Der Song-Detektiv

Mit «Armistice 1918» hat der Jazzpianist Bill Carrothers ein zugleich originelles und anrührendes Meisterwerk geschaffen. Auf ungekünstelte und sensible Weise sublimiert er die Schrecken des 1. Weltkriegs zu packender Kunst.

Tom Gsteiger

Wahrlich, der Mensch ist ein seltsames Wesen: mit Vernunft gesegnet, handelt er doch immer wieder vollkommen irrational, im Guten wie im Bösen. Das Irrationale des menschlichen Wesens drückt sich zum Beispiel in der Metapher vom Kopf, den man zu verlieren droht oder bereits verloren hat, aus. Im Krieg kann diese Metapher allerdings plötzlich eine schrecklich reale Bedeutung annehmen (man denke nur an die Enthauptungen im Irak). Diese Überlegungen führen uns zum Doppelalbum «Armistice 1918» (Sketch), mit dem uns der amerikanische Jazzpianist Bill Carrothers an die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, den 1. Weltkrieg, erinnert: Als am 11. November 1918 der Waffenstillstand ausgerufen wurde, gab es annähernd 10 Millionen Tote und 40 Millionen Verwundete zu beklagen.

Man kann Carrothers‘ Werk auf zwei verschiedene Arten hören: Als originelles Jazzalbum, das unsere Aufmerksamkeit mit inspirierten Interpretationen selten gespielter Songs und konzisen Kollektivimprovisationen fesselt, oder als anrührend unprätentiöses Konzeptalbum. Die Musik funktioniert also auch abgekoppelt vom historischen Kontext, doch in ihrer ganzen – tragisch grundierten – Vielschichtigkeit erschliesst sie sich einem erst ganz, wenn man weiss, worum es geht (Ähnliches gilt ja bspw. ebenfalls für Picassos «Guernica» oder Paul Celans «Todesfuge» ).

Liebe in Zeiten des Kriegs

Carrothers hat den zwei CDs einen einfach nachvollziehbaren, schlüssigen Bauplan zu Grunde gelegt. Mit musikalischen Mitteln wird die Geschichte eines Paares evoziert, dessen privates Glück durch den Krieg zerstört wird: Er liebt sie, sie liebt ihn; er zieht in den Krieg, sie bangt; er fällt, sie trauert. Am Anfang spiegelt sich die traute Zweisamkeit in damals populären Songs wie «Let Me Call You Sweetheart» oder «Cuddle Up A Little Closer», deren Sentimentalität Carrothers sanft verfremdet. Diese Idylle wird sodann Schritt für Schritt durch Hoffnungslosigkeit und Horror verdrängt. Auf der zweiten CD dominieren gespenstische Klangimpressionen, die Stücke tragen Titel wie «No-Man‘s Land» oder «Funk Hole», schemenhaft tauchen auch wieder Motive aus dem ersten Teil auf, als ferner Nachhall einer inzwischen in Trümmer gefallenen Welt. Carrothers‘ Musik kommt ohne Kitsch, Pathos oder drastische Schockeffekte aus und wirkt gerade deswegen so eindringlich.

Grossen Anteil am Gelingen von «Armistice 1918» haben die Mitmusiker des Pianisten. Die Grundformation wird durch dessen formidables Trio mit dem agil-sonoren Bassisten Drew Gress und dem druchvoll-geschmeidigen Schlagzeuger Bill Stewart gebildet: Sie wird nach Bedarf erweitert durch die Sängerin Peg Carrothers, den Cellisten Matt Turner, den Perkussionisten Jay Epstein und Mark Henderson an der Kontrabassklarinette. Erstaunt nimmt man zur Kenntnis, dass das in jeder Hinsicht aussergewöhnliche Doppelalbum an bloss zwei Tagen aufgenommen wurde. Der Einspielung ging allerdings eine aufwändige, mehrjährige Recherche voraus, in deren Verlauf der passionierte Hobby-Historiker Carrothers – er wurde bereits als 10-jähriger Junge von den Erzählungen eines mit seinem Grossvater befreundeten Kriegsveteranen in den Bann gezogen – längst vergessene Songs zu Tage förderte. Deren Texte sind in dem mit eindrücklichen, aber auch bedrückenden Schwarzweissfotografien illustrierten CD-Booklet abgedruckt, in dem man auch auf Gedichte aus der fraglichen Epoche stösst, darunter solche des englischen Infanterieoffiziers Wilfred Owen , dem das Album gewidmet ist (er wurde im Alter von 25 Jahren eine Woche vor Kriegsende in Belgien getötet). Im Booklet erinnert der französische Historiker Thomas Compère-Morel (Historial de la grande guerre ) daran, dass 1917 mit den amerikanischen Soldaten auch eine neue, aufregende Musik nach Europa kam, nämlich der Jazz.

