bisher nicht in Erfüllung ging, sind doch Abercrombie-Holland-DeJohnette «live» kaum zu halten, wie sie kürzlich auch in der Schweiz bewiesen. Doch bei ECM scheint gegenüber Live-Alben eine grosse Skepsis zu herrschen, nur gerade der sakrosankte Keith Jarrett ist gleich mit einer ganzen Reihe von Live-Aufnahmen vertreten.

14.12.1996