Der grosse Sprung nach vorn


Miles Davis und John Coltrane bildeten ein ausserordentlich dynamisches Gespann voller Gegensätze: Apollo und Dyonisos.

Tom Gsteiger

Unsere Geschichte handelt von dem gemeinsamen Weg zweier Jazzgiganten, deren Ruhm längst ins Unermessliche gewachsen ist - man hat sie derart vergrössert und verklärt, dass sie zu entrückten, unanfechtbaren Ikonen geworden sind. 1955 sah das alles noch anders aus. In diesem Schicksalsjahr, in dem der Modern Jazz mit dem tragisch frühen Tod des Altsaxofonisten Charlie Parker seine Leitfigur, sein heiliges Monster verlor, konnten unsere Helden ihren 29. Geburtstag feiern: Der Trompeter Miles Davis am 25. Mai, der Tenorsaxofonist John Coltrane am 23. September (Parker starb am 12. März im Alter von 34 Jahren). Kurz nach seinem Geburtstag stiess Coltrane zum Miles Davis Quintet, er folgte auf John Gilmore, der seinerseits Sonny Rollins abgelöst hatte. Damit war eine Formation komplett, die von den Zeitgenossen zuerst einmal recht skeptisch betrachtet wurde. Der Jazzkritiker Joe Goldberg erinnert sich: «Man erzählte uns von einer Gruppe, die aus einem Trompeter bestehe, der nur das mittlere Register beherrsche und die Hälfte der Noten verpatze, einem verstimmen Tenorsaxofonisten, einem Barpianisten, einem Schlagzeuger, der so laut spiele, dass kein anderer mehr zu hören sei, und einem Teenager am Bass.»

Fesselnde Kontraste

Wie man sich doch täuschen kann! Nicht erst seit gestern geniessen die Aufnahmen des ersten der beiden grossen Quintette von Miles Davis höchstes Ansehen. Sie leben von den Kontrasten zwischen den beiden Bläsern - Davis‘ ökonomischem, nicht selten von einer melancholischen Aura umgebenem Spiel steht Coltranes rastlose Dringlichkeit gegenüber -, und der schnörkellosen Arbeit einer Rhythmusgruppe, die stets genau weiss, wie man ein Maximum an Wirkung erzielt, ohne alle Kräfte aufs Mal zu verpuffen. Am Klavier sass mit Red Garland (1923-84) ein einstiger Profiboxer, dessen Spezialität gut assortierte Blockakkorde waren, in der Band übernahm er die Rolle der unbekümmerten Frohnatur. Mit einem runden und resonanten Sound und exzellentem Timing spielte der Bassist Paul Chambers (1935-69) knackig-federnde Begleitlinien in der Tradition eines Jimmy Blanton oder Oscar Pettiford und griff in seinen Soli auch schon mal zum Bogen. Am Schlagzeug sass mit Philly Joe Jones (1923-85) ein Energiebündel, das in Sachen Lautstärke tatsächlich neue Massstäbe setzte, doch sollte man darob nicht vergessen, zu was für einem raffinierten Umgang mit den Besen Jones auch fähig war, insgesamt trug er mit seinem impulsiven und doch auf Nuancierung bedachten Spiel wesentlich zur von Spontaneität und «Sophistication» gleichermassen geprägten Atmosphäre der Musik bei.

Alles in allem schuf die Band eine neue Ästhetik - die wichtigste Inspirationsquelle war dabei für Davis das Trio des Pianisten Ahmad Jamal -, mit der die von vielen als unüberwindbar geglaubten Gegensätze zwischen Cool Jazz und Hardbop transzendiert wurden. Doch das famose Ying-und-Yang-Ensemble hatte nur rund anderthalb Jahre Bestand. Im April 1957 trennte sich Davis schweren Herzens von Coltrane und Jones. Er hing zwar an diesen Musikern, doch empfand er ihre Heroinsucht und die damit verbundene Disziplinlosigkeit für sich und das Publikum zunehmend als unzumutbar.

