Man nannte sie Betty Bebop
Ihr Auftritt 1997 Jazzfestival Bern war durch Vitalität und Geistesgegenwart geprägt: Nun (Sept. 1998) ist Betty Carter, eine der herausragenden Gesangsstilistinnen des Jazz, im Alter von 69 Jahren gestorben.
Die Interpretation eines Songs war für Betty Carter - und damit auch für ihr Publikum - immer wieder von neuem ein Abenteuer. Bereits Billie Holiday, die Pionierin des für den Jazz so essentiellen Mikrophon-Gesangs, änderte Melodielinien ab, doch bei ihr blieben die Songs als solche erkennbar. Betty Carter ging da oftmals einen Schritt weiter und abstrahierte die Melodie bis zur Unkenntlichkeit. Dabei arbeitete sie mit enormen Zerdehnungen bzw. Zusammenziehungen, sie verbog Töne und fragmentierte Linien - zuweilen hatte ihr Gesang einen surrealistischen Touch.
Whitney Balliett schrieb 1982 im «New Yorker»: «Betty Carter is a shock at first hearing.» Im selben Artikel wurde die Sängerin mit einer Art Credo zitiert: «Ich höre mir meine Alben nicht an, denn ich will der Gefahr, mich selbst zu imitieren, aus dem Weg gehen. I want everything fresh and new. Ich will, dass mein Gesang der Ausdruck meiner gesamten Persönlichkeit ist. Jedesmal, wenn ich einen Song singe, singe ich ihn anders. Ich höre die Akkorde in meinem Kopf, aber nicht die Melodie. Ich weiss, dass einige Komponisten es nicht mögen, was ich mit ihren Songs anstelle, aber die Songs sind voller Möglichkeiten. Wenn man einfach die Melodie nachsingt, wie kann man sie da verbessern?»
Betty Carter kam als Lillie Mae Jones in Flint, Michigan, auf die Welt. Im oben zitierten Artikel nannte sie den 16. Mai 1929 als ihr Geburtsdatum (in einigen Lexika wird 1930 angegeben). Sie wächst in Detroit auf; durch die Jukebox in der Soda-Bar in der Nähe ihrer Schule schliesst sie Bekanntschaft mit dem modernen Jazz, sie hört Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Woody Herman und natürlich auch Billie Holiday. Erste Gesangswettbewerbe; sie legt sich den Künstlernamen Lorraine Carter zu.
Zwischen 1948 und 1951 singt sie in der Big Band Lionel Hamptons, von dem sie den Spitznamen Betty Bebop erhält: Damit ist ihr Name komplett. In New York tritt Betty Carter zusammen mit Miles Davis und Thelonious Monk auf. Sie reift zu einer unkonventionellen Song-Interpretin und risikofreudigen Scat-Künstlerin heran, bleibt aber ein Insider-Tip: zu sehr verweigert sich ihr Gesang den Erwartungen, die ein grosses Publikum an eine Jazzsängerin hat.
Mit der Zeit schliesst ein grösser werdendes Publikum zu Carter auf. Ausgerechnet das traditionalistische Jazz-Revival der achtziger und neunziger Jahre bringt ihr, die sich in Interviews vom Retro-Jazz eines Wynton Marsalis ebenso abgrenzt wie von der Avantgarde, den Durchbruch. Betty Carter wird als Vertreterin der «klassischen Moderne» gefeiert und erhält einen Vertrag beim grossen Label Verve, das auch einen Teil der Aufnahmen, die sie seit 1969 für ihr eigenes Label BetCar produziert hatte, neu auflegt: darunter das Live-Album «The Audience with Betty Carter» aus dem Jahre 1979, das allen empfohlen sei, die zur Essenz dieser grossen Sängerin vorstossen möchten.
28.09.1998
