Vielseitiger Virtuose mit Visionen
Eric Dolphy trotzte einem viel zu kurzen Leben ein Maximum an expressiver Ausdruckskraft ab.
Neun Tage nach seinem 36. Geburtstag starb Eric Dolphy am 29. Juni 1964 in Berlin an den Folgen einer nicht erkannten Diabeteserkrankung. Die Nachricht von seinem Tod war für die Jazzwelt ein Schock. «Eric war einer der grossartigsten Menschen, den ich kannte, als Freund und als Musiker», gab John Coltrane zu Protokoll. Und Charles Mingus doppelte nach: «Eric war ein Heiliger – in jeder Beziehung, nicht nur in seiner Musik.» Der Komponist Gunther Schuller trauerte um einen Künstler, «der alles mit einem Maximum an Intensität und Hingabe tat.»
Eric Dolphy war ein ungemein versierter und vielseitiger Musiker, der sich weder auf einen Stil noch ein Instrument festlegen lassen wollte, er griff Impulse aus der Tradition auf, setzte sich aber auch mit avantgardistischen Strömungen auseinander. Auf seinem Hauptinstrument, dem Altsaxofon, entwickelte er eine kontrollierte Wildheit, die nur entfernt an das Bop-Vokabular des von ihm bewunderten Charlie Parker erinnert. Zu den Charakteristika von Dolphys Spiel zählen halsbrecherische Invervallsprünge, das Verbiegen von Tönen, eine Affinität für Dissonanzen und eine unberechenbare Zickzack-Phrasierung.
Besondere Bedeutung erlangte Dolphy als Solist auf der Bassklarinette. Vor ihm geisterte dieses schwer zu meisternde Instrument nur als Kuriosum durch die Jazzgeschichte. Besonders eindrückliche Beispiele von Dolphys Bassklarinettenkunst sind das Streitgespräch mit dem Bassisten Mingus auf «Charles Mingus presents Charles Mingus» und das beseelte «Spiritual»-Solo auf Coltranes «Live at the Village Vanguard». Am meisten von Dolphys seraphischer Persönlichkeit vermitteln wohl aber seine von Reinheit und Leichtigkeit gekennzeichneten Exurse auf der Querflöte.
«Out To Lunch»
Am besten kommen Dolphys improvisatorische und kompositorische Fähigkeiten auf seinem Opus Magnum «Out To Lunch» vom 25. Februar 1964 zum Ausdruck, das bis heute nichts von seiner visionären Brisanz eingebüsst hat und mit dem der Jazz in eine Richtung entwickelt wurde, die man seither leider zu wenig konsequent weiterverfolgt hat. «Out To Lunch» ist die einzige Aufnahme, der Dolphy von A bis Z seinen Stempel aufzudrücken vermochte. Die Musik oszilliert zwischen kühner Abstraktion und frecher Fabulierlust. Mit grosser Neugier probieren die Musiker neue Interaktionsmuster aus; dass dabei die narrative Spannung nicht verloren geht, ist zweifellos auch das Verdient von Dolphys intelligenten Vorgaben. Dolphy selbst erlebte die Veröffentlichung von «Out To Lunch» nicht mehr.
Dolphy wuchs in Los Angeles auf und war früh von Musik besessen. 1958 wurde er Nachfolger seines Mentors Buddy Collette in der populären Gruppe des Schlagzeugers Chico Hamilton. Erstmals wurde man auch ausserhalb von Los Angeles auf ihn aufmerksam. Hamiltons gediegener Kammerjazz liess allerdings Dolphys Talente nur ansatzweise zum Zug kommen. Weitaus anregender gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Mingus, dessen Gruppe Dolphy nach seinem Umzug nach New York beitrat (1964 erneuerten die von ihrem Charkter her so unterschiedlichen Künstler ihre Zusammenarbeit). Dolphys Reputation erhielt einen enormen Schub. Am 1. April 1960 nahm er mit «Outward Bound» das erste Album unter eigenem Namen auf.
Ende 1960 nahm Dolphy an einem folgenreichen Experiment teil: Unter der Leitung von Ornette Coleman spielte ein Doppelquartett eine vierzigminütige Kollektivimprovisation ein, die unter dem Titel «Free Jazz» veröffentlicht wurde und die Kommentatoren in Verwirrung stürzte. Prägender für Dolphys Entwicklung war allerdings die Begegnung mit dem Trompeter Booker Little, der leider bereits im Oktober 1961 starb: Sie warfen alte Regeln nicht über den Haufen, sondern luden sie mit neuer Bedeutung auf. Nach Littles Tod wirkte Dolphy für ein paar Monate in der ekstatischen Gruppe des Saxofonisten John Coltrane mit: Ihre Konzerte, deren Mitschnitte längst als unverzichtbare Meilensteine des modernen Jazz gelten, wurden von John Tynan im «Down Beat» als «Anti-Jazz» abgekanzelt.
2004
CD-Tipps
«Outward Bound» (New Jazz)
«Eric Dolphy at the Five Spot» (New Jazz); mit Booker Little
«Out To Lunch» (Blue Note)
«Charles Mingus presents Charles Mingus» (Candid)
John Coltrane, «Live at the Village Vanguard» (Impulse)
