Wohltemperiertes Phrasieren und enthusiastisches Toben
Mit dem Pianisten Malcolm Braff stiess 2005 eine ungemein passionierte und profilierte Künstlerpersönlichkeit zum Lehrkörper der Jazzschule Basel – besonders am Herzen liegt ihm die lebendige Vermittlung seiner ausgefeilten Rhythmus-Konzepte.
Über die Grenzen der technischen Reproduzierbarkeit des Jazz, dieser der Jagd nach dem erfüllten Augenblick verpflichteten Musik, wurde bereits viel philosophiert und spekuliert. Es gibt Künstler, bei denen sich diese Grenzen besonders deutlich offenbaren: die Meister der Ekstase, der Entfesselung und der Entgrenzung. Der Pianist Malcolm Braff aus Vevey zählt zu ihnen. Das bevorzugte Revier von Braff ist die Bühne. Seine Auftritte gleichen einem Drama in vier Akten.
Im ersten Akt geht es darum, die Herzen des Publikums zu erobern – dies ist meistens im Handumdrehen vollbracht. Der zweite Akt besteht darin, die Begeisterung schrittweise in ungeahnte Dimensionen zu steigern. Der dritte Akt bringt die Verknüpfung von Ekstase und Katharsis. Vierter Akt: Die Ruhe nach dem Sturm. Als Zuhörer wird man überwältigt, aufgewühlt und durchgeschüttelt, man bekommt das zu spüren, was der deutsche Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil in einem kurzen Aufsatz über Mozart «die sich ausdeklamierende Lebenslust und das enthusiastische Toben, dieser Gleichklang mit sonst verborgenen, tiefsitzenden Daseinsrhythmen» genannt hat. Man kann gut verstehen, dass Braff nicht allzu gerne Aufnahmen macht – seine CDs betrachtet er als notwendiges Übel, als «publicité», ohne die auch im Jazz nicht mehr viel läuft.
Bei aller urwüchsigen Energie und draufgängerischen Dringlichkeit, die in ihr steckt, ist Braffs Musik mitnichten ein Naturwunder, hinter ihr steckt vielmehr ein von analytischer Neugier geprägter Forschungsdrang – in diesem Zusammenhang ist es sicherlich nicht falsch, eine Parallelle zu John Coltrane zu ziehen, der ja auf geradezu paradigmatische Weise zeigte, dass Ekstatik und Systematik durchaus zwei Seiten derselben Medaille sein können. Während Coltrane vornehmlich auf dem Gebiet der Harmonik forschte, gilt Braffs Hauptinteresse dem Rhythmus. Nun könnte man vermuten, dass dieses Interesse darauf zurückzuführen ist, dass der 1970 in Brasilien geborene Braff einen grossen Teil seiner Kindheit (1973 bis 1982) in Afrika (Kapverden und Senegal) verbrachte. Braff winkt ab: «Ich kenne die afrikanische Musik nicht, sie ist meines Erachtens sowieso nur Initiierten zugänglich. Ich kann nur sagen, dass sie mich auf Ideen bringt. Punkt! Meine Ideen basieren auf vielen indirekten Einflüssen. Ich will kein Prediger sein, der eine Tradition weitergibt, denn ich verfüge gar nicht über eine in sich geschlossene Tradition. Was ich dagegen weitergeben möchte, ist eine Einstellung, die der Recherche und dem Experiment viel Platz einräumt.»
Seine rhythmischen Konzepte und Übungen hat Braff unter dem Titel «Polyrhythmik und der wohltemperierte Phrasierapparat» zusammengefasst. «Es gibt nicht nur die binäre und die ternäre Phrasierung, sondern auch noch unendlich viele Zwischenstufen. Mein Ziel ist es, die Sensibilität für die Phrasierung sowie die Freiheit und Unabhängigkeit im Bezug zum Grundpuls zu erhöhen», sagt Braff, dem als Ideal sogar eine neue Form der Notierung vorschwebt. Durch Sattelfestigkeit im rhythmischen Bereich wird natürlich auch das Sensorium für die interaktiven Möglichkeiten des Jazz geschärft. Interplay und Improvisation sind denn auch die zwei Aspekte, die Braff am meisten am Jazz interessieren.
