Der Mäzen ohne Goldesel
Seit über zwei Jahrzehnten bringt Mike Wider auf Creative Works Records Musik heraus, die sich nicht schubladisieren lässt. Wider will die Welt nicht mit süssen Harmonien zukleistern: Er setzt auf unkonventionelle Klänge für neugierige Ohren.
Wo das Leben in Postkarten-Anachronismen zu erstarren droht, entdeckt man im kreativen Unterholz oft mehr nonkonformistische Energie als in manch einer trendigen Metropole. So scheint die Innerschweiz (inklusive «Disneyland Lucerne») eine Gegend zu sein, wo sich eigenwillige Dickschädel bzw. umtriebige Querdenker besonders gerne einnisten – man denke zum Beispiel an Musiker wie die eingeschweizerten Ir(r)länder Christy Doran und John Wolf Brennan.
Dass man auf die Namen dieser Musiker auch im Katalog von Creative Works Records (CW) stösst, ist kein Zufall. Hinter CW steht Mike Wider: Er rief das Label vor über zwanzig Jahren ins Leben, um eine Solo-LP des amerikanischen Altsaxofonisten Marion Brown zu produzieren. «Mit dieser einen Platte reiste ich dann an eine Messe in Paris, wo ich vom damaligen Kulturminister, Jack Lang, persönlich willkommen geheissen wurde. Verrückt!» Seither ist der Katalog von CW langsam, aber stetig gewachsen – für das Erscheinugsbild ist die Grafikerin Margaret Thorne verantwortlich. Pro Jahr bringt Wider zwei bis vier Alben heraus, die Arbeit für CW macht er gratis und einen Teil seines Lohnes setzt er zur privaten Quersubventionierung ein. Wider ist also ein Mäzen, der nicht mit dem goldenen Löffel im Mund auf die Welt kam, sondern sich die Mittel für sein kulturelles Engagement im Schweisse seines Angesichts erarbeiten muss. Er sagt denn auch: «Ich bin kein Ferienmensch, normalerweise mache ich nur eine Woche Ferien pro Jahr.» Die Labelzentrale befindet sich in demselben unscheinbaren Block in Root, in dem Wider mit seiner Frau eine sozialvernetzte Lebensgemeinschaft für psychisch benachteiligte Menschen leitet. Sowohl das Wohnheim als auch das Label werden ohne staatliche Subventionen betrieben – dementsprechend gross ist Widers Ärger über die zunehmende Bürokratisierung der Gesundheits- und Kulturpolitik. Was Wider als Vision vorschwebt, ist gewissermassen eine Anwendung des alternativen «Grass-Roots-Prinzips» auf diese Bereiche; so wünscht er sich z.B., dass die Pro Helvetia nicht einfach selbstherrlich einen Kulturbegriff definiert, sondern dort administrative und finanzielle Hilfe anbietet, wo bereits etwas gewachsen ist.
So setzt Wider auch bei CW darauf, einzelne Musiker über einen längeren Zeitraum aufzubauen, ohne deren künstlerische Freiheit zu beschneiden. «Bei gewissen Produktionen bin ich bereits beim Enstehungsprozess dabei, aber ich bin nicht einer, der überall dreinredet. Mit ist jedoch wichtig, dass ich zu den Musikern einen persönlichen Draht finde», sagt Wider. Als gegen Ende unseres Gesprächs der Saxofonist und Klarinettist Peter A. Schmid, der auf etlichen CW-Alben zu hören ist, vorbeischaut, um eine Ladung neuer CDs abzuholen, entspinnt sich eine kontroverse Diskussion zur Kulturpolitik fast wie von selbst. Wider ist eben auch ein engagierter Debattierer.
April 2006
