«Wie Moses»
«A Love Supreme»: 1964 Jahren schuf der spirituelle Ekstatiker John Coltrane ein Album, das längst auch ausserhalb der Jazzwelt zum Monument geworden ist. Der Reporter Ashley Kahn zeichnet die Entstehung dieser epochalen Aufnahme in einem Buch nach. Und er hat die einzige Live-Version ausgegraben. In diesem Artikel nimmt abschliessend Ravi Coltrane Stellung zum Werk seines Vaters.
Sein Œuvre ist einem kurzen Leben abgerungen. Es mag übermenschlich erscheinen, und auch wenn er selbst in gewissen Kreisen verehrt wird wie ein Heiliger: John Coltrane war nur ein Mensch. Darum gilt es dem mit ihm befreundeten Jazzkritiker Nat Hentoff zuzustimmen: «Der wahre Wert dessen, was John Coltrane tat, liegt darin, dass er es als Mensch tat.»
Diesen Gedanken greift der Starreporter Ashley Kahn («New York Times», «Rolling Stone») auf, wenn er uns zeigt, unter welch profanen Umständen John Coltrane (1926-1967) die vier Sätze seines Meisterwerks «A Love Supreme» komponierte. Der Saxofonist war 1964 mit seiner zweiten Frau, der Pianistin Alice Coltrane, in ein abgeschiedenes und bescheidenes Haus auf Long Island bei New York gezogen. Ihr erster gemeinsamer Sohn hatte kurze Zeit zuvor das Licht der Welt erblickt, dazu kam eine vierjährige Tochter aus Alices erster Ehe. Coltrane nahm regen Anteil am Familienleben, was ihn nicht daran hinderte, sich hin und wieder in ein kleines Zimmer zurückzuziehen, wo er sich seinen musikalischen Studien widmete. Einmal blieb er für mehrere Tage weg. Als er sich wieder blicken liess, war er nicht tief in Gedanken versunken, sondern ungewöhnlich gelöst, wie sich Alice Coltrane erinnert, die sich dabei einen religiösen Vergleich nicht verkneifen mag: «Es war wie Moses, der vom Berg herabstieg.» Der Grund für Coltranes gute Laune: Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er eine zusammenhängende Suite für eine ganze Platte konzipiert. In der Regel nahm er seine Alben portionenweise auf.
Tyner, Jones, Garrison
Am 9. Dezember 1964 spielte das «klassische» John Coltrane Quartet die aus den Sätzen «Acknowledgement», «Resolution», «Pursuance» und «Psalm» bestehende Suite «A Love Supreme» ein. Die Aufnahmesitzung fand im Studio des legendären Toningenieurs Rudy Van Gelder statt und dauerte vier Stunden. Coltrane bekam dafür 284 Dollar und 66 Cent, seine Mitmusiker die Hälfte. Für die gut dreissigminütige LP brauchte man weniger als eine Stunde Bandmaterial. Mit anderen Worten: Das fraglos berühmteste und mit bis heute weit mehr als einer Million verkauften Exemplaren populärste, für viele auch beste Album Coltranes darf als Frucht eines erstaunlich speditiven Arbeitsprozesses bezeichnet werden. Dass dem so war, lag nicht zuletzt an der enormen Kohäsion im Quartett. Den Grundstein zu dieser Formation legte Coltrane, kurz nachdem er Anfang 1960 die Gruppe des Trompeters Miles Davis verlassen hatte. Mit McCoy Tyner engagierte er einen Pianisten, dessen perkussive, harmonisch neuartige Spielweise einen idealen Kontext für seine passionierten, modalen Exkurse bildete. Über seinen Schlagzeuger Elvin Jones sagte Coltrane: «Ich mag vor allem seine Fähigkeit, die Rhythmen zu mischen, mit ihnen zu jonglieren. Man kann sagen, dass er an drei Orten gleichzeitig sein kann.» Jones ist der Entfesselungskünstler unter den Jazzschlagzeugern, sein polyrhythmischer Furor erreicht oft die Intensität eines Erdbebens. Er war der Bad Boy der Gruppe, und als er einmal ein Auto seines «Chefs» zu Schrott fuhr, meinte dieser lakonisch: «Das Auto ist mir egal, ich bin froh, dass Elvin nichts abgekriegt hat.» Als Letzter stiess der Bassist Jimmy Garrison zur Gruppe (seine Vorgänger waren Steve Davis und Reggie Workman): Er verfügte über die nötige Durchschlagskraft und Ausdauer, um als flexibles Bindeglied zwischen Tyner und Jones fungieren zu können. Mit ihm war 1962 eine der wirkungsmächtigsten Formationen des modernen Jazz komplett, die bis ins Jahr 1965 Bestand haben sollte. Tyner und Jones vermochten Coltrane nicht zu folgen, als dessen Musik immer exzessiver und extremer wurde; nur Garrison hielt ihm bis zum Schluss die Treue.
