Die Albträume des Ran Blake


Der Pianist Ran Blake und der Saxophonist Anthony Braxton fanden vor zehn Jahren (1988) zu einem informellen Duo zusammen: Die gelungenen Standards- und Originals-Interpretationen liegen nun auf CD vor.

Tom Gsteiger

Die Inspirationsquellen des 1935 geborenen Ran Blake sind disparat, aber er fügt sie mit sicheren Händen zu einem unverwechselbaren Personalstil zusammen. Ellington und Monk haben in Blakes Pianospiel deutliche Spuren hinterlassen, aber auch die schwarze Gospelmusik ist für den weissen Intellektuellen von grosser Bedeutung, dazu kommen Einflüsse aus der E-Musik - etwa die Verschrobenheit eines Charles Ives oder die essentielle Knappheit eines Anton Webern -, Aussermusikalisches fliesst in Blakes Musik, sei sie komponiert, sei sie improvisiert, ebenfalls ein: Blake ist ein Filmliebhaber, vor allem das kontrastreiche «Chiaroscuro» des deutschen Expressionismus und des amerikanischen (von allerlei europäischen Emigranten geprägten) «Film Noir» hat es ihm angetan, und dann sind da noch seine Albträume: In einem besucht Blake als Gast seine eigene Beerdigung.

Der Musikwissenschafter und «Third-Stream»-Komponist Gun-ther Schuller, der Blake mit Nachdruck förderte (1973 schuf Schuller am New England Conservatory of Music eine auf Blake zugeschnittene Stelle), nannte ihn einen «Impressionisten und Stimmungsmaler». Blakes Impressionen verfügen nicht selten über scharfe Konturen, warten mit unerwarteten, ja zuweilen exzentrischen Verzierungen auf. Blake ist alles andere als ein typischer Jazzpianist, sein Spiel swingt und groovt nur selten. Dafür überrascht er mit einer ganz eigenen Harmonik und einem ausgeprägten Soundbewusstsein: Und manchmal versucht er sogar, auf dem Klavier zu singen: «Ich bin wohl der einzige Pianist meiner Generation, der stärker von Sängerinnen wie Billie Holiday, Mahalia Jackson und Abbey Lincoln beeinflusst wurde als von Bud Powell», sagt er.

Starke Stimmungen

Das erste Meisterwerk in Blakes eher schmalem Oeuvre ist das 1961 eingespielte Album «The Newest Sound Around», auf dem er zusammen mit der Sängerin Jeanne Lee zu hören ist, mit der er seit 1957 zusammenarbeitete: Hier ist Blakes Spiel fliessender als in späteren Aufnahmen, doch zeigt er sich bereits als Meister im Schaffen starker Stimmungen. Die Interpretation des Songs «Laura» ist besonders faszinierend («Laura» ist die Titelmelodie des gleichnamigen, 1944 von Otto Preminger gedrehten «Film-Noir»-Klassikers). In der ersten Hälfte der 80er Jahre nahm Blake für das italienische Label Soul Note die atmosphärisch dichten Alben «Duke Dreams» (eigenwillige Ellington- und Strayhorn-Interpretationen) und «Suffield Gothic» auf: Hier trifft Blake in einigen Nummern auf den Soul-Saxophonisten Houston Person, eine ungewöhnliche, aber geglückte Kombination, daneben nimmt sich Blake Stücke wie «Old Man River» und den Sousa-Marsch «Stars and Stripes Forever» vor, und es gibt einen schönen «Tribute to Mahalia», in dem auch das Weihnachtslied «Stille Nacht» auftaucht. Dem amerikanischen Jazzkritiker Francis Davis ist zuzustimmen, wenn er anmerkt, dass Blake keine stilistischen Präferenzen kennt, sondern auf Substanz abzielt.

«Cool Noir» in Wien . . .

1988 befanden sich Ran Blake und Anthony Braxton in Wien, um an der dreitägigen Konzertserie «Cool Noir» teilzunehmen. Blake trat mit Jeanne Lee auf, Braxton mit der Pianistin Marianne Schroeder; daneben präsentierte das aussergewöhnliche Festival Musiker wie Jimmy Giuffre, Bill Dixon und den Wiener «Third-Stream»-Musiker Franz Koglmann: Letzterer war auch einer der Mitorganisatoren von «Cool Noir». Einige Tage vor Beginn des Festivals fand eine Aufnahmesitzung mit Koglmanns Pipetet statt, bei der das Album «Orte der Geometrie» (HatHut/Musikvertrieb) entstand. Diese Aufnahmesitzung verlief beinahe reibungslos, die Musik war einige Stunden vor dem terminierten Ende im Kasten. Blake war als Gastmusiker an der Sitzung beteiligt, Braxton schaute unangemeldet im Studio vorbei: Spontan entschlossen sich die beiden Musiker, die verbleibende Studiozeit für eine Duo-Session zu nutzen. Die Zeit war knapp, also nahmen sich Blake und Braxton ein paar Standards - «You Go to my Head», «Just Friends», «Alone Together», «I'm Getting Sentimental Over You» - und vier Originals - Monks «Round Midnight», Parkers «Yardbird Suite», Davis' «Four» und Waldrons «Soul Eyes» - auf.

. . . und «Memory of Vienna»

Die Resultate dieser unvorhergesehenen Session liegen nun zum Glück unter dem Titel «A Memory of Vienna» (HatHut/Musikvertrieb) auf CD vor. Es gibt zwar eine Reihe von Musikern, die besser zu Blake passen als Braxton (er spielt hier ausschliesslich Altsaxophon und macht freundlicherweise sparsamer als auch schon von seinen Schnatter-Ketten Gebrauch). Aber dieser Einwand wiegt nicht sehr schwer, gibt es doch auf «A Memory of Vienna» eine ganze Reihe denkwürdiger Blake-Solo-Passagen; vor allem in den Balladen zeigt er sich als unheimlicher «Stimmungsmaler».

25.02.1998