Prestige und Columbia

In der kurzen Zeitspanne ihres Bestehens ging die Gruppe zwischen Oktober 1955 und Oktober 1956 für die Labels Prestige und Columbia insgesamt sechs Mal ins Studio, wobei sehr unterschiedliche Arbeitsmethoden zur Anwendung gelangten. Für Prestige, in Jazzkreisen auch als «Junkielabel» bekannt, absolvierte man regelrechte Marathonsessions, bei denen in der Regel keine Zeit blieb, um eine Nummer zu wiederholen - so entstand die eindrückliche Serie der Alben «Cookin‘», «Relaxin‘», «Steamin‘» und «Workin‘» an nur zwei Tagen (11. Mai und 26. Oktober 1956). Hinter dieser gehetzten «Akkordarbeit», die den Adrenalinspiegel der Musiker kräftig nach oben gedrückt haben dürfte, stand Davis‘ Wunsch, seine vertraglichen Verpflichtungen gegenüber Prestige so schnell wie möglich zu erfüllen, denn erst danach konnten das Album, das man bei Columbia quasi auf Vorrat produziert hatte, herausgebracht werden.

Schliesslich erschien das in sich geschlossenste, erfolgreichste und einflussreichste Album des ersten Miles Davis Quintet einen Monat vor dessen Auflösung: «‘Round About Midnight» versammelt die besten Takes von drei sorgfältig geplanten Studiositzungen (26. Oktober 1955, 5. Juni und 10. September 1956), darunter eine an Dramatik kaum zu überbietende Version der Monk-Ballade «‘Round Midnight», hinter derem effektvollen Arrangement man Gil Evans vermutet, mit dem Davis ja seit Ende der Vierzigerjahre («Birth of the Cool») eng befreundet war und mit dem er zwischen Mai 1957 und März 1960 drei kaum klassifizierbare Meilensteine des orchestralen Jazz realisieren sollte («Miles Ahead», «Porgy & Bess», «Sketches of Spain»). Abgerundet wird «‘Round About Midnight» durch ein Cover, das in der Davis-Ikonografie eine herausragende Stellung einnimmt: Es zeigt den in ein mysteriöses, rotes Licht getauchten Trompeter in grüblerischer Denkerpose. Dieses perfekt produzierte Album trug Davis den Ruf eines visionären Bandleaders ein, und es liess nicht wenige Coltrane-Skeptiker ins Lager der Fans dieses Spätzünders überlaufen. Nun liegen die drei erwähnten Aufnahmesitzungen erstmals in kompletter Form vor. Sie bilden den Auftakt zur luxuriösen, chronologisch geordneten, kenntnisreich kommentierten und in der Handhabung leicht unpraktischen 6-CD-Box «Miles Davis & John Coltrane: The Complete Columbia Recordings 1955 - 1961» (Sony): Es ist dies die bisher fünfte thematische Kompilation, mit denen die Firma, der Davis fast bis zum Ende seiner Karriere die Treue hielt, eine Art posthumes Denkmal für den 1991 verstorbenen Künstler errichtet (bereits erschienen sind die Werke mit Gil Evans, Live- und Studio-Aufnahmen des zweiten Quintetts sowie «The Complete Bitches Brew Sessions» von 1969/70).

Exkurs: Davis‘ Wiedergeburt

Den Vertrag mit dem damals weltweit führenden Majorlabel Columbia hatte Davis in erster Linie einem kurzfristig anberaumten Gastauftritt am Newport-Festival vom Juli 1955 zu verdanken, wo er das Publikum, die Kritiker und den Columbia-Produzenten George Avakian mit seiner fragilen Interpretation von «‘Round Midnight» in den Bann zog - nur der Komponist des Stücks, der Pianist Thelonious Monk, zeigte sich von Davis‘ recht freier Themenbehandlung alles andere als angetan. Für Davis bedeutete dieser Newport-Triumph eine Art Wiedergeburt. Bereits in jungen Jahren avancierte der aus dem afro-amerikanischen Mittelstand stammende Trompeter zum Schützling Charlie Parkers. Davis sorgte mit seinem apollinischen Spiel für den Gegensatz zu den dionysischen Exkursen Parkers - diese konstrastierende Dynamik von Sparsamkeit und Überschwang übertrug Davis später auf sein erstes Quintett!

