10 Jahre Billiger Bauer: Omri Ziegele fährt die Ernte ein

Mit einer CD-Taufe eröffnet die Formation Billiger Bauer, die von Omri Ziegele seit einem Jahrzehnt ohne Agrarsubventionen am Leben erhalten wird, die 5. Ausgabe von «unerhört!» (23. bis 28. November 2006). Im Rahmen dieses Festivals wird der quirlige Unruhestifter auch noch sein erstes Grossbauern-Opus zur Uraufführung bringen.

Tom Gsteiger

Der Altsaxofonist und Kulturaktivist Omri Ziegele ist ein leidenschaftlicher und lustvoller Debattierer, der nicht nur der herrschenden Meinung gerne widerspricht, sondern auch sich selbst. Ein paar Beispiele gefällig? Er beziehe viel Energie aus seiner Minderheitsposition, sagt er, und belebt so den Mythos vom Künstler, der besonders schöpferisch ist, wenn er leidet. Andererseits hätte er nichts einzuwenden gegen einen zahlungskräftigen Mäzen. Ziegele schiesst aus allen Rohren gegen den «Museumskurator» Wynton Marsalis, der sich eine schicke Krawatte umbindet und die alten Meister imitiert; doch er gibt zu, dass auch er eine Art Wiedergänger ist: ein «Post-68er»-Nachfahre der rebellischen Generation der europäischen Free Music.

Frischware und Konserven

Der 1959 geborene Ziegele ist sich dieser Widersprüche durchaus bewusst, sie sind für ihn ebenso Teil seiner Existenz als nonkonformistischer Künstler wie seine Flausen - knapp und prägnant hält er fest: «Ich bin kein exakter Wissenschaftler.» Dreh- und Angelpunkt von Ziegeles Schaffen ist die Formation Billiger Bauer, die er vor zehn Jahren ins Leben rief und mit der er seither regelmässig in der Werkstatt für Improvisierte Musik (WIM) in Zürich auftritt - von den acht Mitgliedern, die dieser ungewöhnlichen Gruppe zur Zeit angehören, sind über die Hälfte (genau: fünf) von Anfang an mit dabei. Ziegele hält nichts von starren Hierarchien und klaren Rollenverteilungen: «Es geht darum, gemeinsam einen Weg zu beschreiten, ohne zu wissen, wohin uns dieser Weg führen wird. Unsere Musik schöpft ihre Energie nicht zuletzt aus den Momenten, in denen sich etwas ereignet, das alle überrascht.»

Das Feilbieten von Frischware ist natürlich mit dieser Philosophie, die das Prozesshafte der Musik betont, weitaus besser vereinbar als das Herstellen von Konserven - nichtsdestotrotz liegt mit «Edges & Friends» (Intakt) rechtzeitig zum 10-Jahre-Jubiläum der zweite Tonträger von Ziegeles Klangproduktionsgenossenschaft vor. Die Rezitation von Gedichten, die sich Ziegele einerseits selbst ausgedacht und andererseits bei Dylan Thomas und Robert Creely ausgeborgt hat, ist wiederum ein integraler Bestandteil der Werke, die viel Freiraum für spontane Interaktion lassen.

Der Grossbauer

Jazz ist für Ziegle «Augenblicksmusik», die Akademisierung dieser Kunstform ist ihm daher suspekt: «Da wird versucht, aus dem Jazz eine Art klassische Musik zu machen. Aber so killt man die ureigenste Kraft des Jazz.» Ziegele will dem Publikum kein fertiges Produkt auf dem Silbertablett servieren, ein Konzert ist für ihn eine Begegnung, die einen aus dem Alltag «herauslüpft». Als Mitglied der Organisation OHR setzt sich Ziegele seit vielen Jahren vehement für lebendige Formen der Präsentation ein. Dazu gehört auch das Festival «unerhört!». Während die erste Ausgabe bloss einen Konzertabend umfasste, dauert die 5. Ausgabe sechs Tage, wobei neben Konzerten in der Roten Fabrik, im Moods und im Theater Stadelhofen auch Veranstaltungen an Schulen geplant sind, mit denen die junge Generation auf eine Musik aufmerksam gemacht werden soll, die im medialen Trendgeschrei unterzugehen droht. Den Auftakt des Festivals wird der Billige Bauer mit Stücken von der CD und Ausschnitten einem neuen Programm bestreiten. Dazu kommt an einem weiteren Abend die Uraufführung des Werks «Make the Dust Dance», das Ziegele für eine um fünf Gäste erweiterte Version des Billigen Bauers geschrieben hat, die sich Der Grossbauer nennt.