Wenn Genies blau machen


Mit «Kind of Blue» traf Miles Davis 1959 auf zeitlose Weise den Nerv der Zeit. Mit einer Deluxe-Edition wird der Kult um das Album, das weit über den Kreis der Jazzsnobs hinaus grosse Resonanz fand und findet, auf die Spitze getrieben.

Tom Gsteiger

Es gibt Namen, die zu Chiffren für bahnbrechende Umwälzungen in der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts geworden sind. Zum Beispiel: Picasso. Oder: Miles. Diese Namen liefern den Zündstoff für eine kaum einzugrenzende Explosion an Assoziationen. Es liegt nahe, in Anbetracht der Leistungen dieser kreativen Giganten in Heldenverehrung oder Geniekult zu verfallen. Doch wäre es nicht gescheiter, in einen unvoreingenommenen Dialog mit dem Schaffen von Picasso und Miles Davis zu treten, anstatt mit offenem Mund in die Knie zu sinken?

Miles Davis wird oft als «Picasso des Jazz» bezeichnet. Mit diesem Vergleich wird nicht auf den misogyn gefärbten Frauenverschleiss dieser verletzlichen Machos, sondern auf die Tatsache, dass beide Künstler gegen Stagnation und Stillstand rebellierten und sich so einem enormen Innovationsdruck unterwarfen, angespielt. Von Davis ist folgendes Statement überliefert: «Ich muss mich ändern. Es ist wie ein Fluch.» Leider ist es Usus geworden, dass Œuvre dieser Künstler in Phasen einzuteilen, denen jeweils ein paar kanonische Meisterwerke zugeordnet werden. Diese Betrachtungsweise leistet einem Kästchendenken Vorschub, mit dem man weder der Dynamik noch dem obsessiven Kern ihres schöpferischen Prozesses auf die Schliche kommt.

Selbstverständlich kann man sich endlosen Exegesen von «Les demoiselles d’Avignon» oder «Guernica», «Kind of Blue» oder «Bitches Brew» hingeben und dabei sehr schlaue Einsichten zu Tage fördern. Doch eine wichtige Frage wird mit dieser Detailbeflissenheit nicht beantwortet: Warum sprechen die Bilder von Picasso und die Musik von Miles Davis nicht nur Kunstsnobs an? Sowohl Picasso als auch Davis zählten zu der Sorte von charismatischen Genies, die sich nicht im Elfenbeinturm verschanzten. Sie waren sich nicht zu schade, sich ins Gewühl des Alltags zu werfen und sich die Hände schmutzig zu machen. Elitärer Purismus war ihnen ebenso ein Gräuel wie billiger Populismus. Sie trafen den Nerv der Zeit, ohne sich vom Zeitgeist vereinnahmen zu lassen. Sie waren Modernisten mit Sex-Appeal. Beide führten einen vorurteilsfreien Dialog mit verschiedenen Kulturen, so liess sich Picasso bspw. von afrikanischer Stammeskunst inspirieren und Davis nannte in Interviews u.a. Ravel, Debussy, Sinatra, Stockhausen und Hendrix als Einflüsse. Sie blieben sich treu, indem sie immer wieder zu neuen Ufern aufbrachen. Die Triebfeder ihrer Wandlungsfähigkeit war Neugierde und nicht Opportunismus (dies trifft nicht auf die letzte Phase von Davis’ Karriere zu, in der er dem Pop-Star-Syndrom zum Opfer fiel). Dies alles gilt es mitzubedenken, wenn man den Blick auf einzelne Werke dieser Alchemisten richtet.

Nächstes Jahr wird das berühmteste Album von Miles Davis seinen doppelten 50. Geburtstag feiern können. «Kind of Blue» entstand an zwei Aufnahmesitzungen, an denen neben Davis die Saxofonisten John Coltrane (Tenor) und Cannonball Adderley (Alt), die Pianisten Bill Evans und Wynton Kelly (Letzterer spielt nur auf einer Nummer), der Bassist Paul Chambers und der Schlagzeuger Jimmy Cobb beteiligt waren (von ihnen allen lebt nur noch Cobb). Am 2. März 1959 wurden die Stücke «Freddie Freeloader» (mit Kelly), «So What» und «Blue in Green» eingespielt; am 22. April folgten «Flamenco Sketches» und «All Blues». In total bloss neun Stunden entstand in einer von der Firma Columbia zum Tonstudio umgebauten armenischen Kirche an der 30. Strasse in New York eine LP, die längst Kultstatus besitzt und dementsprechend über den grünen Klee gelobt wird. Der helvetische Jazzpapst Peter Rüedi meint etwa: «Unter allen bemerkenswerten Jazzplatten ist «Kind of Blue» vielleicht der Superlativ überhaupt: die Vollendung von allem, was es bis dahin gegeben hatte, und die Verheissung von allem, was noch kommen sollte. Die pure Gegenwart.» Für den Saxofonisten David Liebman, der zu Beginn der 70er-Jahre zur Gruppe von Davis stiess, ist «Kind of Blue» schlicht und ergreifend «die Essenz des Jazz». Solche Urteile sind mit Vorsicht zu geniessen. Nähme man sie zum Nennwert, müsste man zum (absurden) Schluss kommen, mit dem Jazz sei es 1959 nicht sehr weit her gewesen: Wie sonst hätte er von sieben Musikern auf einem Album mit einer Spieldauer von 46 Minuten vollendet werden können?

