«Chasin' the Trane»
Die Aufnahmen, die John Coltrane 1961 im Village Vanguard machte, haben nichts von ihrer Brisanz eingebüsst.
John Coltrane war ein Spätentwickler. Als der Tenorsaxophonist im Jahre 1955 zum Quintett des Trompeters Miles Davis stösst, ist sein Spiel noch unsicher und suchend - im Gegensatz zum nur vier Monate älteren Davis hat er zu diesem Zeitpunkt noch keine bleibenden Spuren hinterlassen. Trotz teilweise vernichtenden Anwürfen aus dem Kritikerlager hält Davis an Coltrane fest. 1957 entlässt Davis Coltrane und den Schlagzeuger Philly Joe Jones, weil deren Drogensucht die Stabilität seiner Band bedroht (Miles hat 1954 einen kalten Entzug gemacht).
Coltrane wird Mitglied im Quartett des Pianisten Thelonious Monk, gleichzeitig macht auch er einen kalten Entzug, ausgelöst durch ein religiöses Erlebnis. Der «cleane» Coltrane hält fest: «Meine Musik ist der spirituelle Ausdruck meines Glaubens, meines Wissens, meines Seins.» Bei Monk macht Coltrane enorme Fortschritte, er übt verbissen, wird zu einem fabulösen Techniker. Sein Spiel wird enorm dicht, Coltrane lotet die Harmonien bis zum letzten aus: Der Kritiker Ira Gitler prägt den Begriff «sheets of sound».
Ende 1957 holt Davis Coltrane zurück in seine Gruppe, die durch den Altsaxophonisten Cannonball Adderly zum Sextett erweitert wird; es entstehen die Klassiker «Milestones» (1958) und «Kind of Blue» (1959), wichtige Wegbereiter der modalen Improvisationsweise, die Coltrane und Davis in den 60er Jahren auf höchst unterschiedliche Weise weiterentwickeln. 1960 markiert einen wichtigen Wendepunkt in Coltranes Karriere: Er verlässt Davis, um eine eigene Gruppe ins Leben zu rufen. Im Laufe der folgenden zwei Jahre bildet sich das legendäre John Coltrane Quartet heraus, das bis 1965 Bestand haben sollte und zu dem der Pianist McCoy Tyner, der Schlagzeuger Elvin Jones und der Bassist Jimmy Garrison gehörten: Dieser Gruppe verdanken wir Alben wie das serene «Ballads», das ekstatisch-hymnische «A Love Supreme» oder das frenetische «Crescent» (alle Impulse). Coltrane war nicht nur ein stilbildender Tenor- und (ab 1960) Sopransaxophonist, sondern auch ein visionärer Ensemble-Architekt: Gerade letztere Eigenschaft ist im Jazz nicht allzu häufig anzutreffen.
Im Oktober und November 1961 trat Coltrane im New Yorker Jazzclub Village Vanguard auf: noch nicht in der klassischen Quartett-Besetzung, sondern mit einem Tross von insgesamt acht in diversen Besetzungen - vom Trio Sax/Bass/Drums bis zum Oktett - auftretenden Musikern, zu dem aber auch Tyner, Jones und Garrison gehörten; letzterer ergänzte und ersetzte den Bassisten Reggie Workman, den er Ende 1961 endgültig ablösen sollte, um bei Coltrane zu bleiben bis zu dessen Tod im Jahre 1967 (Tyner und Jones verliessen Coltrane Anfang 1966: Sie fanden sich nicht mehr zurecht in Coltranes zunehmend freier und zerrissener Musik, die geprägt wurde durch Coltranes «schreiende» Dialoge mit dem Tenorsaxophonisten Pharoah Sanders). Die 4-CD-Box «John Coltrane. The Complete 1961 Village Vanguard Recordings» (Impulse/Universal Music) präsentiert die an vier Novembertagen gemachten Aufnahmen in chronologischer Reihenfolge; drei der insgesamt 22 Tracks werden erstmals veröffentlicht, der Rest lag bisher auf fünf Alben verstreut vor. Coltranes bevorzugter Toningenieur, Rudy Van Gelder, nahm nur Titel auf, die für spätere Plattenveröffentlichungen vorgesehen waren; so liegen sieben der insgesamt neun Titel in mehreren Versionen vor, darunter die Coltrane-Originale «India», «Impressions», «Chasin' the Trane» und «Spiritual». Wem dies zuviel ist, dem sei die Einzel-CD «The Master Takes» empfohlen.
Die 61er Live-Aufnahmen dokumentieren eine Reihe wichtiger Facetten von Coltranes Schaffen: seine Auseinandersetzung mit «Weltmusik»-Einflüssen (Afrika und Indien waren besonders wichtig für ihn) und damit zusammenhängend die Bereicherung des Ensembleklangs durch jazzfremde, exotische Instrumente wie Oud, Oboe und Kontra-Fagott bzw. den gleichzeitigen Gebrauch zweier Bässe, die Verwendung repetitiver Stilmittel, welche die Musik in Trance-Zustände führen, und nicht zuletzt die Zusammenarbeit mit dem Altsaxophonisten und Bassklarinettisten Eric Dolphy, der mit seinem flirrenden Action-painting-Stil einen willkommenen Kontrast schafft zu Coltranes beschwörendem Predigertum. Insgesamt sind diese Live-Mitschnitte radikaler als das, was Coltrane im folgenden Jahr im Studio aufnahm, und nehmen in mancherlei Hinsicht die hochenergetische Katharsis-Musik späterer Jahre voraus. Allerdings erreichen sie - viele werden sagen, zum Glück - nicht deren Abstraktions- und Absolutheitsgrad, sie sind fest verwurzelt in der Jazztradition und gehören inzwischen selbst zu den unverzichtbaren Tondokumenten dieser Tradition. Die ausführlichen, sehr informativen liner notes des Coltrane-Diskographen David A. Wild runden die Box auf erfreuliche Weise ab.
1998
