Vom Outlaw zur Kultfigur

Zehn Jahre lang musste man auf ein neues Album von Ornette Coleman warten. Mit «Sound Grammar» wird der bald 77-jährige Harmolodiker seinem Ruf als Eigenbrötler gerecht. Porträt eines Nonkonformisten, der die Jazzwelt in Aufruhr versetzte.

Tom Gsteiger

Die Stadt Fort Worth in Texas diente im 19. Jahrhundert allerlei Outlaws als Rückzugsgebiet - darunter die Bande, die sich «The Wild Bunch» nannte und die von Butch Cassidy und Sundance Kid angeführt wurde. Am 9. März 1930 kam Ornette Coleman in Fort Worth auf die Welt - als Afro-Amerikaner «on the wrong side of the tracks»: Die Eisenbahnlinie war die Demarkationslinie zwischen Weiss und Schwarz. Der Altsaxofonist und Komponist Coleman verkörpert sozusagen die positive Seite des Outlaw-Prinzips. Er hinterliess keine Blutspur, sondern versetzte der Welt des Jazz einen heilsamen Schock, indem er eine Reihe sakrosankter Regeln über den Haufen war.

Die Musik Colemans ist einzigartig, manchmal auch einzigartig unartig, zugleich komplex und liedhaft, archaisch und futuristisch, sie passt in kein Schema und setzt ein Maximum an melodischer Freiheit an die Stelle funktionsharmonischer Regeln - er selbst sagte: «Wenn man mich hört, hört man wahrscheinlich alles, was ich seit meiner Kindheit gehört habe. Eigentlich ist meine Musik nur eine Art besserer Volksmusik.» Der Bassist Charles Mingus, der sich nicht so recht entscheiden konnte zwischen Bewunderung und Entgeisterung, meinte: «Das ist wie organisierte Desorganisation. Oder auf richtige Weise falsch spielen.»

Coleman hatte einen langen Leidensweg zurückzulegen, bis er seine seltsamen und doch irgendwie vertraut anmutenden Stücke mit eigenen Gruppen spielen konnte - er hielt sich mit Tingeltangel-Jobs in einer Minstrel-Show und Rhythm-and-Blues-Bands sowie Gelegenheitsarbeiten (u.a. Liftboy) über Wasser. Zum Glück gehört Coleman zu der Sorte von Menschen, denen das unbeirrbare Verfolgen von Visionen wichtiger ist als der schnelle Erfolg - sonst hätte er die Flinte bzw. das Saxofon garantiert ins Korn geworfen.

Los Angeles

Klar konnten sich auch frühere Jazz-Ikonoklasten wie Charlie Parker oder Thelonious Monk nicht mir nichts, dir nichts ins gemachte Nest setzen, doch im Gegensatz zu Coleman waren sie Teil einer intakten Szene. Parker hatte Engagements in Bigbands, Monk wurde von Coleman Hawkins gefördert und war Hauspianist im Minton‘s Playhouse, einer Brutstätte des Bebop. Für Coleman war es hingegen unerlässlich, eine eigene Szene zu bilden, wollte er seine Musik mit anderen teilen - er sagte einmal: «I don‘t think of being a leader, I think of being a sharer».

Einen gewaltigen Sprung nach oben machte der Shareholder-Value der Coleman-Aktie Ende der 50er-Jahre - für die Labels Contemporary und Atlantic entstanden eine Reihe von Coleman-Alben mit Titeln wie «Something Else!!!!», «Tomorrow Is The Question!», «The Shape Of Jazz To Come» und «Change Of The Century»; im November 1959 nahm der Saxofonist ein Engagement im New Yorker Five Spot Café in Angriff, das über zwei Monate dauern sollte (abgemacht waren ursprünglich zwei Wochen). Was war geschehen? In Los Angeles, wohin es ihn Anfang der 50er-Jahre verschlagen hatte, machte Coleman einerseits weiterhin demütigende Erfahrungen - bei Jam-Sessions wurde er entweder unsanft von der Bühne bugsiert oder die anderen Musiker packten einfach ihre Instrumente zusammen -, andererseits war ihm in zweierlei Hinsicht Familienglück beschieden.

Aus dem Nichts

1954 wurde die (inzwischen geschiedene) Ehe mit der Dichterin Jayne Cortez geschlossen, zwei Jahre später kam der Sohn Denardo auf die Welt. Die zweite «Ornette Family» bestand aus einem kleinen Zirkel neugieriger Musiker, die von Colemans Musik nicht abgeschreckt, sondern angezogen wurden und die die unbezahlte Probearbeit mit dem Autodidakten als Herausforderung und Bereicherung empfanden. Aus diesem Zirkel ging das legendäre Quartett mit dem Trompeter Don Cherry, dem Bassisten Charlie Haden und dem Schlagzeuger Billy Higgins (er wurde noch während des Five-Spot-Engagements durch Ed Blackwell ersetzt) hervor, dessen Auftritte die Jazzwelt in Aufruhr versetzten und in zwei feindliche Lager spalteten - wobei die heftige Ablehnung durch gewisse Musiker auch auf der Tatsache beruhte, dass da plötzlich einer im Rampenlicht stand, der sozusagen aus dem Nichts kam und sich nicht in der New Yorker Jazzhierarchie nach oben gedient hatte. Der Pianist Paul Bley, der Coleman in L.A. in seine Band geholt hatte, kommentierte: «Ornette jagte dem durchschnittlich weltberühmten Jazzmusiker auf New Yorks Strassen Angst ein, weil nichts mehr so sein würde, wie es einmal gewesen war.»

