Die Musik in der Poesie

Der aus Finnland stammende Jazzmusiker Frank Carlberg pflegt ein kritisches Verhältnis zu seiner Wahlheimat USA. Seit über einem Jahrzehnt vertont er Texte von amerikanischen Outsidern wie Kerouac, Ginsberg oder Creely. Seine neueste CD hat er auf dem von ihm mitgegründeten Label Red Piano Records veröffentlicht.

Tom Gsteiger

Er gehe nicht bewusst auf die Jagd nach Texten, hält Frank Carlberg fest, der mit einer Reihe zugleich innovativer und unprätentiöser Text-Vertonungen auf sich aufmerksam gemacht hat. Der Pianist und Komponist, der vor über zwei Jahrzehnten von Finnland in die USA ging, liest viel und stösst dabei regelmässig auf Material, das seine Imagination anregt. Dabei handelt es sich in erster Linie um moderne amerikanische Lyrik, also um Gedichte ohne Reime.

Für seine vorletzte CD, «State of the Union» (FSNT), hat Carlberg u.a. Texte von Gertrude Stein, Jack Kerouac, Allen Ginsberg und Kenneth Rexroth zu speziellen Jazz-Songs verarbeitet, die zum Teil recht kühn in der Gegend herumhüpfen. Die Sängerin Christine Correa scheint dies nicht weiter zu stören: Sie meistert ungewöhnliche Intervalle und mysteriöse Melodien mit Souplesse. Carlberg über Correa: «Sie ist die Verkörperung der Texte.» Carlberg, der Tenorsaxofonist Chris Cheek, der Bassist John Hebert und der Schlagzeuger Michael Sarin harmonieren nicht nur wunderbar mit Correa, sondern lösen die festen Strukturen der Stücke in einfallsreichen Improvisationen in flüssige und gasförmige Aggregatszustände auf.

Wanderlust und Freiheitsstreben

Den Jazz habe er in seiner Kindheit nicht bewusst, sondern eher osmotisch in sich aufgesogen, hält Carlberg fest, sein Vater sei ein grosser Jazzfan gewesen. Schliesslich begann er im Jazz Dinge zu entdecken, die er im klassischen Klavierunterricht vermisste: ein Gefühl für Freiheit, Individualität, mitreissende Grooves. Die Wanderlust der Jugend («ich wurde sehr spät erwachsen») und das Bestreben, mehr über den Jazz in dessen Ursprungsland zu erfahren, liessen in Carlberg den Wunsch reifen, den grossen Teich zu überqueren: «Ich wollte weg aus Finnland. In den USA konnte ich anonym in ein Vakuum eintauchen, ich kannte dort nichts und niemanden und mein Englisch war sehr lückenhaft.»

Eine Mischung aus Talent, Neugier und glücklichen Umständen führte dazu, dass sich der Finne in seiner Umgebung immer wohler zu fühlen begann. Die Bush-Regentschaft erfüllte ihn zwar mit Grauen, aber er blieb und gibt sich heute überzeugt: «Schlimmer kann es gar nicht mehr werden.»

Fokussierung statt Verzettelung

Von dogmatischen Definitonen des Begriffs Jazz hält Carlberg nichts. Im Jazz geht es für ihn darum, auf der Basis einer gemeinsamen Grundlage zu eigenständigen Positionen zu gelangen. Als wichtige Mentoren nennt Carlberg denn auch Nonkonformisten wie Jimmy Giuffre, Paul Bley und Ran Blake. Nach dem Besuch der Jazzkaderschmiede Berklee machte Carlberg auch noch einen Abstecher ans New England Conservatory in Boston, wo er die Sängerin Christine Correa kennenlernte (auch für sie ist Amerika übrigens die Wahlheimat, sie stammt aus Indien). Diese Begegnung wurde sozusagen zur Initialzündung für seine Textvertonungen. Inzwischen haben Carlberg und Correa zwei Kinder gezeugt und sind nach Brooklyn gezogen.

Für Carlberg befindet sich heutzutage nicht nur der Jazz, sondern die Kunst ganz generell in einem Zustand der Verzettelung: «Früher gab es starke Pole, zwischen denen man sich entscheiden musste. Heute besteht die Herausforderung darin, viel Interessantes links liegen zu lassen, um sich auf etwas fokussieren zu können.» Dass er weiss, wo sein künstlerischer Fokus liegt, beweist Carlberg mit seiner neuen CD: «The American Dream» ist ein 12-teiliger Song-Zyklus, dem Gedichte von Robert Creeley zugrunde liegen und den er mit derselben Band wie das Vorgängeralbum «State of the Union» aufgenommen hat. Nach den Alben «Home» und «So There» von Steve Swallow liegt damit ein drittes Werk aus der Jazzecke vor, das Creeleys Suche nach dem Transzendentalen im Alltäglichen auf ingeniöse Weise in musikalischen Gefilden weiterführt. Erschienen ist «The American Dream» auf dem Label Red Piano Records, das Carlberg mit ein paar Kollegen ins Leben rief.

2009