«Beim Spielen sollte man nicht zu viel denken»
Jim Black zählt zu den wirbligsten und kreativsten Schlagzeugern der progressiven New Yorker Szene - kürzlich erschien das fünfte Album seiner Band AlasNoAxis. Auch abseits der Bühne glänzt der Tausendsassa, bei dem das Wort Jazz ein gewisses Unbehagen auslöst, mit unerwarteten Steilvorlagen.
Für Jim Black gibt es kein Entweder-Oder. Er brauche die Logik und das Mysterium, sagt der 1967 geborene Schlagzeuger. In den Bands, in denen der kleine Wirbelwind mit bübischem Grinsen die Trommeln rührt, ist zumeist der Teufel los - gemütlicher Schaukelstuhl-Swing ist nicht die Sache Blacks.
Ungerade Balkan-Beats, krachende Rock-Grooves, ultraschnelle Postbop-Rasanz, befreites Pulsieren, atmosphärische Klangmalerei ... Black hat alles drauf und gibt allem einen eigenen Dreh: Sei es als Sideman in Bands wie dem Tiny Bell Trio des Trompeters Dave Douglas, dem Quartett Bloodcount des Saxofonisten Tim Berne, Carlos Bica’s Azul (mit Frank Möbus), dem Ellery Eskelin Trio oder der Two-Tenor-Band von Eskelin und David Liebman; sei es als Mitglied in den kooperativen Bands Pachora und Human Feel; sei es als Leader von AlasNoAxis. Diese Aufzählung ist natürlich extrem lückenhaft: Es ist nicht leicht, dem tifigen Black auf den Fersen zu bleiben, der von sich sagt: «Wenn ich spiele, bin ich wirklich in der Musik drin. Ich fokussiere mich ganz auf die Sounds, die ich höre. Es zählt nur noch der Moment. Ein Konzert ist ein heiliger Moment. Dabei kann man auch unheimlich viel Spass haben. Früher war das nicht immer so. Ich erinnere mich daran, wie ich total nervös wurde, als ich eines Abends Joe Lovano im Publikum erblickte. Damit wars passiert, ich verkrampfte mich und spielte schlecht. Beim Spielen sollte man nicht zu viel denken.»
Dass das Wort Jazz bei Black, der von Seattle via Boston (Studium in Berklee) nach New York gelangte, ein gewisses Unbehagen auslöst, hängt auch mit dessen Politisierung durch die Krawattenjazzer um Wynton Marsalis zusammen: «Ich weiss nicht genau, was dieses Wort bedeutet und irgendwie ist mir das auch egal. Wenn man das Wort Jazz wirklich am Leben erhalten will, dann muss es alles miteinschliessen.» Als Improvisator hole er sich Inspiration von überall her, hält Black fest. Darum mache es für ihnen keinen Sinn, darüber zu diskutieren, was besser sei: der Outsider-Rock der aus drei minderjährigen Schwestern bestehenden Gruppe The Shaggs oder Wayne Shorters «Nefertiti» in der Version des Miles Davis Quintet.
Aus der Kiste springen
Black ist offen für Musik, die seine Erwartungen über den Haufen wirft: «Neue Perspektiven zerstören das, was man bisher kannte, nicht. Sie helfen einem zu wachsen. Für mich ist es absolut notwendig, immer wieder aus meiner Kiste zu springen. Ich bin sehr neugierig.» Was die Auseinandersetzung mit Vorbildern anbelangt, meint Black: «Man kann etwas zu sehr lieben. Dann muss man sich davon lösen. Aus Respekt sollte man seinen Helden nicht zu nahe kommen. Es wäre seltsam für mich, wenn mein Spiel zu sehr nach Elvin Jones, Paul Motian oder Joey Baron klingen würde.»
Die Gründung des Quartetts AlaxNoAxis, für das er den Saxer Chris Speed, den Elektrogitarristen Hilmar Jensson und den Elektrobassisten Skuli Severrisson engagierte, war für Black nach dem Studium eine Art Reinigungsprozess, in dessen Verlauf er gewisse Kollateralschäden der Jazzausbildung rückgängig machte. «Ich hatte viele heimatlose musikalische Ideen, die einen Platz brauchten», erinnert er sich. Die meisten Stücke für AlasNoAxis komponiert Black auf der Gitarre. Als Inspirationsquellen nennt er Björk und Gruppen wie Radiohead, Soundgarden, Nirvana, Sonic Youth und Smashing Pumpkins, aber auch den sehr stark auf die Erzeugung kollektiver Energien ausgerichteten Free Jazz von Albert Ayler.
Tatsächlich wird bei AlasNoAxis sowohl auf Swing-Feeling als auch auf solistische Individual-Trips verzichtet. Black gibt die Generallinie vor, ist aber offen für Anregungen seiner Mitmusiker. Kürzlich erschien mit «Houseplant» (Winter & Winter) die fünfte CD von AlasNoAxis: Melancholische Hymnen, satte Grooves, rockige Sounds und Ambient-Elemente halten sich die Waage, der Tenorsaxofonist Chris Speed verzichtet ganz auf virtuose Mätzchen und agiert eher wie ein Sänger, wobei er seinen kehligen Sound zwischen dunklen und hellen Färbungen oszillieren lässt.
