Im Schatten von Hollywood
Amerikanischer Jazz kommt nicht nur aus New York. Das Label Cryptogramophone ist auf progressiven Jazz aus Los Angeles spezialisiert.
Wie singt doch Frank Sinatra so schön über New York: «If you can make it there, you can make it everywhere.» Wenn du es dort schaffst, kannst du es überall schaffen. Für Jazzmusiker scheint diese Aussage ganz besonders zu gelten: Für sie ist New York ein Magnet, von dem sie angezogen werden wie die Motten vom Licht. Es verwundert daher kaum, dass amerikanischer Jazz oft gleichgesetzt wird mit Jazz aus New York. Wer weiss schon, dass es in Los Angeles einen zwar kleinen, aber umtriebigen Jazz-Underground gibt?
Als der Geiger Jeff Gauthier vor sieben Jahren das Label Cryptogramophone ins Leben rief, ging es ihm darum, einen Teil dieser progressiven Szene zu dokumentieren; ihr harter Kern wird durch rund dreissig Musiker gebildet. Gemäss Gauthier handelt es sich um eine verschworene Gemeinschaft: «Die Musiker sind aufeinander angewiesen. Sie stehen im Schatten von Hollywood und müssen mit der Tatsache klar kommen, dass sich nur ein sehr kleines Publikum für ihre Kunst interessiert.» Zum Glück lässt sich Gauthier davon nicht aus dem Konzept bringen. Unter den Neuerscheinungen auf seinem Label sind die «12 Songs», die wir der Geigerin und Komponistin Jenny Scheinman verdanken, sicherlich das wundersamste Album. Mit exzellenten Kompagnons, zu denen der Gitarren-Magier Bill Frisell und der sublime Trompeter Ron Miles gehören, unternimmt Scheinman eine imaginäre Reise zu den Aussenseitern Amerikas: Das tönt dann wie futuristische Folk-Musik - irritierend fremd und doch irgendwie vertraut.
Nach dem Boom
In den 50er-Jahren gab es an der Westküste der USA einen kurzen Jazzboom. Die Central Avenue in Los Angeles war damals eine der Lebensadern des Westcoast-Jazz. Heute sind die wenigen Auftrittsmöglichkeiten für Jazzmusiker über das amorph wuchernde Gebiet von Lala-Land verteilt, und das Publikum ist geschrumpft.
Dass er selbst zu den kreativen Köpfen der LA-Szene zählt, beweist Gauthier mit seinem Goatette, mit dem er die Alben «Mask» und «One and the Same» eingespielt hat. Das Titelstück von «Mask», das über eine Viertelstunde dauert, nimmt Bezug auf einen Heiligen Abend, den der Geiger in einem mit rituellen Masken dekorierten Haus in Mexiko verbrachte: Während er Billie Holidays melancholischer Version eines Songs von Cole Porter lauschte, drang von draussen eine fröhliche Kakophonie aus Kirchengeläut und Feuerwerksgeknall herein. Gauthiers fünfköpfige Band pendelt zwischen rockigen Grooves und faszinierender Klangmalerei.
Gefährlicher Gitarrist
Zu Gauthiers Goatette gehören mit Alex und Nels Cline zwei Brüder, die auch eigene Projekte verfolgen. Mit «The Constant Flame» legt der Schlagzeuger Alex Cline ein Album vor, dessen Titelstück dem legendären Klarinettisten John Carter gewidmet ist, der in Los Angeles viele junge Musiker in die Geheimnisse des Jazz einführte. Nels Cline, der in der Rockgruppe Wilco mitwirkt, hat man auch schon «den gefährlichsten Gitarristen der Welt» genannt. Tatsächlich lotet er auf den Trio-CDs «Instrumentals» und «The Giant Pin» die Möglichkeiten seines Instruments bis hin zum dionysisch entfesselten Lärmrausch aus. Der vielseitige Cline wirkt als Sideman auf einer ganzen Reihe von Cryptogramophone-Aufnahmen mit, zum Beispiel den atemberaubenden, zwischen diversen Genres oszillierenden Alben «Cry» und «Believe» des Schlagzeugers Scott Amendola oder der mehrteiligen Serie «The Music of Eric Essen», auf der die Kompositionen hoch talentierten, früh verstorbenen Bassisten zu hören sind.
Auf einem ambitionierten Werk von Steuart Liebig taucht Nels Cline ebenfalls auf. «Pomegranate» besteht aus vier längeren Kompositionen. Im Zentrum des Geschehens steht jeweils ein Solist, der von einem unorthodox instrumentierten Kammerensemble begleitet wird. Neben Cline sind die Solisten Tom Varner (Waldhorn), Mark Dresser (Bass) und Vinny Golia (Sax). Der Spagat zwischen spätromantischer Emphase und avantgardistischer Experimentierfreude gelingt Liebig erstaunlich gut. Manchmal erinnert Liebigs Klangsprache an Charles Mingus‘ Frühwerk «Half-Mast Inhibition», das dieser schrieb, als er Los Angeles noch nicht in Richtung New York verlassen hatte.
