Der erste grosse Minimalist der amerikanischen Musik

Die von Count Basie (1904-84) geleitete Bigband, in der zahlreiche bedeutende Solisten, allen voran der Tenorsaxofon-Poet Lester Young, mitwirkten, war der entspannteste Pulsgeber der Swing-Ära.

Auf vier können viele zählen, aber nur wenige besitzen die Gabe, dies immer im richtigen Tempo zu tun. William «Count» Basie war einer von ihnen. Basie war kein Klangalchemist wie Duke Ellington und er war lange nicht so erfolgreich wie Benny Goodman. Doch wer heute auf die Swing-Ära zurückblickt, der erkennt in dem schweigsamen, gutmütigen und oft betrunkenen Basie deren essenzielle Verkörperung – keiner sonst beherrschte das Wechselspiel zwischen Spannung und Entspannung so perfekt wie dieser Schulabbrecher aus Red Bank, New Jersey.

Nachdem er kreuz und quer durch die Lande gezogen war und Erfahrungen in Vaudeville-Shows und als Orgelbegleiter von Stummfilmen gesammelt hatte, begann Basie in den 30er-Jahren in Kansas City aufzublühen. Kansas City war damals ein Eldorado für Entertainer, Gangster und andere Gestalten der Nacht. Unter der Herrschaft des korrupten Tom Pendergast etablierte sich ein von Glücksspiel, Vergnügungssucht, Prostitution und sehr viel Bier und Schnaps geprägtes Klima. In diesem Milieu florierte auch der Jazz, der «einige der wenigen Entwicklungen in der Kunst darstellt, die ganz und gar im Leben armer Leute verwurzelt ist» (Eric Hobsbawm). Mittendrin: der stets gut gelaunte Herr Basie.

Bei den legendären Blue Devils und in der Band von Bennie Moten profiliert sich Basie als Mann mit Übersicht. 1935 stirbt Moten, Basie tritt sein Erbe an. Der profane Count kann für seine übermütige Truppe ein anderthalbjähriges Engagement im Reno-Club ergattern. Dieses Etablissement hat zwar nicht den besten Ruf ­ (ein Bier kostet 5 Cents, einen Whisky gibts für 15 Cents, Marihuana-Zigaretten werden im Dreierpack für einen Vierteldollar verhökert, und ein Besuch bei den Huren im ersten Stock schlägt mit zwei Dollar zu Buche), dafür werden die Bands, die dort auftreten, regelmässig «live» am Radio übertragen. Die Auftritte dauern an Wochentagen bis drei oder vier Uhr in der Nacht, am Wochenende wird bis acht Uhr gespielt!

Durch die Radio-Broadcasts wurde der unermüdliche Talentförderer und Politaktivist John Hammond auf Basie aufmerksam und holte ihn Ende 1936 nach New York. Damit stand Basies Aufstieg zu einem Hauptprotagonisten der Swing-Ära nichts mehr im Weg. Während der Maximalist Duke Ellington den Swing transzendierte und zu einer unvergleichlichen Kunstmusik voller neuartiger Klänge erhob, reduzierte der Minimalist Basie den Swing auf seine Essenz. Zugespitzt kann man sagen: Ellington komponierte, indem er addierte und multiplizierte, Basie, indem er redigierte und reduzierte. In seiner bahnbrechenden Studie «Stomping the Blues» kommt Albert Murray zum Schluss, die Arrangements der Basie-Band würden auf den gleichen Prinzipien beruhen, die man Ernest Hemingway 1917 beim Kansas City Star eingebläut hatte: «Benutze kurze Sätze. Benutze kurze erste Abschnitte. Sei positiv, nicht negativ. Vermeide den Gebrauch von Adjektiven».

