M-Base-Gulasch
Steve Coleman hätte im Dezember 2005 ein Konzert in der Mühle Hunziken geben sollen. Nahrungstechnische Schrullen des Jazzexzentrikers haben dann aber zu einer kurzfristigen Absage des Auftritts geführt. Nachfolgend die Konzertvorschau plus der Nachbericht.
In seiner Studie «Future Jazz» widmet der renommierte Jazzkritiker Howard Mandel der vom Altsaxofonisten Steve Coleman ins Leben gerufenen M-Base-Bewegung, aus der u.a. die Sängerin Cassandra Wilson, die Pianistin Geri Allen, der Saxofonist Greg Osby und der Trompeter Ralph Alessi hervorgegangen sind, ein ganzes Kapitel. Da erfahren wir auch, wie alles begann. Ende der 70er-Jahre dislozierte Coleman mit 150 Dollar in der Tasche per Autostopp von Chicago, wo er 1956 auf die Welt gekommen war, nach New York, wo er sich zuerst einmal in einer Jugendherberge einquartierte. Neben Engagements in den Bigbands von Thad Jones, Sam Rivers und Cecil Taylor begann Coleman – zuerst als Strassenmusiker, dann als Leader der Band Five Elements, deren Name auf einen Kung-Fu-Film zurückgeht – seine eigenen Konzepte zu entwickeln, die ihm zurecht den Ruf eines Visionärs eintrugen.
Auf seiner überaus wortreichen Webpage (www.m-base.com) macht Steve Coleman klar, dass M-Base – der Begriff steht für «Macro-Bassic Array of Structural Extemporizations» – kein musikalischer Stil ist, sondern eine Art Lebensphilosophie, die der Intuition ebenso viel Platz einräumt wie der Logik und die vor allem auf nicht-westlichen Einflüssen basiert; das westliche Denken ist für Coleman zu stark von Indoktrination geprägt und misst kollektiven Lernprozessen zu wenig Bedeutung bei. Auf ausgedehnten, zu einem grossen Teil selbst finanzierten Studienreisen hat sich Coleman zum Beispiel intensiv mit afrikanischer und kubanischer Trommelmusik, indischen Ragas und der Symbolik der ägyptischen Hieroglyphen befasst – dabei ist seine Begeisterung für den Bebop-Existenzialismus eines Charlie Parker und den Groove-Fundamentalismus eines James Brown zum Glück nie auf der Strecke geblieben. Ein typisches Merkmal der Stücke Colemans ist das Übereinanderlagern verschiedener rhythmischer Loops, wodurch man als Zuhörer die Möglichkeit erhält, die Musik aus unterschiedlichen Perspektiven wahrzunehmen.
Mit der «Anatomy of a Groove» (so der programmatische Titel einer M-Base-Platte aus dem Jahre 1992) hat sich Coleman wie kaum ein zweiter Musiker seiner Generation auseinandergesetzt; und er hat damit sowohl einige ältere – am stärksten wohl den Bassisten Dave Holland, in dessen Gruppen er eine Zeit mitwirkte – als auch viele jüngere Musiker (u.a. Don Li) nachhaltig beeinflusst. Von engen Weggefährten wird Coleman als rastloser Geist beschrieben, der sich nie mit dem Erreichten zufrieden gibt: Ständig sucht er nach neuen Methoden, die es ihm erlauben, seinen musikalischen Kosmos zu erweitern. So interessiert er sich auch dafür, wie sich Farbe in Musik umsetzen lässt. Auf seinem letzten Album, «Lucidarium», arbeitet Coleman zum Teil mit Mikrointervallen und setzt so die wohltemperierte Stimmung ausser Kraft. In Zusammenarbeit mit dem IRCAM in Paris hat Coleman eine Computer-Software entwickelt, mit der sich Musik programmieren lässt, die ein Eigenleben entwickelt.
Im Laufe der Jahre hat Coleman aus einem locker gefügten Kollektiv gleichgesinnter Musiker eine Reihe von Bands geformt, die so schöne Namen wie The Council of Balance, Renegade Way oder The Secret Doctrine tragen. Zur Zeit ist Coleman mit der neuesten Ausgabe seiner Mystic Rhythm Society auf Tournee, mit der er die Verschmelzung der M-Base-Philosophie mit anderen musikalischen Kulturen anstrebt; so präsentiert sich die aktuelle, 10-köpfige Formation als «joint venture» von progressiven Jazzern (besonders gespannt darf man auf den Trompeter Jonathan Finlayson sein) und ungarischen Musikern, die sich in ihrem bisherigen Schaffen im Grenzbereich zwischen klassischer Musik, Folklore und Jazz bewegten – Geige, Hackbrett und Tarogato (ein ungarisches Holzblasinstrument) werden dabei für ungewohnte Klangfarben sorgen. Man darf davon ausgehen, dass Coleman mit dieser Gruppe sein Konzept der «kollektiven Meditationen» weiterentwickeln wird, bei dem es keine klare Abfolge von Solisten gibt: komponierte und improvisierte Instrumentalparts verschmelzen mit pulsierenden Grooves zu hypnotischen Klangflächen, wobei auch Melodieinstrumente rhythmische Funktionen übernehmen. Es wird also ein richtig feuriges M-Base-Gulasch angerichtet. Wohl bekomms!
Arroganter Fischliebhaber
Scheinbar ist die Vogelgrippe-Hysterie nicht spurlos an dem bedeutenden Jazzsaxofonisten Steve Coleman vorübergegangen. So liess er das Konzert in der Mühle Hunziken vorgestern platzen, weil ihm die Menüwahl nicht passte. Der Veranstalter hielt sich zwar klar an die gastronomischen Vorgaben von Colemans Management, die die Wahl zwischen «vegetarisch oder Huhn oder Fisch» vorsehen, und liess Poulet-Geschnetzeltes zubereiten. Coleman bestand aber partout auf Fisch. Pikantes Detail: Weil Coleman seine Musikphilosophie M-Base nennt und für seine aktuelle Tournee ein multikulturelles Projekt mit ungarischen Musikern angekündigt hat, erschien in dieser Zeitung eine Vorschau, die das Konzert einem potenziellen Publikum unter dem Titel «M-Base-Gulasch» schmackhaft zu machen versuchte. Wie wir erst jetzt erfahren haben, wäre aus dem Gulasch sowieso nicht viel geworden, hatte doch die Mehrheit der Ungarn-Fraktion bereits zu einem früheren Termin gegen die schlechte Laune ihres Chefs gemeutert und Reisaus genommen. Auf die Feststellung, eine derart deutliche Reduktion der Band sei doch eigentlich das gravierendere Problem als die Frage «Huhn oder Fisch?», antwortete Coleman dem Veranstalter Peter Burkhart, besser bekannt als «Mühli-Pesche»: Wer komme denn schon wegen einigen «fucking Hungarian musicians» an ein Konzert. Vielleicht sollte Coleman inskünftig eine Angelrute mit auf seine Tourneen nehmen - und wenn kein Fisch anbeisst, könnte er wenigstens von der meditativen Wirkung des Angelns profitieren.
