«Miles Smiles»

Zu den Studioaufnahmen von Miles Davis' zweitem grossen Quintett mit Wayne Shorter, Herbie Hancock, Ron Carter und Tony Williams.

Tom Gsteiger

Als John Coltrane Miles Davis 1960 verlässt, beginnt für diesen eine Phase des Übergangs und der Neuorientierung. Davis macht zuerst weiter mit seiner angestammten Rhythmusgruppe mit dem Pianisten Wynton Kelly, dem Bassisten Paul Chambers und dem Drummer Jimmy Cobb, er probiert verschiedene Saxoponisten aus (Sonny Stitt, Hank Mobley), findet aber keinen adäquaten Ersatz für Coltrane. 1963 verlässt ihn die gesamte Rhythmusgruppe: Davis sieht sich gezwungen, eine vollkommen neue Band zu formieren. Nach einigen Zwischenlösungen ist im Mai 1963 die neue Traum-Rhythmusgruppe komplett: Davis setzt auf junge, abenteuerlustige Musiker wie den 26jährigen Bassisten Ron Carter, den 23jährigen Pianisten Herbie Hancock und das 17jährige «Wunderkind» Tony Williams am Schlagzeug. Den Tenorsaxophon-Part übernimmt zuerst George Coleman, dann Sam Rivers und schliesslich Wayne Shorter, der im September 1964 zur Band stösst. Shorter, der sich stark an Coltrane orientiert, spielt offener als der eher traditionelle Coleman, hat aber ein grösseres Strukturbewusstsein als der Freigeist Rivers. Das erste Album des neuen Miles Davis Quintet wird am 25. September 1964 live aufgenommen. «Miles in Berlin» präsentiert das angestammte Davis-Repertoire, allerdings in Interpretationen, die noch stärker aufhorchen lassen als die bereits über weite Strecken wahnwitzigen Live-Alben mit Coleman respektive Rivers.

Das zweite grosse Davis-Quintett kannte zwei unterschiedliche Existenzen, die sich allerdings gegenseitig befruchteten: Auf der einen Seite standen die Live-Gigs, bei denen auf immer risikofreudigere Weise das vor allem aus Standards und Davis-Klassikern wie «So What» und «Milestones» bestehende feste Repertoire re-interpretiert wurde, auf der anderen Seite die Studio-Dates, bei denen fast ausschliesslich Kompositionen der Bandmitglieder aufgenommen wurden (einige wenige dieser Stücke fanden Eingang ins Live-Repertoire); diese neuen Stücke wurden nicht selten innerhalb der Gruppe überarbeitet. Enthielt die 1995 veröffentlichte 8-CD-Box «The Complete Live at the Plugged Nickel 1965» atemberaubende Live-Musik - mit einem allerdings über weite Strecken indisponierten Davis -, so liegen nun auf der 6-CD-Box «Miles Davis Quintet. 1965-1968» (beide Columbia) die kompletten Studioaufnahmen dieses Ausnahmeensembles vor.

Noch stärker als Coltrane, der in erster Linie interessiert war an Dichte, Kohärenz, Dringlichkeit und Energie, war Davis ein Ermöglicher spannender Kollektivvorgänge, die gekennzeichnet waren durch Transparenz, Spontaneität und Flexibilität. Die Musik des Davis Quintet tendierte auf zwischen melancholischer Abstraktion und flirrender Hitze pendelnden Expressionismus hin; nicht nur in dieser Hinsicht unterschied sie sich klar von der monomanischen Ekstatik Cotranes. Beide holten als Bandleader das Beste aus ihren Musikern heraus, sie schufen ein Klima, in dem die individuellen Stimmen zu einer grossartigen Gruppenmusik zusammenfliessen konnten.

Das erste Studio-Album der Gruppe, «E. S. P.», wurde im Januar 1965 eingespielt. Nach Bob Belden, der in einem keine Wünsche offenlassenden Booklet alle sechs CDs Stück für Stück kommentiert, während daselbst Todd Coolman einen ausführlichen Überblick über die Geschichte der Gruppe gibt, findet auf «E. S. P.» eine Umwandlung der in Konzerten unternommenen Form- und Rhythmusexperimente in kompositorische Strukturen statt. Zu nennen sind hier: die Arbeit mit Stop-and-go-Elementen, die traumwandlerischen Tempoverrückungen und Tempoverzerrungen, die zeitenthobenen Rubato-Passagen, die Anwendung sogenannter pedal points, die Benutzung blosser harmonischer Andeutungen und schliesslich das spontane Ausserkraftsetzen formaler Vorgaben.

Auf den folgenden drei Studioalben - «Miles Smiles» (aufgenommen im Oktober 1966), «Sorcerer» (Mai 1967) und «Nefertiti» (Juni/Juli 1967) - vertiefte die Gruppe den Umgang mit diesen Elementen. Die Box hält die Entwicklung lückenlos-chronologisch fest, berücksichtigt werden also auch Aufnahmen, die erst auf späteren Alben erschienen sind («Water Babies» von 1976, «Directions» von 1981 und «The Columbia Years» von 1988), sowie bisher unveröffentlichtes Material (für die Zeitspanne Januar 1965 bis Juli 1967 sind dies sechs Tracks).

In den Aufnahmen ab Dezember 1966 macht sich eine stilistische Metamorphose bemerkbar: Die Gruppe wird streckenweise durch einen Gitarristen erweitert, Hancock spielt nun vornehmlich Elektropiano und Ron Carter zuweilen Elektrobass, es gibt weniger Interaktion, dafür mehr ausgeschriebene Background-Parts. Was sich in dieser Transformationsphase ankündet, ist erstens Davis' Hinwendung zu einer Fusion von Jazz- und Rock-Elementen und zum Prinzip «sound over groove», die ihren ersten Höhepunkt in den Alben «In A Silent Way» und «Bitches Brew» (Januar und August 1969) findet, und zweitens das Ende des Quintetts, das im Juni 1968 seine letzten Studioaufnahmen macht: Dabei entsteht ein Teil des Albums «Filles De Kilimanjaro», das Davis im September 1968 mit dem Pianisten Chick Corea und dem Bassisten Dave Holland fertigstellt. Williams geht 1969 von Bord, um die vom Pech verfolgte Gruppe «Lifetime» zu gründen, Shorter verlässt Davis 1970, um gemeinsam mit Joe Zawinul die erfolgreiche Fusion-Band «Weather Report» ins Leben zu rufen. Und im Schaffen von Miles Davis beginnt eine Phase, die noch heute äusserst kontrovers beurteilt wird. Dagegen gehören die meisten Einspielungen auf «Miles Davis Quintet. 1965-1968» zu den unbestrittenen Meilensteinen des modernen Jazz, die noch heute Staunen und Bewunderung auslösen: Wie haben die das bloss gemacht?

18.04.1998