Flucht aus New York

Aus den bisherigen Ausführungen dürfte klar geworden sein, dass Bill Carrothers kein Jazzmusiker ist, der sich mit dem «courant normal» zufrieden gibt. Dieser Eindruck wird durch seine Webpage bestätigt: Der 1964 in Minneapolis, Minnesota – in diesem Bundesstaat spielt der Film «Fargo» der Coen-Brothers –, geborene Künstler präsentiert sich als Mischung aus Träumer, Desperado und Monty-Python-Humorist, der sich in fiktiven Parallelwelten am wohlsten fühlt. So lässt er zum Beispiel verlauten: «Nur Kunst kann das, was in allen anderen Umständen hässlich ist, in Schönheit verwandeln. Hören Sie sich Billie Holiday an und Sie werden merken, was ich meine. So lange ich Musik spiele, ist alles in Ordnung. Doch wenn das echte Leben seine herzlosen Schläge austeilt und ich aus meiner magischen Welt gerissen werde, kann ich ein ziemlich gewalttätiger und undurchschaubarer Mensch werden». Neben skurillen Familienschnappschüssen, dem Protokoll einer Klavierstunde oder erfundenen Biografien findet man auf der Webpage auch ein Hassgedicht auf New York aus der Feder von Carrothers, der sich mit dem hektischen Lebensstil im Mekka des Jazz nie anfreunden konnte. Er entschied sich für die Entschleunigung und zog sich aufs Land zurück, wohl wissend, dass er sich mit diesem Schritt etlicher Karrieremöglichkeiten beraubte: Es ist nicht anzunehmen, dass die Kristalle, die sein Vater sammelt und die er auf der Webpage zum Verkauf anbietet, einen besonders lukrativen Nebenerwerb darstellen. Kürzlich jedenfalls hatte Carrothers keine neuen Konzerte anzukündigen und kam daher mächtig ins Grübeln: «Was soll bloss aus mir werden? Samenspender? Indianerhäuptling?»

Zeitlupen-Bop

Seine Vorliebe für Stücke, die sonst niemand spielt, hat Carrothers schon auf früheren Alben unter Beweis gestellt. Die auf seinem eigenen Label Bridge Boy Music veröffentlichte CD «The Blues And The Greys» blendet in die Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs zurück. Auch die mit seinem europäischen Trio – Nicolas Thys (Bass), Dré Pallemaerts (Schlagzeug) – eingespielten CDs «Swing Sing Songs» (Birdology) und «I Love Paris» (Pirouet) erweisen sich zum grössten Teil als Raritäten: Oder wer kannte zuvor schon «This Is Worth Fighting For», «Oh, You Crazy Moon» oder «I‘m A Dreamer (Aren‘t We All?)»? Und wenn sich Carrothers ein so bekanntes Stück wie Charlie Parkers «Donna Lee» vorknöpft, dann bürstet er es gegen den Strich. Er spielt den Bop-Klassiker nicht im Up-Tempo, seine Version besteht lediglich aus einer balladesk gedehnten, grosszügig atmenden Themenexpositon im Zeitlupentempo: Parker spulte das Thema 1947 in gut einer halben Minute ab, Carrothers nimmt sich dafür fast acht Mal so viel Zeit! Mit herkömmlichen Erwartungen dürfte auch die Version von «God Bless America» kollidieren, die Carrothers mit dem Saxofonisten Anton Denner und dem Schlagzeuger Bill Stewart aufgenommen hat: Da erklingt weder eine heroische Erbauungshymne noch deren ironische Dekonstruktion, sondern ein morbid-mysteriöser Abgesang. Zu hören ist dieses Stück auf der CD «Ghost Ships» (Sketch), die wie eine musikalische Antwort auf Edgar Allen Poe tönt: Langsam, aber unerbittlich wird die alltägliche Routine durch metaphysisches Gruseln untergraben.

Nicht nur in der Materialwahl, sondern auch in seinem Spiel hebt sich Carrothers vom Gros der Jazzpianisten ab. Mit seinem Sinn für Dramaturgie und irisierende Klangfarben verleiht er nicht nur seinen Improvisationen einen unverkennbaren Touch: In der Rolle des Begleiters schafft er Atmosphären, deren Suggestionskraft man sich nur schwer zu entziehen vermag – als hellhöriger Sideman ist Carrothers auf so unterschiedlichen Alben wie Bill Stewarts «Snide Remarks» (Blue Note), Dave Douglas‘ «Moving Portrait» (DIW), Scott Colleys «Subliminal» (CrissCross) oder Phil Grenadiers «Playful Intentions» (FSNT) zu hören.

Note bene: Das Label Sketch hat bankrott gemacht! Über Carrothers Webpage sollten allerdings die meisten Aufnahmen erhältlich sein.