Hochspannungs-Saxofonist
Nach langer Krankeit ist Michael Brecker (29. März 1949, Philadelphia, bis 13. Januar 2007, New York) im Alter von 57 Jahren gestorben. Mit ihm verliert der Jazz einen begnadeten Saxofon-Virtuosen.
Tom Gsteiger
Wer Michael Brecker nach seinem grossen Vorbild fragte, erhielt eine eindeutige Antwort: «Ich bin ganz stark von John Coltrane beeinflusst. Er ist für mich einer der grössten Musiker des 20. Jahrhunderts. Er änderte das Saxofonspiel von Grund auf und damit auch den Jazz.»
Mit seinen Kollegen Dave Liebman und Joe Lovano spielte Michael Brecker 2004 das beeindruckende Album «Gathering of Spirits» ein, auf dem mit «India» und «Peace on Earth» auch zwei Coltrane-Nummern zu hören sind. Ein Jahr später hätten die drei Ausnahmesaxofonisten am Jazzfestival Willisau auftreten sollen, doch Brecker fehlte. Sein Leben hing damals bereits an einem dünnen Faden, bei ihm wurde eine spezielle Form von Leukämie (Myelodysplastisches Syndrom) festgestellt. Nachdem sich sein Zustand in den letzten Wochen wieder ein bisschen verbessert hatte - er konnte vorübergehend in den Schoss seiner Familie zurückkehren -, ist er nun an den Folgen dieser tückischen Krankheit gestorben.
Brecker wurde nachhaltig geprägt von Coltranes architektonischen Fähigkeiten, also der Art, wie dieser seinen Soli eine klare Struktur gab durch den Gebrauch von Skalen und ausgeklügelten Tonfolgen. Wer sich dieser Improvisationsweise bedient, muss gehörig aufpassen, dass sein Spiel nicht mechanisch wird – durch seine Intuition, seine mentale Fitness und seinen ausgeprägten Sinn für Dramatik wusste Brecker dieser Gefahr meistens auszuweichen. Brecker war ein begnadeter Virtuose mit einer blitzschnellen Auffassungsgabe. Unzählige Saxofonisten haben ihre Zeit mit dem Üben der berühmt-berüchtigten Brecker-Licks vergeudet, um schliesslich zur bitteren Erkenntnis zu gelangen: Der Mann ist eine Klasse für sich!
Michael Brecker kam am 29. März 1949 in Philadelphia auf die Welt. Seine Meriten erspielte sich der seit 1970 in New York lebende Saxofonist im aufgeputschten Klima der Jazz-Rock-Szene. Später machte er keinen Hehl daraus, dass damals in Musikerkreisen das Kokain ziemlich frei zirkulierte. Damit lässt sich zu einem guten Teil erklären, warum damals viele Musiker in Rekordzeit von 0 auf 100 beschleunigten und den künstlerischen Wert von Stille und Pausen vollkommen ignorierten. Auch Brecker jagte wie von einem «horror vacui» gejagt durch die Register seines Instruments – oft unisono mit seinem Bruder, dem Trompeter Randy Brecker, mit dem er die ausserordentlich erfolgreiche Hochleistungstruppe «Brecker Brothers» betrieb.
Die hervorstechendsten Charakteristika von Breckers Stil sind: Flinkfingrigkeit, Intonationssicherheit auch in Extremlagen, ein hymnischer Sound voller «vox humana» und eine schier unfassbare harmonische Kurvensicherheit. Im Laufe der Jahre hat sich Brecker erfolgreich darum bemüht, sein Spiel mit mehr direkter Emotionalität aufzuladen und dafür auf den einen oder anderen superschnellen Schlenker zu verzichten (eines der beeindruckendsten Brecker-Soli ist auf dem Album «Cosmic» des Schweizer Gitarristen Harald Haerter dokumentiert: eine zugleich draufgängerische und konzise Dekonstruktion des Monk-Blues «Misterioso»).
Als flexibler und enorm gefragter Studio-Musiker kannte Brecker die kommerziellen Seiten des Musik-Business wie kaum ein anderer Jazzmusiker seiner Generation. Der Kommerzialisierung des Jazz stand er allerdings kritisch gegenüber - in einem seiner letzten Interviews hielt er fest: «Jazz ist nicht Entertainment, sondern eine Kunst, die sich mit komplizierten und subtilen Dingen beschäftigt. Die Musik entsteht jede Nacht neu und ist so spontan, dass sie es dem Publikum erlaubt, Teil des kreativen Prozesses zu werden.»
