Die Maximalisten


Der Pianist Malcolm Braff, der Bassist Bänz Oester und der Schlagzeuger Samuel Rohrer bilden seit 2001 ein Trio, das ungeahnte Energiereserven anzuzapfen versteht.

Tom Gsteiger

Über die Grenzen der technischen Reproduzierbarkeit des Jazz, dieser der Jagd nach dem erfüllten Augenblick verpflichteten Musik, wurde bereits viel philosophiert und spekuliert. Es gibt Musiker, bei denen sich diese Grenzen besonders deutlich offenbaren: die Meister der Ekstase, der Entfesselung und der Entgrenzung. Malcolm Braff - 1970 in Brasilien geboren, in Afrika aufgewachsen und schliesslich am Lac Léman in Vevey gestrandet - zählt zu ihnen. Wenn er sich an einen Flügel setzt, wachsen ihm Flügel. Und die Zuhörer bekommen das zu spüren, was der Schriftsteller Hans-Josef Ortheil in einem Mozart-Aufsatz «die sich ausdeklamierende Lebenslust und das enthusiastische Toben, dieser Gleichklang mit den Daseinsrhythmen» nennt.

Seit einem halben Jahrzehnt bildet Braff mit dem romantischen Rebellen Bänz Oester am Kontrabass und dem polymorph furiosen Schlagzeuger Samuel Rohrer das Mini-Orchester BraffOesterRohrer. Der bandwurmartige Name ist ein Indiz dafür, dass man sich nicht auseinanderdividieren lässt. Mit einem im Fussball gerne verwendeten Spruch bringt Oester den Kollektivgeist des Triumvirats auf den Punkt: «Das Team ist der Star.» Die Auftritte des Trios dauern allerdings meistens länger als ein Fussballspiel, mit der Volksweisheit «In der Kürze liegt die Würze» können die drei spielwütigen und experimentierfreudigen Vollblutmusiker definitv nichts anfangen. Die zweite CD von BraffOesterRohrer heisst nicht von ungefähr «Maximal Music» (Unit).

«Wenn man sich die nötige Zeit nimmt und eine gewisse Intensität genug lange aufrechterhält, stösst man plötzlich in neue Dimensionen vor», erläutert Oester den Expansionsdrang der Band, der es tatsächlich immer wieder gelingt, das Publikum in Trance-hafte Zustände zu transportieren. Zu den Gestaltungsmitteln, die das Trio mit seltener Meisterschaft beherrscht, gehören insbesondere weit gespannte, nicht selten zu orgiastischer Wucht anschwellende Energiekurven sowie das Hinauszögern von Schlüssen. Braff meint denn auch lapidar: «Ich mag Schlüsse nicht.» Die Organisationsform von BraffOesterRohrer ist irgendwo zwischen Anarchie und Demokratie anzusiedeln - der Schlagzeuger hält denn auch klipp und klar fest: «Jeder kann jederzeit machen, was er will. In anderen Gruppen kann ich mich nicht so intensiv und persönlich ausdrücken.»

Ihre Konzerte nehmen die drei Musketiere jeweils ohne vorgängige Absprachen in Angriff. Oester führt aus: «Wir haben einen Topf mit Stücken, aus dem wir spontan auswählen. Uns kommen Stücke entgegen, die mehr rhythmische als harmonische Informationen enthalten und die sich leicht umarrangieren lassen.» Das Trio-Repertoire ist organisch gewachsen (und wächst immer weiter); neben Eigenkompositionen enthält es auch so populäres Treibgut wie «Norwegian Wood» von den Beatles, Jacques Brels «Amsterdam» oder ein Stück aus dem Fellini-Streifen «La Strada». Im Gegensatz zum gehypten Trio e.s.t. verwenden BraffOesterRohrer nicht pfannenfertige Rezepturen, sondern lassen sich vom Marktangebot zu überraschenden Menüfolgen inspirieren. Mit anderen Worten: Wir haben es hier mit magistralen Improvisatoren zu tun, die bereit sind, sich der Magie des Moments voll und ganz auszuliefern.