Davis war kein Vollender, sondern ein ruheloser Neuerer. Keine Frage: «Kind of Blue» ist ein grossartiges Album, dessen modaler Ansatz den Jazzpraktikern einen neuartigen, vielfältig einsetzbaren Modus Operandi an die Hand gab und das die Musikliebhaber mit einer zurückhaltend eleganten Stimmung, die trotz aller lyrischen Zerbrechlichkeit vor Dringlichkeit vibriert, gefangen nahm. «Kind of Blue» ist zugleich ein kühnes Konzept-Album für Eingeweihte und coole Mood-Musik, die man im Hintergrund laufen lassen kann (Herbie Hancock empfiehlt «Kind of Blue» für Sex). Die volle Brisanz von «Kind of Blue» offenbart sich jedoch erst dann, wenn man das Album als wichtige Etappe eines verzweigten «work in progress» begreift, das Davis vom kunstvoll arrangierten Nonett-Jazz, der auf «Birth of the Cool» (1949/50) zu hören ist, zum wild wuchernden Electric-Jazz von «Bitches Brew» (1969) führte. Dann wird klar, dass der originelle Trompeten-Stilist nicht zuletzt ein Meister der Kooperation war, dem es gelang, unterschiedliche Temperamente und Ästhetiken zu zuvor undenkbaren Symbiosen zusammenzuführen.

Im Aufsatz «The Last King of America: How Miles Davis Invented Modernity» führt der Literaturprofessor Gerald Early den «geheimnisvollen Nimbus» von «Kind of Blue» auf die «Mischung von schwarzem und weissem Jazz» zurück. Damit spielt er auf die Tatsache an, dass das Konzept des Albums wesentlich von Bill Evans, der auch die Liner Notes schrieb, mitgeprägt wurde. Obwohl Early die Kategorien «schwarz» und «weiss» reichlich stereotyp verwendet, gilt es ihm beizustimmen, wenn er in Davis nicht nur eine Schlüsselfigur der amerikanischen Kultur nach dem 2. Weltkrieg erkennt, sondern auch einen Katalysator gesellschaftlicher Veränderungen - er war ein Bilderstürmer, der Noblesse und Arroganz auf einzigartige Weise kombinierte. Kein Wunder distanzierte sich Davis von den Onkel-Tom-Faxen seines Idols Louis Armstrong.

Abgedruckt sind Earlys Ausführungen in einem prächtig illustrierten, 60-seitigen Buch im LP-Format, das zur luxuriösen Jubiläums-Ausgabe von «Kind of Blue» gehört, die u.a. das Original-Album auf LP und CD, die restlichen Studioaufnahmen des Kind-of-Blue-Sextetts mit Evans aus dem Jahre 1958, eine beihnae 18-minütige Live-Version von «So What» von 1960 sowie eine DVD mit einem Dok-Film enthält. Der Film schürft wesentlich weniger tief als die Texte - neben Early haben sich Francis Davis und Ashley Kahn, der ja vor acht Jahren bereits ein ganzes Buch über das Album publizerte, den Kopf zerbrochen -, dafür lässt er nicht nur Jazz-Insider, sondern auch Promis wie Bill Cosby, Carlos Santana und Q Tip zu Wort kommen. Wenn man bedenkt, dass Columbia unter der Regie von Sony dem aktuellen Jazz die kalte Schulter zeigt, ist eine derart sorgfältige und liebevolle Geisterbeschwörung wahrlich «Kind of Blue».

Miles Davis, «Kind of Blue: 50th Anniversary Collector’s Edition», Columbia / Sony