Musikalische Sintflut: Coltranes «klassisches Quartett»
Zu den Studioaufnahmen von John Coltranes Classic Quartet mit McCoy Tyner, Jimmy Garrison und Elvin Jones.
John Coltrane erschien in den sechziger Jahren als leidenschaftlicher und rastloser Gipfelstürmer, getrieben von einer tief empfundenen Spiritualität und einer unermesslichen musikalischen Neugier stiess er in Regionen vor, in denen die Luft dünn wurde - ein postum veröffentlichtes Album trägt denn auch den Titel «Stellar Regions». Coltranes Spiel trug nicht selten Züge von Selbstverausgabung. Am 17. Juli 1967, zwei Monate vor seinem 41. Geburtstag, starb er an Leberkrebs.
Mit Lewis Porters «John Coltrane. His Life and Music» (University of Michigan Press, 1998) liegt eine akribisch recherchierte Biographie vor, um die in Zukunft niemand herumkommen wird, der sich ernsthaft mit Coltrane befassen will. Zu Beginn des Buches betreibt Porter Ahnenforschung, dann verfolgt er Coltranes frühen musikalischen Werdegang bis in seine verborgensten Winkel. Porter konstatiert einen extremen Eklektizismus: Coltrane liess sich von Charlie Parker und Dexter Gordon ebenso inspirieren wie von Schlagern oder klassischen Klavier-Etüden. Nach unspektakulären Anfängen wird Coltrane in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre als Sideman von Miles Davis und Thelonious Monk bekannt. 1960 wagt Coltrane den Schritt in die Unabhängigkeit, nach und nach entsteht sein «klassisches Quartett» mit dem Pianisten McCoy Tyner (er stösst im Mai 1960 zu Coltrane), dem Schlagzeuger Elvin Jones (seit September 1960 bei Coltrane) und dem Bassisten Jimmy Garrison, der Ende 1961 festes Mitglied der Gruppe wird. Zwischenzeitlich beschäftigte Coltrane zwei Bassisten und bis zum April 1962 gehörte der Holzbläser Eric Dolphy zu seiner Gruppe: Ein wichtiger Teil dieser «experimentellen» Übergangsphase liegt auf der 4-CD-Box «The Complete 1961 Village Vanguard Recordings» (Impulse!) vor.
Zehn Stunden Musik
Und nun also: «The Classic Quartet - Complete Impulse! Studio Recordings». Fast zehn Stunden Musik auf 8 CDs, aufgenommen zwischen Dezember 1961 und September 1965. Danach gab es in Coltranes Schaffen erneut eine Transformationsphase: Er erweiterte die Gruppe um einen zweiten Saxophonisten, Pharoah Sanders, und einen zweiten Schlagzeuger, Rashied Ali; schliesslich verliessen Tyner, der durch Coltranes Frau Alice ersetzt wurde, und Jones die Gruppe. Doch zurück zu der monumentalen Box mit den Studioaufnahmen des «klassischen Quartetts»: Während die achte CD bisher unveröffentlichtes Material enthält, bündeln die restlichen CDs Musik, die bisher auf 18 Einzelalben verstreut vorlag, zu einem streng chronologischen Programm. Insgesamt liegen 66 Tracks vor, wovon 52 vom regulären Quartett bestritten werden: Elvin Jones wird sechsmal durch Roy Haynes ersetzt, viermal stösst der Bassist Art Davis zum Quartett, dreimal setzt McCoy Tyner aus, und «Vigil» wird vom Duo Coltrane/Jones bestritten.
Auf den Quartett-Aufnahmen wird der eindrückliche Werdegang einer epochalen Combo des modernen Jazz dokumentiert - ein Werdegang, der zu immer grösserer Freiheit und Dringlichkeit führte. Auf den späteren Aufnahmen - etwa dem Opus Magnum «A Love Supreme» vom Dezember 1964 oder den eindrücklichen «First Meditations» vom September 1965 - holt die Gruppe ein Maximum aus sehr reduzierten thematischen und harmonischen Vorgaben heraus, der Beat wird häufig zugunsten eines auf- und abwogenden Pulsierens aufgegeben, und Coltrane steigert die Intensität seines Spiels ins Unermessliche, er betreibt eine Art Urschreitherapie auf dem Tenorsaxophon. Die Musik des Coltrane Quartet zeichnet sich aus durch hymnische Ernsthaftigkeit sowie verdichtete rhythmische Texturen einerseits (in den «liner notes» weist Bob Blumenthal zu Recht auf die perkussiven Elemente im Spiel von Tyner und Garrison hin, die ihn an afrikanische Trommelorchester erinnerten) und wenig harmonische Bewegung andererseits. Nicht selten basiert Coltranes Musik auf «vamps»: die gebetsmühlenhafte Repetition von zwei, drei Akkorden verleiht der Musik einen hypnotischen Anstrich (zuweilen kann sie einem allerdings auch ganz schön auf die Nerven gehen). Hier bilden vier Ausnahmemusiker eine Einheit, die grösser ist als die Summe der Einzelteile. Die Aufnahmen dieses Quartetts definierten nicht zuletzt eine neue Ästhetik des Gruppenspiels (Elvin Jones: «Things came together in a physical, intellectual, and emotional way that surpassed anything that ever happened to me. It felt like a perfect blend, a joy»), eine Ästhetik, die Lewis Porter mit den Worten Stärke, Konzentration, Reinheit und schmerzliche Direktheit zu umschreiben versucht.
19.12.1998