Nach der Zeit an der Spitze des ambitionierten, aber kommerziell erfolglosen «Birth of the Cool»-Nonetts und einer abrupt beendeten Romanze mit der Französin Juliette Gréco («sie war die erste Frau, die ich als gleichwertiges menschliches Wesen geliebt habe, von ihr habe ich gelernt, was es bedeutet, nicht nur die Musik zu lieben») fällt Davis Anfang der Fünfzigerjahre in eine tiefe Depression. Schliesslich hängt auch er, wie so viele andere Jazzmusiker dieser Zeit, an der Nadel. In den folgenden Jahren fällt sein Oeuvre äusserst unausgeglichen aus. Anfang 1954 schafft er einen kalten Entzug, worauf eine intensive künstlerische Regeneration einsetzt, die in der Gründung der Gruppe mit Coltrane gipfelt. Doch zuvor kommt es noch zu ein paar denkwürdigen Pick-Up-Sessions für Prestige, wobei sich die Präsenz des Bassisten Percy Heath und des Schlagzeugers Kenny Clarke, damals beide Mitglieder des Modern Jazz Quartet, wie ein roter Faden durch diese zur Bewertung von Davis‘ Entwicklung unerlässlichen Aufnahmen zieht.

Am 29. April nimmt er mit J. J. Johnson (Posaune), Lucky Thompson (Tenorsax) und Horace Silver (Klavier) eine lange Version des Blues «Walkin‘» auf - dieses Stück behält Davis bis zum zweiten Quintett im Repertoire, wobei seine Interpretationen von Mal zu Mal abenteuerlicher und abstrakter ausfallen; die erste Version besticht durch architektonisch klug gebaute Linien, an denen kein Gramm Fett zuviel ist. Der funkige Silver bleibt für die nächste Session an Bord, die Davis am 29. Juni mit dem aufstrebenden Tenoristen Sonny Rollins zusammenführt - hier setzt Davis erstmals den Harmon-Dämpfer ein, mit dem er diesen zerbrechlichen und doch unheimlich suggestiven Klang erzeugt, der schnell zu einem unverkennbaren Markenzeichen wird. Heiligabend verbringt Davis nicht unter dem Tannenbaum, sondern im Studio, wo er mit dem Vibrafonisten Milt Jackson auf ein weiteres Mitglied des Modern Jazz Quartet stösst. Doch damit nicht genug: Am Klavier sitzt Thelonious Monk, der allerdings Davis während seinen Soli nicht begleiten darf, weil sich dieser von dessen exzentrischen Ideen gestört fühlt. Monk «rächt sich» in der von Jackson geschriebenen Bluesnummer «Bags‘ Groove» mit einem der längsten und brillantesten Soli seiner Karriere. - Diese Aufnahmen gaben Davis das nötige Selbstvertrauen, eine eigene reguläre Gruppe auf die Beine zu stellen.

Weltkind in der Mitten

Nach der Entlassung von Coltrane und Jones herrscht in Davis‘ Band ein reges Kommen und Gehen, nur Chambers weicht nicht von der Stelle: Rollins taucht wieder kurz auf, gefolgt von Bobby Jaspar und Cannonball Adderley, Garland wird durch Tommy Flanagan abgelöst, Art Taylor und Jimmy Cobb heissen die Ersatzleute für Jones. Ende 1957 hat Davis genug von diesem Tohuwabohu, er holt alle alten Weggefährten zurück und behält den Altsaxofonisten Adderley (1928-75), der sein eigenes, recht erfolgreiches Quintett aufgelöst hatte, um bei Davis einzusteigen, als sechsten Mann in der Band. Coltrane hatte sich in der Zwischenzeit von der Drogensucht befreit, ein sechsmonatiges Engagement an der Seite von Monk im New Yorker Club Five Spot absolviert und ein erstes Meisterwerk unter eigenem Namen aufgenommen: «Blue Train» (Blue Note) vom 15. September. Peter Rüedi beschreibt die Heilige Dreifaltigkeit der Frontline: «Adderley blies den Blues in der Verlängerung von Parker, äusserst quirlig, agil, vor Optimismus sprühend. Coltranes sich unerbittlich voranschiebende Klangflächen auf der einen, den zwischen Verlorenheitspoesie und gedämpfter Aggresivität schwankenden Davis auf der andern Seite war er so etwas wie das Prinzip Hoffnung: Prophete rechts, Prophete links, das Weltkind in der Mitten.»

