Pionier der Weltmusik
Zum Tode von Don Cherry, Oktober 1995.
Bei seinem letzten Auftritt in der Mühle Hunziken vor etwas mehr als einem Jahr zielte sein weltentrückter Blick immer wieder ins Nichts. Vielleicht erhaschte er bereits damals einen Blick von der anderen Seite der Welt, der Seite jenseits des Leidens. Nun hat Don Cherry unsere Welt, in der das Wirkliche in einer Handschrift von Leid, Kälte und Härte geschrieben ist, endgültig verlassen. Soweit der pathetische Nekrolog; die Wirklichkeit ist wie fast immer weit weniger poetisch. Die Weltentrücktheit des fragilen Gurus Don Cherry hatte sicher auch mit dessen Spiritualismus zu tun, war aber auch eine Folge seines Hangs zu Spirituosen und anderen eskapistischen Substanzen. Gegen Ende seiner Karriere häuften sich die schmerzlichen Abstürze, oftmals war Cherry nur noch ein Schatten seiner selbst. Nun ist er in Spanien den Folgen eines Leberleidens erlegen.
Donald E. Cherry erblickte am 18. November 1936 in einem Indianerreservat in Oklahoma das Licht der Welt. Cherry, schwarzer und indianischer Abstammung, wuchs in Los Angeles auf. Er besuchte die Lennox School of Music. Zu Beginn seiner Karriere spielte er mit Dexter Gordon und Wardell Gray. Als Mitglied des legendären Ornette Coleman Quartet war er mit seinem unnachahmlichen Spiel auf der «Pocket»-Trompete massgeblich mitbeteiligt an der Schaffung des Free Jazz. Ihre Platten mit den programmatischen Titeln «Tomorrow is the question», «The shape of jazz to come» und «Free Jazz» und ihre Auftritte im New Yorker «Five Spot» erregten die Jazzwelt: Man war begeistert bzw. schockiert.
Der MJQ-Pianist John Lewis sagte zum Zusammenspiel von Coleman und Cherry: «Ornette und Don sind fast wie Zwilinge. Sie spielen zusammen, wie ich niemals zuvor irgend jemanden zusammen spielen gehört habe.» In der Gruppe «Old & New Dreams» führten Cherry und Dewey Redman, Charlie Haden und Ed Blackwell in den 70er und 80er Jahren das Free-Bop-Erbe Colemans weiter. Nach der symbiotischen Zusammenarbeit mit Coleman folgten Engagements bei Sonny Rollins, Steve Lacy, Archie Shepp und Albert Ayler. Ab 1964 folgten auch immer wieder Abstecher nach Europa. 1965/66 spielte Don Cherry für Blue Note drei wunderbare Platten ein: «Complete Communion», «Where is Brooklyn?» und «Symphony for Improvisers» gehören ganz klar zum Besten in der Geschichte des Jazz (die kompletten Blue-Note-Aufnahmen Cherrys sind auf einer 2-CD-Box auf Mosaic erhältlich).
Gegen Ende der 60er Jahre wurde Cherry zu einem Pionier der Weltmusik (damals war dieser Begriff noch nicht so ausgelaugt und sinnentleert). Er bereiste die Welt, liess balinesische Gamelan-Musik in sein Spiel einfliessen, befasste sich mit japanischer, indischer, nordafrikanischer, tibetanischer usw. Musik, erweiterte sein Instrumentarium um zahlreiche ausserabendländische Instrumente. Der sich zum tibetanischen Tantra-Buddhismus bekennende Cherry umgab seine Musik mit einer esoterisch angehauchten, leicht naiven, aber ehrlich empfundenen multikulturellen Aura. «Wir können heute aus den verschiedensten Ländern der Welt kommen. Wir machen uns einfach mit den Melodien, den Liedern unserer Heimatländer bekannt, und wir spüren sofort das musikalische Band, das uns alle verbindet. Musik ist eine Einheit. Und sie wird es immer noch mehr. Du musst es nur hören können.»
So sprach Don Cherry - und in seiner Musik verwirklichte er zuweilen tatsächlich so etwas wie die Utopie einer friedlichen Weltgemeinschaft; dies allerdings ab und zu auf Kosten der musikalischen Substanz: Da wurde dann nur noch schlaffe und kantenlose Nirwana-Monotonie auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner zelebriert. Ab Ende der 70er Jahre tauchte Cherry auch im Rock-Kontext auf, so spielte er mit Lou Reed und seiner Tochter Neneh Cherry.
24.10.1995
