Klangmagie ohne Klischees
Jon Balke zählt zu den wenigen wirklich visonären Tonsetzern unserer Zeit. Die Musik des Norwegers macht Mühe: Nicht beim Zuhören, wohl aber beim Versuch, sie in Worte zu fassen. Sie löst zwar Assoziationen in allerlei Richtungen aus, bleibt aber letztlich rätselhaft und exzentrisch, ohne affektiert zu wirken. Balke ist kein post-moderner Eklektizist, der mit den Genres jongliert, sondern ein eigenbrötlerischer Organisator von abstrakten Melodien, ungewöhnlichen Sounds und gleichermassen subtilen und komplexen Grooves.
In gewisser Weise erinnern Jon Balkes Methoden an den kauzigen Komponisten Charles Ives – beide kombinieren das scheinbar Disparate auf ungemein faszinierende Weise. Es gibt allerdings einen wichtigen Unterschied zwischen Ives und Balke. Letzterer lässt in seiner Musik viel Freiraum für Improvisation. Balke arbeitet nicht mit überfrachteten Partituren, sondern mit skizzenhaften Vorgaben, die von den Mitgliedern seines Magnetic North Orchestra (MNO) mit beeindruckender Intuition und hoher situativer Intelligenz gedeutet werden. Solistische Höhenflüge in herkömmlicher Jazzmanier gibt es dabei keine zu hören, wohl aber einen schier unerschöpflichen Reichtum im Umgang mit Klängen und Geräuschen.
Die Trompeter Per Jørgensen und Arve Henriksen – sie sind die einzigen Mitglieder im neuformierten MNO, die auch auf der im letzten Jahr veröffentlichten Aufnahme «Kyanos» (ECM) zu hören sind – lassen ihre Instrumente keuchen, schnauben und seufzen und einmal meint man gar, dem Klagegesang einer japanischen Sakuhachi-Flöte zu lauschen. Den Perkussionisten Ingar Zach und Helge Norbakken gelingt das Kunststück, Feinmechanik und Berserkertum unter einen Hut zu bringen. Balke selbst steuert pianistische Farbtupfer in Form mäandrierender Linien und luftiger Akkorde und ein paar sparsame Akzente aus dem Synthesizer bei – darüber hinaus nutzt er seinen Flügel auch als Perkussionsinstrument.
Zu diesen einer nonkonformistischen Jazzästhetik verpflichteten Musikern gesellen sich mit Bjarte Eike, Peter Spissky und Tom Pitt drei auf Alte Musik spezialisierte Streicher, deren unsentimentale Spielweise das facettenreiche Klanggeflecht, aus dem man zuweilen Naturgeräusche wie Wind, Wellenschlag, Laubrascheln oder Vogelgezwitscher herauszuhören meint, optimal ergänzt. Auch in der Behandlung der Streicherstimmen setzt sich Balke wesentlich radikaler von Konventionen ab als andere Grenzgänger wie zum Beispiel John Surman oder Pierre Favre.
Den Veranstaltern des kleinen, aber feinen Festivals Nordlys, dem Musikkollegium und «jazz in winterthur», ist es hoch anzurechnen, den eigenwilligen Klangmagier Balke in die Schweiz geholt zu haben. Der doch eher magere Publikumsaufmarsch legt allerdings die Vermutung nahe, dass das Interesse an nordischen Klängen rapide abnimmt, sobald das Terrain der Trends verlassen wird. Im Gegensatz zu Esbjörn Svensson, Bugge Wesseltoft oder Nils Petter Molvær, der wie aus der legendären Formation Masqualero hervorging, hat sich Balke nicht dem ephemeren Zeitgeist an den Hals geworfen, sondern sich der Suche nach dem Unerhörten verschrieben. Politur und Power interessieren ihn nicht – der Raum zwischen den Tönen und die seltsame Schönheit, die sich aus der Gleichzeitigkeit von Klarheit und Zufall ergibt, sind ihm wichtiger.
Oktober 2003
