Vom Musterschüler zum Maestro
Der Saxofonist Chris Cheek hat mit seinem Bewunderer Brad Mehldau ein sublimes Album eingespielt.
Von bewusster Diskriminierung kann zwar keine Rede sein, doch es steht ausser Frage, dass der Saxofonist Chris Cheek wegen seines Äusseren von grossen Teilen der Jazzkritik und des Publikums nach wie vor sträflich unterschätzt wird. Cheek sieht tatsächlich nicht so aus, wie man sich einen Jazzer gemeinhin vorstellt, sondern wie eine Mischung aus Streber und Chorknabe, der kein Wässerchen zu trüben vermag. Im Gespräch wird der Eindruck bestätigt, dass wir es hier mit einem sehr braven, zurückhaltenden, zuweilen geradezu schüchternen Menschen zu tun haben. Doch von alledem sollte man sich nicht von der Tatsache ablenken lassen, dass Cheek der grösste Lyriker auf dem Tenorsaxofon seit Stan Getz ist, hat er doch nicht nur ein untrügliches Gespür für unverbrauchte melodische Wendungen, sondern verfügt auch über einen Sound, der in seiner Mischung aus unschuldiger Reinheit und vibrierender Wärme unter die Haut geht.
Bis dato ist Cheek das typische Beispiel für das, was man im Jazzslang einen «musicians‘ musician» nennt: Unter Seinesgleichen wird ihm zwar allergrösste Bewunderung zuteil, der grosse Durchbruch blieb ihm trotzdem verwehrt. Vielleicht ändert sich dies nun endlich mit der neuen, an zwei Tagen im vergangenen März eingespielten CD des Saxofonisten: Auf seiner «Blues Cruise» (FSNT / Plainisphare) wird Cheek von einer Formation begleitet, die in den letzten Jahren zurecht von Triumph zu Triumph eilte, nämlich dem Trio des Pianisten Brad Mehldau mit Larry Grenadier am Kontrabass und Jorge Rossy am Schlagzeug.
Mehldau ist das prominenteste Mitglied im Cheek-Fanclub, so interpretiert er auf seinem aktuellen Trio-Album, «Day Is Done» (Nonesuch), neben Pop-Tunes von den Beatles, Radiohead und Paul Simon auch ein Cheek-Tune und lässt uns via Homepage wissen: «Cheek ist einer meiner Lieblingskomponisten.» Dieser macht sich allerdings auch in dieser Hinsicht kleiner als er ist. «Ich bin kein Komponist. Ich schreibe einfach Stücke, weil es mir Spass macht; ich weiss nie, wie ein Stück wird, bevor es da ist. Ich darf mich glücklich schätzen, dass es Musiker gibt, die meine Stücke gerne spielen», meint Cheek. Auf «Blues Cruise» stammen sechs der insgesamt neuen Nummern aus der Feder Cheeks, der neben Tenor- auch Alt- und Sopransax spielt. Die Höhepunkte des extrem relaxten und inspirierten Albums, das ganz ohne Kraftmeiereien auskommt, sind Cheeks hinterlistiges «Squirreling» sowie eine überirdisch schöne Version der Ellington-Rarität «Low Key Lightly»; auch in der Wahl der Fremdkompositionen erweist sich Cheek als Liebhaber von Feinschmeckereien, die ihre Raffinesse auf absolut unprätentiöse Weise zur Geltung bringen.
Auf Kreuzfahrt
Der Albumtitel «Blue Cruise» hat übrigens einen autobiografischen Hintergrund, seine ersten intensiven praktischen Erfahrungen machte Cheek auf einer Kreuzfahrt: «Wir spielten an sechs Abenden pro Woche, wir begleiteten Sängerinnen und Komiker. Jazz konnten wir natürlich nur selten spielen, wir hatten aber trotzdem viel Spass.» Vom Originalitätsgetue vieler Jazzmusiker grenzt sich Cheek denn auch mit einer interessanten Überlegung ab: «Es kann ein Handicap sein, eine zu starke Identität zu haben. Man sollte sich nicht einer Idee verschreiben, sondern offen bleiben für die unterschiedlichsten Einflüsse, nur so kann man auf verschiedene Herausforderungen adäquat reagieren. Beim Improvisieren geht es doch in erster Linie darum, sich dem Moment zu ergeben, dafür muss man bereit sein, ein gewisses Mass an Kontrolle aufzugeben.»
Chris Cheek kam am 16. September 1968 in St. Louis, Missouri, auf die Welt. Sein Vater, der 37 Jahre lang eine High-School-Band leitete, zwang ihn, ein Instrument zu lernen. «Also wollte ich von ihm wissen, welches Instrument einem am wenigsten Schwierigkeiten bereitet. Und so nahm ich ab meinem elften Lebensjahr Saxofonunterricht», erinnert sich Cheek mit einem Lächeln. Zum Jazz kam er dank seinem Musiklehrer an der High School. Zentrale Bedeutung für seine künstlerische Entwicklung misst Cheek der Auseinandersetzung mit unzähligen Schallplatten zu. Nach einem Jazzstudium am Berklee College bei Boston zog Cheek Anfang der 1990er-Jahre nach New York. In unseren Breitengraden konnte man auf ihn erstmals durch seine Mitarbeit in der Electric Bebop Band des Schlagzeugers Paul Motian, von der demnächst ein neues Album auf ECM erscheinen wird, aufmerksam werden – in diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass vor Cheek Saxofonisten wie Charles Brackeen, Jim Pepper, Joe Lovano, Joshua Redman und Chris Potter in den Bands von Motian spielten! Motian empfahl Cheek an Charlie Haden weiter, der ihn in sein Liberation Music Orchestra holte, von dem letztes Jahr die CD «Not In Our Name» (Universal) erschien, für das Carla Bley ein wunderbares Americana-Repertoire zusammengestellt hat – Tenorsax-Aficionados seien besonders auf ihr Arrangement von Bill Frisells «Throughout» aufmerksam gemacht: Der eher introspektive Cheek wird hier vom wild entfesselten Tony Malaby aus der Reserve gelockt.
