Herbie Hancocks Kontrabassist präsentiert eigenes Quartett

Scott Colley Quartet in Langnau, 2005.

Tom Gsteiger

Kontrabassisten spielen im Jazz eine zentrale, zumeist allerdings zu wenig beachtete Rolle: Sie sorgen für den Puls, ohne den eine Band aus dem Takt geraten würde. Gute Kontrabassisten sind also Gold wert: Ohne ihren Support läuft im Jazz so gut wie niemand zu Höchstform auf. Was wäre das Bill Evans Trio ohne Scott LaFaro, das Ornette Coleman Quartet ohne Charlie Haden, das John Coltrane Quartet ohne Jimmy Garrison oder das Miles Davis Quintet ohne Ron Carter gewesen?

Dass Bassisten, die sich meistens mit der Rolle als Sideman zufrieden geben (müssen), auch als Bandleader Massstäbe zu setzen vermögen, haben zum Beispiel Charles Mingus oder Dave Holland bewiesen. Womit wir bei Scott Colley gelandet wären. Dieser grandiose Kontrabassist ist in den letzten Jahren in einer Reihe brisanter Formationen in Erscheinung getreten, in denen nicht nur seine unheimliche Groove-Kompetenz, sondern auch seine Experimentierfreude gefragt war. Zu erinnern wäre in diesem Zusammenhang etwa an das Quartett des fulminanten Sax-Überfliegers Chris Potter (CD «Lift», Universal) oder an das Sextett des nonkonformistischen Pianisten Andrew Hill (CD «Dusk», Palmetto).

Leider noch nicht auf Tonträger dokumentiert ist Colleys kongeniale Zusammenarbeit mit einem anderen Pianisten: Herbie Hancock. Mit der impulsiven Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington gehört Colley zu Hancocks neuem Trio, das zuweilen durch Gary Thomas (Sax) bzw. Bobby Hutcherson (Vibrafon) zum Quartett erweitert wird. Den Kontakt zu Visionären wie Hill oder Hancock, die in den 1960er-Jahren für das Label Blue Note so bahnbrechende Alben wie «Point of Departure» oder «Maiden Voyage» schufen, erachtet Colley als extrem inspirierend, von ihnen habe er gelernt, wie man die Musik jeden Tag weiterentwickeln könne: «Am Schluss unserer Tourneen tönten die meisten Stücke ganz anders wie zu Beginn.» Es kann daher kaum verwundern, dass Colley mit seinem eigenen aktuellen Quartett einen überaus offensiv kreativen Umgang mit dem komponierten Material pflegt. «In erster Linie geht es um Kommunikation, dazu gehört auch die Fähigkeit, einander zuzuhören.»

Colleys Quartett ist hochkarätig besetzt. Der Trompeter Ralph Alessi hat mit Colley in Kalifornien studiert und übersiedelte wie dieser vor rund anderthalb Jahrzehnten nach New York, wo er schnell Anschluss an die M-Base-Bewegung um Steve Coleman fand. Alessi ist Gründer der School for Improvisational Music, die sich einem sehr offenen, undogmatischen Jazzbegriff verpflichtet fühlt. Als Craig Taborn letztes Jahr mit Chris Potter in Langnau zu Gast war, verblüffte er als trickreicher Tüftler an diversen Keyboards, in Colleys Gruppe wird er sich nun voll und ganz aufs Klavier konzentrieren. Am Schlagzeug sitzt mit Antonio Sanchez ein Heisssporn, den man hierzulande zuletzt mit der Pat Metheny Group erleben durfte. Die Stücke, die Colley für dieses «Dream Team» schreibt, entstehen zum Teil am Klavier, zum Teil am Bass, manchmal aber auch einfach nur im Kopf. «Beim Komponieren habe ich keine stilistische Agenda. Es ist mir wichtig, die Qualitäten der Musiker, die die Stücke interpretieren werden, zu berücksichtigen. Obwohl ich es liebe, Bassist zu sein, benutze ich alle Instrumente für Ideen und Inspiration, denn in erster Linie bin ich Musiker», hält Colley fest.

Scott Colley kam 1963 in Los Angeles auf die Welt und trat bereits mit 13 Jahren in Jazzclubs auf – zu seinen Mentoren zählten der Pianist Jimmy Rowles und der Bassist Monty Budwig. Colley studierte u.a. bei Charlie Haden und einem Kontrabassisten der Los Angeles Philharmonic. «Mein älterer Bruder spielte Schlagzeug, da war es irgendwie naheliegend, dass ich mit dem Bassspiel anfing. So bildeten wir eine Rhythmusgruppe. Zuerst habe ich nur nach Gehör gespielt, die Theorie kam später», fasst Colley seinen Werdegang zusammen. 1986 stiess Colley zum Begleittrio der Sängerin Carmen McRae, weitere wichtige Engagements folgten. Seit 1996 hat Colley unter eigenem Namen fünf CDs vorgelegt, als Sideman ist er auf inzwischen über 80 Alben zu hören. Die Jazzszene empfindet Colley heute als wesentlich lebendiger und offener als zur Zeit seiner Übersiedlung nach New York Anfang der 90er-Jahre, die Territorien seien zum Glück nicht mehr so klar abgesteckt wie damals.

November 2005