Das Musikmachen bezeichnet Braff als «privilegiertes Mittel, die Einheit mit der Welt zu spüren, im Moment aufzugehen». In seinem Leben haben aber neben der Musik durchaus noch andere Herzensangelegenheiten Platz. Braff ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Mit Freunden widmet er sich der Erfindung von Brettspielen. «Ich spiele generell gerne mit Systemen», sagt Braff, der seine Finger übrigens nicht nur über Klavier- und Computertasten, sondern auch über Füsse gleiten lässt: eine Ausbildung zum Fussreflexzonen-Masseur steht kurz vor ihrem Abschluss. Seinen eigenen Füssen mutete Braff im Sommer 2003 eine grosse Strapaze zu: Drei Monate lang war er auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela unterwegs. «Ich habe das nicht wegen der Religion gemacht. Ich bin zwar gläubig, aber nicht in einem dogmatischen Sinne», meint der Sohn eines Adventisten-Predigers dazu. Rationalität und Spiritualität, Ernsthaftigkeit und Spieltrieb, Introspektion und Extrovertiertheit gehen in Braffs Fall Hand in Hand.
Zum Jazz kam Braff spät. Er erinniert sich: «Im Alter von 19 Jahren war ich in ein Mädchen verliebt, dem ich ans Jazzfestival Montreux folgte. Da ich nicht viel Geld hatte, klapperte ich die Gratiskonzerte ab – eine Hardbop-Gruppe, die sich The Wizards of Oz nannte, schlug mich total in ihren Bann.» Von da an ging alles sehr schnell. Unser Jazznovize schrieb sich an der Jazzschule in Lausanne ein, die er allerdings nach kurzer Zeit unfreiwillig verlassen musste. Davon liess sich Braff nicht beirren: Mit 21 nahm er ein Bigband-Album auf und hatte seinen ersten wichtigen Auftritt. Vom klassischen Klavierunterricht, den Braff ab dem 5. Lebensjahr erhielt, und den adoleszenten Rock-Umtrieben ist heute in seinem Spiel nicht mehr viel zu spüren.
Im Zentrum von Braffs Schaffen steht zur Zeit das im Sommer 2001 ins Leben gerufene Trio BraffOesterRohrer : Der bandwurmartige Bandname ist bewusst gewählt und soll zeigen, dass wir es hier mit einer verschworenen Einheit zu tun haben. Zu dieser grossartigen Formation, von der bisher die Alben «The Tide Is In» (TCB) und «Maximal Music» (Unit) erschienen sind, gehören neben Braff der rebellische Romantiker Bänz Oester am Kontrabass und der furios polymorphe Schlagzeuger Samuel Rohrer (Oester unterrichtet ebenfalls in Basel). Mit einem von gewissen Fussballtrainern gerne verwendeten Spruch bringt Oester den Kollektivgeist der Band auf den Punkt: «Das Team ist der Star.» Die Auftritte von BraffOesterRohrer dauern allerdings in der Regel länger als ein Fussballspiel. Mit der Volksweisheit «In der Kürze liegt die Würze» können die drei Musiker definitiv nichts anfangen. Zu den Gestaltungsmitteln, die das Trio mit seltener Meisterschaft beherrscht, gehören insbesondere weit gespannte, nicht selten zu orgiastischer Wucht anschwellende Energiekurven sowie das Hinauszögern von Schlüssen. Braff meint denn auch lapidar: «Ich mag Schlüsse nicht.» Die Organisationsform des Trios schwankt zwischen Demokratie und Anarchie. Selbstverständlich nimmt man aufeinander Rücksicht und trotzdem meint Rohrer: «Jeder kann jederzeit machen, was er will. In anderen Bands kann ich mich nicht so intensiv und persönlich ausdrücken.» Und Braff, der das Trio als Glücksfall empfindet, doppelt nach: «Die Musik ist sehr frei und interaktiv. Ich spiele mit zwei wunderbaren Musikern, die auch gute Freunde sind. Da wird sehr viel Energie frei.»
I