Unter den Aufnahmen des Coltrane Quartet für das Label Impulse (heute dem Konzern Universal einverleibt) nimmt «A Love Supreme» in mehrfacher Weise eine Sonderstellung ein. Rein künstlerisch gibt es eine beinahe integrale Synthese von Coltranes Einflüssen und Errungenschaften zu bewundern; was auf dem Album nicht vorkommt, ist sein Sopransaxofon: Er spielt ausschliesslich Tenor und verleiht so der Musik zusätzliche Gravität. Die Archaik des Blues ist ebenso spürbar wie die existenzielle Rasanz des Bebop. Die aggressive Energie des Free Jazz wird mit balladesker Sanftmut kontrastiert. Dazu kommen Anklänge an afrikanische Trommelmusik und fernöstliche Folklore.
Bach, Mozart, Coltrane
Doch «A Love Supreme» ist eben nicht bloss ein musikalisches Statement, sondern Coltranes Geschenk an Gott. Der letzte Satz («Psalm») ist die Vertonung eines Gebets aus Coltranes Feder, das dieser auf der Plattenhülle abdrucken liess - andere Coltrane-Stücke, die auf Sprache basieren, sind «Alabama», dessen Ausgangspunkt eine Rede von Martin Luther King bildet, und «Wise One» auf dem Album «Crescent», dem ein privates Gedicht Coltranes zugrunde liegt. (Für Kahn ist «Crescent» das Skizzenbuch zu «A Love Supreme».) Nebst dem Gebet steuerte Coltrane auch noch einen erläuternden Text bei, in dem er sein «spiritual awakening» auf 1957 datiert; in diesem Jahr konnte er sich vom Heroin befreien. Der Agnostiker Ashley Kahn hat vollauf Recht: Man muss nicht gläubig sein, um die tiefe Spiritualität zu spüren, von der Coltrane durchdrungen war. Für den Saxofonisten Archie Shepp steht fest: «Wie Bach oder Mozart, so hat auch Coltrane die Musik aus dem säkularen Bereich herausgeführt und eine seriöse, religiöse Weltmusik geschaffen.»
Shepp war übrigens an einer Session beteiligt, bei der der erste Satz von «A Love Supreme» von einem Sextett aufgenommen wurde. Warum sich Coltrane gegen eine Veröffentlichung dieser Version entschied, ist nun auf der 2 CDs umfassenden Deluxe-Edition des Coltrane-Klassikers nachzuprüfen: Die zwei Saxofonisten stehen sich eher im Weg, als dass sie sich beflügelten. Dennoch wartet die Edition mit einem Coup auf, bekommen wir doch die einzige Liveversion von «A Love Supreme» zu hören. Sie wurde am 26. Juli 1965 in Juan-les-Pins aufgenommen und ist wesentlich länger als die Studiovariante. Für Andrew White, der über 600 Coltrane-Soli transkribiert hat, ist die Liveversion von «Pursuance» ein Höhepunkt in Coltranes Schaffen: «Die Komplexität und Tiefe dieses Solos ist unglaublich.»
Coltrane über Coltrane: Ravi Coltrane hat die Musik seines Vaters studiert
Als John Coltrane 1967 starb, war sein Sohn kaum aus den Windeln. Die Musik seines Vaters habe er erst relativ spät entdeckt, sagt Ravi Coltrane, der im Dezember mit seinem Quartett in Basel auftrat: «Sie hat mich wirklich gefangen genommen, ich habe ihre heilende Kraft gespürt.» Fürs Saxofon habe er sich nicht wegen seines Vaters entschieden, sondern weil er sich ernsthaft zu diesem Instrument hingezogen fühlte. Wer ihn spielen hört, nimmt ihm das ab: Die Innovationen seines Vaters sind an ihm selbstverständlich nicht spurlos vorübergegangen, aber sie sind nur ein Teil seines Spiels. Ravi Coltrane hat sich eingehend mit dem Œuvre seines Erzeugers beschäftigt.
Auf die Bedeutung von «A Love Supreme» angesprochen, holt er aus: «Für mich ist es schwierig, die Musik meines Vaters selektiv wahrzunehmen. Sie bildet für mich eine Einheit, einen grösseren Bogen. “A Love Supreme” ist sicher ein wichtiger Moment in diesem Bogen. Das Album markiert den Anfang einer neuen Kommunikationsweise.» Sein Vater habe sich in dieser Phase nicht nur mit Religion befasst, sondern auch mit mathematischen Problemen, Astronomie, unserem Verhältnis zur Natur. «All das hat ihn beim Komponieren beeinflusst. Intervalle sind bei ihm nicht einfach Intervalle, sie besitzen eine symbolische Bedeutung. Als Zuhörer fühlen wir, dass die Noten etwas Grösseres repräsentieren. Eine höhere Macht.»
Damit spricht Coltrane junior das an, was der Pianist Matthew Shipp den «kosmischen Geist» von Coltrane senior nennt. Warnend fügt Shipp an, dass sich Coltrane nicht imitieren lasse: «Das wäre Suizid.» Dem würde auch Ravi Coltrane beipflichten.
2004
