Jazzgiganten am Fliessband

Für Miles Davis und John Coltrane war das Label Prestige eine Art Durchlauferhitzer. Zwei kompetent kommentierte CD-Boxen machen dies deutlich. Auf vier CDs sind alle Prestige-Aufnahmen des Miles Davis Quintet (mit Coltrane) von 1955 und 1956 versammelt; gar sechs CDs umfasst die Box, die Coltranes Prestige-Sessions aus den zwei darauf folgenden Jahre enthält.

Tom Gsteiger

1955 war ein Schicksalsjahr für den Jazz. Während Charlie Parker, Genie und Junkie in Personalunion, das Zeitliche segnete, gründete der damals 29-jährige und seit einem Jahr cleane Miles Davis, der seine Karriere in der Gruppe Parkers begonnen hatte, sein erstes Quintett, das sich als bahnbrechendes, die Gegensätze zwischen Hardbop und Cool Jazz überwindendes Yin-und-Yang-Ensemble entpuppen sollte. Obwohl die Band nur anderthalb Jahre existierte, prägte sie die Ästhetik des Jazz nachhaltig.

Mit dem Tenorsaxofonisten John Coltrane, dem Pianisten Red Garland, dem Bassisten Paul Chambers und dem Schlagzeuger Philly Joe Jones hatte der Trompeter Musiker engagiert, die noch relativ unbekannt waren - beim Publikum überwog anfänglich die Skepsis. Der Jazzkritiker Joe Goldberg gab zu Protokoll: «Man erzählte uns von einer Gruppe, die aus einem Trompeter bestehe, der nur das mittlere Register beherrsche und die Hälfte der Noten verpatze, einem verstimmen Tenorsaxofonisten, einem Barpianisten, einem Schlagzeuger, der so laut spiele, dass kein anderer mehr zu hören sei, und einem Teenager am Bass.»

Mehr Prestige

Zwischen Oktober 1955 und Oktober 1956 ging das Davis Quintet für die Labels Prestige und Columbia sechs Mal ins Studio, wobei sehr unterschiedliche Arbeitsmethoden zur Anwendung gelangten. Für Prestige, in Jazzkreisen auch als «Junkielabel» bekannt - die Heroinsucht von Coltrane und Jones war denn auch der Hauptgrund für das Auseinanderfallen von Davis‘ Quintett -, absolvierte man regelrechte Marathonsessions, bei denen keine Zeit blieb, um eine Nummer zu wiederholen, man stellte also sozusagen die Konzertsituation im Studio nach: kreative Fliessbandarbeit, die zu enorm dringlichen Resultaten mit Ecken und Kanten führte. Die «Legendary Prestige Quintet Sessions» (Universal) liegen nun, von Bob Blumenthal kommentiert, auf einer 4-CD-Box vor, wobei die vierte CD bisher unveröffentlichte Live-Tracks enthält.

Hinter der Akkordarbeit für Prestige, die den Adrenalinspiegel der Musiker kräftig nach oben gedrückt haben dürfte, stand Davis‘ Wunsch, seine vertraglichen Verpflichtungen so schnell wie möglich abzuarbeiten, denn erst danach konnte das Album, das man bei Columbia quasi auf Vorrat produziert hatte, herausgebracht werden. Den Vertrag mit dem Majorlabel, das über viel mehr Prestige als Prestige verfügte, hatte Davis einem Gastauftritt am Newport-Festival zu verdanken, wo er auch den Plattenboss George Avakian mit seiner Version der Monk-Ballade «‘Round Midnight», die er dann sowohl für Prestige als auch für Columbia einspielen sollte, in Bann zog («The Complete Columbia Recordings 1955 - 1961» von Miles Davis und John Coltrane sind bereits im Jahre 2000 als 6-CD-Box erschienen).

Drogenentzug

Ob man die sorgfältige Austariertheit der Columbia-Einspielungen oder die authentische Direktheit der Prestige-Tracks vorzieht, ist letztlich eine Frage des Geschmacks. Alles in allem bringen die Aufnahmen für das kleine Idependent-Label die Eigenheiten von Davis‘ erstem Quintett besser zur Geltung - die Musik dieser Gruppe bezog ihre Spannung nicht zuletzt aus dem scharfen Kontrast zwischen der intuitiv-sparsamen, zuweilen melancholischen Spielweise des Trompeters und Coltranes emotional aufgeladener, oft noch ungeschliffener Virtuosität - da trafen zwei beinahe gleichaltrige Musiker aufeinander, die sich auf sehr unterschiedliche Weise aus dem «Bebop-Käfig» befreiten, der eine mit apollinischer Eleganz, der andere mit dionysischer Energie.

Nachdem er von Davis rausgeschmissen worden war, machte Coltrane 1957 einen Drogenentzug und entdeckte dabei eine spirituelle Kraft, die seine Musik immer stärker zu prägen begann. Bevor er Anfang 1958 zu Davis zurückkehrte, absolvierte der Saxofonist an der Seite des extrem eigenwilligen Pianisten Thelonious Monk ein mehrmonatiges Gastspiel im Five Spot Café in New York. In diese turbulente Periode seines Lebens fällt Coltranes eigene Aufnahmetätigkeit für Prestige - zwischen Mai 1957 (da war er seit knapp einem Monat weg vom Heroin) und Dezember 1958 leitete er neun Sessions, bei denen beinahe 50 Nummern eingespielt wurden, darunter die eine oder andere Eigenkomposition.

Diese liegen nun unter dem Titel «Fearless Leader» (Universal) in chronologischer Reihenfolge auf sechs vom pingeligen Coltrane-Spezialisten Lewis Porter minuziös analysierten CDs vor. Auf diesen vornehmlich im Quartett- und Quintett-Format realisierten Aufnahmen erlebt man einen Coltrane auf der Suche, der immer mehr Fesseln abwirft und sein Spiel manchmal in Regionen vorantreibt, in die ihm seine Mitmusiker nicht zu folgen vermögen; die Davis-Kollegen Garland und Chambers sind fast auf allen Aufnahmen mit von der Partie, am Schlagzeug sitzt zumeist Art Taylor. Der Tenorsaxofonist spielt zwar fokussierter und selbstbewusster als auf den Quintett-Sessions mit Davis, aber noch hat er die magische Formel für die Zusammenstellung einer Band, die grösser ist als die Summe der Einzelteile, nicht gefunden - von besonderem Reiz ist allerdings seine Kooperation mit dem dem sehr lyrischen Trompeter Wilbur Harden.