Dieses Sextett bleibt genug lange zusammen, um am 4. Februar und 4. März 1958 das Album «Milestones» aufzunehmen, auf dem die Auseinandersetzung mit der Bluesform dominiert. Das Titelstück deutet allerdings bereits auf Davis‘ Interesse für harmonische Strukturen, die über einen längeren Zeitraum gleich bleiben, hin. Für diese Spielweise, bei der der Solist zwar weniger Hürden in Form häufiger Akkordwechsel zu überwinden hat, aber dafür gegen Monotonie und Repetition anzukämpfen hat, hat sich der Terminus modaler Jazz eingebürgert. Es ist müssig darüber zu spekulieren, wer den modalen Jazz erfunden hat, es kann aber zweifelsfrei festgestellt werden, dass Davis und Coltrane am meisten dazu beigetragen haben, ihn salonfähig zu machen.

Das «Bleichgesicht»

Kurz nach «Milestones» kommt es zu zwei Umbesetzungen. Während der Wechsel von Jones zum etwas weniger flamboyanten Jimmy Cobb - der heute 71-jährige ist der einzige Überlebende aus dieser gloriosen Epoche - als «courant normal» gelten darf, verändert der neue Pianist das Klima in der Band nachhaltig: Bill Evans (1929-80) ist ein introspektiver, mit impressionistischen Klangfarben experimentierender Lyriker. Der hypersensible Evans bleibt nur acht Monate bei Davis, er ist dem Tourneenstress nicht gewachsen und die Sticheleien wegen seiner Hautfarbe - er ist das einzige «Bleichgesicht» in der Band - setzen ihm zu. In dieser Zeit geht die Gruppe am 26. Mai ins Studio, um vier bezaubernde Standardsinterpretationen aufzunehmen, dazu kommen Mitschnitte von Auftritten am Newport-Festival (3. Juli) und im New Yorker Plaza Hotel (9.September), bei denen erwartungsgemäss die extrovertierten Aspekte im Vordergrund stehen. Doch damit ist Evans‘ Beitrag zu Davis‘ Musik noch nicht zu Ende, als Ehrengast und Mitkonzepter ist er am 2. März und 22. April 1959 mitbeteiligt an der Einspielung des vorwiegend modalen Albums «Kind of Blue», das in Umfragen nach der besten Jazzplatte aller Zeiten stets einen Spitzenplatz einnimmt. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass «Kind of Blue» einen an sublimer Sinnlichkeit und sanfter Innovationskraft schwer zu übertreffenden Gipfelpunkt in den Diskografien von drei so bedeutenden Innovatoren wie Davis, Coltrane und Evans einnimmt. Darob sollten wir den offiziellen Bandpianisten Wynton Kelly (1931-71) nicht ganz vergessen, der auf dem Blues «Freddie Freeloader» einen überzeugenden Einstand als fröhlicher Fabulierer mit Punch gab.

Postskriptum

Evans gründet nach seiner Zeit bei Davis sein legendäres Interplay-Trio mit Scott LaFaro (Bass) und Paul Motian (Schlagzeug). Adderley geht im September 1959 von Bord, zusammen mit seinem Bruder Nat gründet er eine überaus populäre Formation des Funk- und Soul-Jazz. Der Zauderer Coltrane verlässt Davis nach einer Europatour im April 1960. Mit seinem «klassischen» Quartett, zu dem der Pianist McCoy Tyner, der Bassist Jimmy Garrison und der Schlagzeuger Elvin Jones gehören, schreibt er nun auch als Leader Jazzgeschichte. Am 17. Juli 1967 stirbt der ekstatische Selbstverausgabungskünstler im Alter von vierzig Jahren. Davis weint bei Coltranes Abschied, im März 1961 kann er den Saxofonisten dazu überreden, bei zwei Stücken des Albums «Someday My Prince Will Come» mitzuwirken. Doch vorerst ist für Davis kein neuer Prinz in Sicht. Erst mit der Gründung des zweiten grossen Quintetts 1963/64 kann sich der kreative Verwandlungskünstler Davis aus der Orientierungskrise hinausmanövrieren, in die ihn Coltranes Weggang stürzte. Doch das ist eine andere Geschichte.