Auf dem Weg in den siebten Himmel
Die 7-CD-Box «Seven Steps: The Complete Columbia Recordings of Miles Davis 1963-1964» dokumentiert eine entscheidende Phase in der Karriere des genialen Jazzvisionärs. In dieser Zeit stiessen nacheinander Ron Carter, Herbie Hancock, Tony Williams und Wayne Shorter zu Davis, also die Mitglieder seines zweiten grossen Quintetts, das bis 1968 Bestand hatte.
Man ist beinahe versucht, von einer perversen Situation zu sprechen: Während sich das Label Columbia, das vom Sony-Imperium übernommen wurde, so gut wie vollständig aus der akutellen Jazzproduktion zurückgezogen hat, wird der Back-Katalog fleissig nach wiederverwertbarem Material durchforstet, Recycling ist halt billiger als die zielgerichtete Förderung aktiver Künstler. In einem Fall leistet die Retro-Abteilung von Columbia Herausragendes: Die liebevolle und akribische Sorgfalt, mit der man die Aufnahmen von Miles Davis betreut, ist wahrlich kaum zu übertreffen.
Davis ging 1955 zum ersten Mal für Columbia ins Studio und hielt dem Label danach drei Jahrzehnte lang die Treue. In dieser Zeit entstand ein riesiges, stilistisch enorm breites Œuvre, wobei sich Phasen höchster Produktivität mit Phasen der Konsolidierung bzw. des Stillstands abwechselten. Seit einigen Jahren erscheint Davis‘ imposanter Nachlass in chronologisch und thematisch geordneten CD-Kompilationen. So sind bspw. alle Aufnamen, die Davis mit John Coltrane gemacht hat (u.a. «Kind of Blue»!), als 6-CD-Box erhältlich. Ebenfalls sechs CDs umfasst die Sammlung mit den orchestralen Werken, die Gil Evans für Davis schuf. In etwas weniger umfangreichen Editionen (3 bis 5 CDs) ist die Elektrifizierung von Davis‘ Musik dokumentiert, dem Entstehungsprozess der Alben «In a Silent Way», «Bitches Brew» und «Jack Johnson» ist je eine Box gewidmet.
«My Funny Valentine»
Unter dem Titel «Seven Steps: The Complete Columbia Recordings of Miles Davis 1963-1964» liegt nun eine 7-CD-Box vor, die zur Hauptsache fesselnde, z.T. bisher unveröffentlichte Live-Aufnahmen enthält, auf denen Davis von Herbie Hancock (Piano), Ron Carter (Bass) und Tony Williams (Schlagzeug) begleitet wird; am Tenorsaxofon treten nacheinander George Coleman (elegant, lyrisch, aber auch fest im Bop verwurzelt), Sam Rivers (recht roh, unberechenbar, manchmal auch unbeherrscht) und Wayne Shorter (der zugleich kompletteste und eigenständigste «Davis-Saxofonist» seit Coltrane) in Erscheinung. Dokumentiert wird hier also die Entstehung von Davis‘ zweitem grossem Quintett, dessen brisante Studioeinspielungen aus den Jahren 1965 bis 1968 bereits auf einer 6-CD-Box erschienen sind.
Den Auftakt zu «Seven Steps» bilden allerdings die Studio-Sessions, aus denen das Album «Seven Steps to Heaven» hervorging; neben den bereits erwähnten Musikern sind hier auch der Schlagzeuger Frank Butler und der Pianist Victor Feldman zu hören. Letzterer hat mit dem Titelstück und «Joshua» zwei Nummern komponiert, die später auch in Davis‘ Konzertrepertoire auftauchten. Die speziellesten Studio-Takes sind aber Davis‘ Interpretationen von Stücken, denen man ansonsten eher im Dixieland-Sektor begegnet: «Baby Won‘t You Please Come Home» und «Basin Street Blues». Mit seinem melancholischen «Harmon-Mute»-Sound taucht Davis diese Stücke in ein ganz neues Licht.
Ihren nicht nur emotionalen, sondern auch künstlerischen Kulminationspunkt erreicht die aktuelle Davis-Box mit der berühmten, beinahe 15-minütigen Version von «My Funny Valentine», die am 12. Februar 1964 bei einem Auftritt in der Philharmonic Hall in New York aufgenommen wurde. Sie versetzt einem selbst dann noch in Erstaunen und Entzücken, wenn man sie in- und auswendig zu kennen glaubt. Die Mischung aus zerbrechlicher Introspektion und hochfahrender Dramatik in Davis‘ Solo ist schlicht atemberaubend.
George Coleman lässt sich ebenfalls von der ganz speziellen Stimmung anstecken und spielt so inspiriert, wie kaum je zuvor und danach. Dass man immer wieder den Atem anhält, um ja nichts zu verpassen, liegt sehr stark an Hancock, der die Harmonien in immer wieder überraschender, sehr impressionistischer Weise auffächert. Und der damals erst 18-jährige Williams stellt seinen überragenden musikalischen Instinkt unter Beweis, indem er über weite Strecken einfach nichts spielt und die rhythmische Grundierung des Geschehens dem Bassisten Carter überlässt. Überhaupt setzte die Rhythmusgruppe des zweiten grossen Quintetts mit ihrer Reaktionsschnelligkeit, ihrer Kühnheit und ihrem an Telepathie grenzenden Interplay Massstäbe, die bis heute so gut wie nie mehr erreicht wurden.
Chet Baker überflügelt
Hinter Davis‘ Auseinandersetzung mit «My Funny Valentine», einem Stück, das Richard Rodgers und Lorenz Hart 1937 für die Broadway-Show «Babes in Arms» schufen und das der Trompeter erstmals 1956 für das Album «Cookin‘» (Prestige) aufnahm, steckt übrigens eine interessante Geschichte. In einem 1983 veröffentlichten Aufsatz stellt Howard Brofsky die plausible These auf, dass sich Davis diese Komposition anzueignen begann, damit sie nicht weiterhin einzig und allein mit dem weissen Trompeter Chet Baker indentifiziert werden konnte. Dass dieser Davis (vorübergehend) an Popularität überflügelt hatte, dafür waren nämlich in erster Linie die nicht weniger als drei Versionen von «My Funny Valentine» verantwortlich, die er zwischen 1952 und 1954 aufgenommen hatte. Davis‘ Rechnung ging auf: Heutzutage bringt man den Song in erster Linie mit ihm in Verbindung.
Zu den weiteren Highlights auf «Seven Steps» zählen bisher unveröffentlichte Live-Versionen weiterer Standards: «Bye Bye Blackbird» (Davis erstes Solo fällt eher rudimentär aus, dafür gestaltet er eine hinreissende, beinahe 7-minütige Coda, die direkt in «The Theme» mündet, in dem ein entfesselter Williams die Initative an sich reisst), «Stella by Starlight» (mit einem überragenden Shorter und einem enorm lyrischen, unbegleiteten Solo von Hancock) und «Autumn Leaves». Diese drei Stücke alleine sind Grund genug, sich die von Bob Blumenthal kennntnisreich und prägnant kommentierte CD-Box «Seven Steps» anzuschaffen.
2005