Das Blatt hätte sich wohl kaum gewendet, hätte Coleman nicht prominente und einflussreiche Fürsprecher gefunden. Der Jazzkritiker Martin Williams hielt fest: «Ich bin der festen Überzeugung, dass das, was Coleman spielt, das ganze Wesen des Jazz tiefgreifend und umfassend verändern wird.» Und für John Lewis, Pianist des Modern Jazz Quartet, war klar: «Ornette ist eine Erweiterung Charlie Parkers - die erste, die ich gehört habe. Das ist es, was ich wirklich notwendig finde: dass man die grundlegenden Ideen Parkers ausbaut, sie nicht bloss imitiert, sondern etwas Neues daraus macht.»

Inzwischen haben sich die Wogen geglättet - wer auf YouTube das Stichwort „Ornette Coleman“ eingibt, stösst sogar auf eine Aufnahme des Erzreaktionärs Wynton Marsalis, der mit dem Lincoln Jazz Orchestra eine Ornette-Nummer spielt. Dies bedeutet allerdings nicht, dass Coleman vom Mainstream aufgesogen worden wäre - dafür ist seine Musik dann doch zu speziell und sperrig, sie dürfte wohl nie so weit domestiziert und akademisiert werden wie die Innovationen von Parker oder John Coltrane. Sieht man von seinen Werken für klassische Formationen ab, denen die Schlüssigkeit des Jazz-Œuvres abgeht, lassen sich in Colemans Entwicklung als Komponist keine einschneidenden Veränderungen ausmachen - traurige Rubato-Balladen, fröhliche Kinderliedermelodien, rasend schnelle Katapultphrasen und Bluesparaphrasen ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Schaffen. Coleman: «Alles ist miteinander verbunden. Wir brauchen nur die richtige Nadel für den Faden zu finden.»

Coleman ist ein - gefeierter, mit Preisen ausgezeichneter und von Jazzpromis wie Pat Metheny und Keith Jarrett als wichtige Inspirationsquelle gennannter - Aussenseiter geblieben, er hat immer wieder mit dem Jazz-Business gehadert oder gar den totalen Rückzug geprobt. Dass er nur noch sehr selten auftritt, liegt am Auseinanderklaffen zwischen seiner eingeschränkten Popularität und seinen exorbitanten Gagenforderungen - er ist zwar eine kurlige Kultfigur, aber beileibe kein pflegeleichter Superstar. Nichtsdestotrotz wurde er am letztjährigen Jazzfestival Montreux von gedankenlosen Veranstaltern zum Schluss einer Halligalli-Hommage an das Label Atlantic auf die Bühen geschickt: Prompt lief das Publikum in Scharen davon.

Ludwigshafen

Von der Gruppe, mit der Coleman in Montreux vor leeren Rängen musizierte, liegt nun ein Mitschnitt eines umjubelten Konzerts, das am 14. Oktober 2005 in Ludwigshafen stattfand, vor. Inzwischen nennt Coleman das System, auf dem seine Musik angeblich beruht, nicht mehr Harmolodics, sondern «Sound Grammar» (Phrase Text) - so lautet denn auch der Titel der neuen CD. Der kurze Einführungstext Colemans ist allerdings ebenso kraus wie die meisten seiner programmatischen Verlautbarungen. Die Musik gibt zum Glück mehr her. Coleman improvisiert über weite Strecken fabelhaft und bewegt sich souverän in dem mal nervösen, mal flächigen Gewebe, das zwei Kontrabassisten, Greg Cohen (pizzicato) und Tony Falanga (con arco), sowie Sohnemann Denardo am Schlagzeug (holterdipolter) schaffen. In ihrer Dichte weckt diese Aufnahme Erinnerungen an Colemans elektrische Prime-Time-Phase, die 1975 einsetzte. Was man damals vermisste, fehlt auch auf «Sound Grammar»: starke Gegenstimmen zu Coleman, die gleichermassen eigenständige und kongeniale Akzente zu setzen vermögen und doch intuitiv in der Musik aufgehen. In dieser Hinsicht hat die erste Dekade von Colemans Karriere ganz klar die fruchtbarsten Resultate gezeitigt.

2007

Nettes über und von Ornette
Eine sehr gute Einführung ist Peter Niklas Wilsons Monografie «Ornette Coleman: Sein Leben, seine Musik, seine Schallplatten» (Oreos Verlag, 1989). Brillant ist auch Robert Palmers Text zur Box «Beauty Is A Rare Thing: The Complete Atlantic Recordings» (Rhino) - noch brillanter ist die Musik, die auf diesen 6 CDs zu hören ist. Unter dem Titel «The Battle of the Five Spot» hat David Lee eine interessante Studie zur Coleman-Rezeption um 1959 vorgelegt. Brian Morton stellt in einer Kolumne einen Vergleich zwischen Coleman und Thomas Pynchon an.