Starke Statements
Den norwegischen Klangalchemisten Jon Balke gilt es hierzulande noch zu entdecken.
Ende Winter 2005. Der Himmel ist grau, leise rieselt der Schnee, mit der Strassenbahn fahren wir in ein Aussenquartier von Norwegens Hauptstadt Oslo, wo uns Jon Balke in einem Lokal der Kaffeehauskette Brenneriet erwartet. Die anregende Wirkung von Koffein spielte bei der Entwicklung eines aussergewöhnlichen Projekts, zu dem Balke 2002 den Startschuss gab, eine nicht zu unterschätzende Rolle. «Batagraf war am Anfang bloss eine Art Hobby. Mit ein paar Freunden wollte ich herausfinden, ob es nicht möglich wäre, eine zeitgemässe Perkussionsmusik zu entwickeln, die nicht folkloristisch daherkommt, aber auch nichts mit den metrisch rigiden Grooves des Computerzeitalters zu tun hat. So oft es ging, trafen wir uns in Übungsräumen oder zu Diskussionen in Cafés», erzählt Balke, der mit Nachdruck betont, dass es sich bei Batagraf nicht um seine Band, sondern um ein Kollektiv mit Forumscharakter handle.
Die erste CD von Batagraf, «Statements» (ECM), trägt allerdings ganz klar die Handschrift von Balke, der an den Keyboards für eine attraktive melodische Grundierung einer gleichermassen mitreissenden und komplex gewobenen Collage aus Musik und Sprache sorgt. Zuerst wollte Balke mit Songs arbeiten, doch das funktionierte nicht. Dann erinnerte er sich an die auf das nigerianische Volk der Yoruba zurückgehende Tradition der «sprechenden» Bata-Trommeln: Dies brachte ihn auf die Idee, sich näher mit dem rhythmischen und musikalischen Potenzial gesprochener Sprache auseinanderzusetzen. Balkes «Statements» sind auch ein Kommentar zu unserer Zeit, insbesondere zum Irak-Krieg, so rezitiert Sidsel Endresen in einem Stück Wörter aus dem euphemistischen Propagandavokabular des US-Militärs; eine weitere Ebene bilden Natur- und Alltagsgeräusche sowie Stimmen von Nachrichtensprechern. Diesem spannungsreiche Hörabenteuer, das von plumpem Agitprob ebenso weit entfernt ist wie von Gutmenschen-Pathos, liegt ein Produktionsprozesses zugrunde, der sich gemäss Balke ewig hätte in die Länge ziehen können: «Ich war ständig am Experimentieren und habe neue Dinge hinzugefügt. Irgendwann musste ich einen Schlussstrich ziehen.»
Zauber der Subtraktion
Dass Balke nicht nur ein Meister der Addition ist, beweist er als Spiritus Rector des Magnetic North Orchestra (MNO), das er 1992 im Alter von 37 Jahren ins Leben rief und von dem die ECM-Alben «Further», «Kyanos» und «Diverted Travels» vorliegen. Balke hat das MNO mehrmals radikal umbesetzt, von der ursprünglichen Besetzung ist neben ihm nur der Trompeter Per Jørgensen, ein «magischer Musiker» (Balke), übrig geblieben. Welches Ziel verfolgt der Pianist mit diesem ungewöhnlichen Klangkörper, in dessen aktueller Ausgabe zwei Jazzbläser, drei auf Barockmusik spezialisierte Streicher plus zwei Perkussionisten mitwirken? «Mir geht es darum, eine pulsierende Kammermusik zu entwickeln, in welcher sich komponierte und improvisierte Teile nicht abwechseln, sondern zwei Seiten derselben Medaille bilden. Dass kann so weit gehen, dass das komponierte Material für uns nur noch eine mentale Referenz darstellt, aber gar nicht mehr gespielt wird. Ich versuche, so wenig wie nötig zu komponieren. Flexibilität ist mir sehr wichtig, aber jedes Stück soll auch einen erkennbaren Charakter haben.» Balkes Kammerjazz fluktuiert zwischen fassbarer Melodik und poetischer Abstraktion und besticht durch Klangkombinationen, wie man sie bisher noch nie zu hören bekam. Die bevorzugten Aggregatszustände dieser zugleich organischen und rätselhaften Musik sind flüssig und gasförmig, die Energie, die in ihr schlummert, bricht sich manchmal in kurzen, überraschenden Eruptionen Bahn. Wer sich an solistischen Höhenflügen in herkömmlicher Jazzmanier ergötzen möchte, ist beim MNO definitiv an der falschen Adresse.
Steht das MNO in der Tradition eines typisch nordischen Sounds? Balke antwortet mit einer Gegenfrage: «Gibt es diesen Sound überhaupt?» Und fährt dann fort: «Die melancholische Melodik, wie wir sie zum Beispiel bei Edward Grieg oder auch Jan Garbarek finden, könnte ja zum Beispiel ein marokkanischer Komponist problemlos auch verwenden. Was für meine Musik wohl viel prägender ist als dieser Sound, ist das ganz spezifische Verhältnis, das wir hierzulande im Verhältnis zu Zeit und Raum pflegen. Ein guter Indikator dafür ist die Geprächskultur. Während man etwa in Mittelmeerländern sehr schnell und laut durcheinander redet, lassen wir uns Zeit. Wir schweigen auch gerne. Das gilt allerdings auch für die Navajo-Indianer.»
Der norwegische Jazzpianist und Komponist Jon Balke kam 1955 auf die Welt. Noch vor seinem 20. Geburtstag stiess er zur Gruppe seines Landsmanns Arild Andersen. Danach gehörte er zum legendären Quintett Masqualero, aus dem auch der Trompeter Nils Petter Molvær hervorging. Wichtige Erfahrungen im Bereich des orchestralen Jazz sammelte er mit der Gruppe Oslo 13, bevor er 1992 das Magnetic North Orchestra ins Leben rief.