Die Basie-Band der Dreissigerjahre verkörpert eine eigene Spielart des Swing: den Kansas-City-Stil. Dieser Stil verbindet die Bluestradition des Südwestens mit den Praktiken populärer Tanzmusik, wobei die Bedeutung von Arrangements stark relativiert wird durch eine am Jam-Session-Ethos geschulte Informalität. Basie in seiner Autobiografie «Good Morning Blues»: «Ich glaube nicht, dass wir damals mehr als vier bis fünf Seiten mit Noten vor uns hatten.» Die Musiker hatten die Musik also im Kopf. Ein guter Teil des Repertoires der Basie-Band bestand aus «head charts», ­damit waren ausgeklügelte formale Abläufe oder diffizile Klangschichtungen zum voraus ausgeschlossen. Transparente Texturen und eingängie Riffs zählen deshalb zu den hervorstechenden Charakteristika des KC-Stils. Aber das wichtigste ist zweifellos die ebenmässige, gleichermassen entspannte und mitreissende Einteilung der Zeit: ­Basie & Co. swingten nicht mit dem Vorschlaghammer, sondern mit einer Samtpfote, die allerdings jederzeit imstande war, scharfe Krallen auszufahren.

Dass Basies Band zum Inbegriff der Leichtigkeit des Seins wurde, hatte sie in erster Linie der «All American Rhythm Section» mit dem Stenografen Basie am Klavier, dem unermüdlichen Schrummler Freddie Green an der Gitarre, dem Bären Walter Page am Bass und dem eleganten Jo Jones am Schlagzeug zu verdanken – gemäss Ted Gioia waren sie die Urheber eines «permanent change in the rhythmic essence of African-American music». Dazu kam eine Reihe begnadeter Improvisatoren, die die Freiheit, die sie bei Basie genossen, zu schätzen wussten und sich dafür mit solistischen Glanzleistungen revanchierten – zum Beispiel die Trompeter Buck Clayton und Harry «Sweets» Edison oder die Tenorsaxofonisten Herschel Evans und Lester Young. Letzterer fand in der Basie-Band ein ideales Umfeld zur Entfaltung seiner melodischen Grazie. Basie schätzte die Qualitäten des sanftmütigen Nonkonformisten intuitiv richtig ein. Allen Eager, ein Tenorist in der Young-Nachfolge, hielt fest: «Er ersetzte die Rauheit des Jazz durch reine Schönheit.» Einer der grössten Fans von Young war der junge Charlie Parker. Young: «I just know we were all happy, always wanting to go to work and things like that.»

Die frühe Basie-Band ist auch als «The Old Testament» bekannt. In den Fünfzigerjahren schaltete Basie mit der «New Testament»-Band einen Gang höher. Um es in den Worten Peter Rüedis zu sagen: «Das Neue Testament rauschte los mit der Präzision einer High-Tech-Maschine, beschleunigte in Sekunden von null auf zweihundert und kochte wie der Teufel.» In dieser Band gaben nun vermehrt die Arrangeure den Ton an, unter ihnen Neal Hefti und Thad Jones. Während die alte Basie-Band köstliche Aufnahmen mit dem Blues-Shouter Jimmy Rushing machte, wurde der perfekte Swing der neuen Basie-Band von einem gewissen Frank Sinatra sehr geschätzt. ­ Count Basie starb 1984 kurz vor seinem 80. Geburtstag. Aber seine Musik lebt und mit ihr die Erinnerung an eine Zeit, als noch die Devise eines anderen Adligen des Jazz, Duke Ellington, galt: «It Don't Mean A Thing If It Ain't Got That Swing».

Das Kansas-City-Klassentreffen

Count Basie zählt auch zu den Protagonisten in Bruce Rickers Dok-Film «The Last of the Blue Devils», der nun auf DVD (Efor Films / MV) vorliegt. 1979 lud Ricker eine Reihe von Veteranen der Kansas-City-Szene zu einer Art Klassentreffen ein, um sie beim Musizieren und Parlieren zu beobachten. Der Film ist eine Mischung aus Jam-Session und «oral history», angereichert mit historischem Bildmaterial. Weil Ricker durchgehend auf einen Kommentar verzichtet, bleiben viele Reminiszenzen unverständlich. Und so sind es vor allem die Warmherzigkeit und der Humor der Musiker, die in Erinnerung bleiben.